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Musée du Louvre, ParisLATEINUNDGRIECHISCHin Berlin und BrandenburgSäulen des Apollontempel in SideISSN 0945-2257Mitteilungsblatt des Landesverbandes Berlinund Brandenburg im DeutschenAltphilologenverband (DAV) http://davbb.deHerausgeber:Der Vorstand des Landesverbandes1. Vorsitzender:Prof. Dr. Stefan [email protected] Vorsitzende:StR Gerlinde Lutter · [email protected] WeinerBeisitzer:StR Wolf-Rüdiger Kirsch StD Dr. Josef RablRedaktion:StD Dr. Josef Rabl [email protected]: Peggy nto:IBAN: DE51 1605 0000 3522 0069 75BIC: WELADED1PMBMittelbrandenburgische SparkasseNamentlich gekennzeichnete Artikel müssen nicht unbedingt mit der Meinung des Vorstandes übereinstimmen. Anfragen bitte nur an die Schriftführung des Landesverbandes. – Nichtmitgliedern des Landesverbandesbietet der Verlag ein Jahresabonnement und Einzelhefte an.www.ccbuchner.deJAHRGANG LXIV / HEFT 1-2020I N H A LT Andreas Fritsch:Der junge Leibnitz würdigt Comeniusmit einem Gedicht3 Mitteilungen und Veranstaltungen 13 Sonja Schreiner:Gepaarte (A)symmetrie15 Josef Rabl:Auf der Jagd nach Bildern24 Klaus Bartels:Stichwort: Idee32 Friedrich Maier:Der Bürger zwischenLebensmodellen33 Aglaia Rachel-Tsakona:2. Schülerwettbewerb der Griechischen Botschaft, Berlin 202037 Friedrich Hölderlin:Griechenland (1793/94)40 Josef Rabl:Von Gottfreid Semper lernen41 Josef Rabl:Schöne Bücher –Sechs Rezensionen51 Impressum71C. C. BUCHNER VERLAG · BAMBERG

[email protected]: 05253-9758-539Fax: 05253-9758-540Ovid-VerlagRudolf HenneböhlIm Morgenstern 433014 Bad DriburgDer junge Leibnizwürdigt Comeniusmit einem Gedicht.Prof. Dr. Friedrich Maier„Imperium – von Augustus zum Algorithmus(Geschichte einer Ideologie)“224 Seiten [ISBN: 978-3-938952-36-8] – 10,- Epicedium in obitum Comenii.Zum Tod des Comenius vor 350 Jahren (1670)Was hat Augustus mit dem Algorithmus gemein? Die Herrschaftsdoktrin ist es,die beide verbindet. Sie ist von den Römern „entdeckt“, begründet und praktiziertworden. Das Imperium Romanum verdankt dem – seit dem vorletzen Jahrhundert so genannten – „Imperialismus“ seine Entstehung und Größe und seine überragende Wirkmacht über die Jahrtausende hinweg.Die Ideologie des Imperium Romanum hat das antike Rom überdauert und istin allen Formen von Herrschaft zum Tragen gekommen, weit über den Bereichder Politik hinaus. Sie ist gleichsam zu einem Herrschaftsmodell geworden auchfür Religionsverbreitung, Industrialisierung, Naturbemächtigung, Wirtschaftsdominanz und technologische „Welteroberung“.Der Weg, den das imperialistische Herrschaftsmodell von der Antike über dasMittelalter und die Neuzeit bis in das moderne digitale Zeitalter genommen hat,wird in diesem Buch mithilfe einschlägiger, meist lateinischer (aber übersetzter) Texte erforscht und verständlich dargestellt. Die Geschichte Europas undder Welt wird unter solchem Vorzeichen in einer neuen Weise verlebendigtund zugleich hinterfragt. In Hinsicht auf die Zukunft ergibt sich die Frage: wieund inwieweit wird sich die allseits prognostizierte Herrschaft der „Maschine“,d. h. des Superroboters und der Künstlichen Intelligenz, am antiken Muster derMachtausübung orientieren und welche Folgen sind daraus zu erwarten?Zur EinführungImperium und ImperialismusProf. Dr. Friedrich Maier / Rudolf HenneböhlDas große Klausurenbuch zur Autoren-Lektüre (Prosa)214 Seiten, vollfarbig [ISBN: 978-3-938952-34-4] – 22,- 60 Klausurtexte zu 19 Autoren jeweilsmit grammatischer Vorentlastung,Übungstext und Prüfungstext (Klausur). Eine kurze Einführung zu allen Autoren. Lösungen zu allen Texten u. Aufgaben. Eine Übersicht zur Gundgrammatik(zum Nachschlagen und Lernen) und ein Verzeichnis der Grammatik (zumgezielten Suchen nach Übungstexten).Das Buch ist gedacht als Materialsammlungfür die Ausbildung in Schule und Universität.Es kann im Unterricht (Grammatikeinführung und -wiederholung) und als Vorbereitung auf die Klausur verwendet werden.Studium generale(16 Seiten, A4, vollfarbig)3,- Grammatik und Vokabular(Grundlagen) als Lernbegleiter. Aufgrund des geringen Gewichtes können alleSchüler das Basiswissen jederzeit zur Hand haben.Hauptteil1. Das Doppelgesicht der HerrschaftDer grauenvolle Akt am Anfang2. „Barbaren“ als FeindbildEin Naturrecht auf Herrschaft?3. Herrschaft durch SprachePropaganda zwischen den Zeilen4. „Die Räuber der Welt“Hetzreden gegen das Imperium5. Der göttliche Augustusund sein „blutiger Frieden“6. Dichter am Cäsaren-HofHofieren oder Verlieren7. Cäsarenwahn und „Pressefreiheit“„das Äußerste an Knechtschaft“8. „In diesem Zeichen wirst du siegen.“Allianz zw. Antike und Christentum9. „Gerechte Kriege“ für die ChristenheitPolitik „im Zeichen des Kreuzes“10. „Europa“ – Herrin der WeltAuf den Fundamenten der Antike11. Christsein ohne Herrschaftsanspruch?Der franziskanische Widerspruch12. Die Herrschaft über die NaturIkarus – Symbol des Scheiterns13. „Die Macht des Algorithmus“Auf der Flucht ins UniversumNachbetrachtungDie Geschichte der ZukunftWarum interessiert die Vergangenheit?I– Von Andreas Fritsch –n den Mitteilungsblättern des Altphilologenverbandes gab es in den letzten Jahrzehntenschon mehrmals Hinweise auf Johann AmosComenius (1592–1670), da er nicht nur alsBegründer der neuzeitlichen Pädagogik, sondern auch als bedeutender Sprachdidaktiker1 gilt.Ein Großteil seiner Schriften ist in lateinischerSprache abgefasst und darüber hinaus auchspeziell dem Unterricht der lateinischen Sprachegewidmet. In seinem bedeutendsten sprachwissenschaftlichen und sprachdidaktischen Werkmit dem Titel Novissima Linguarum Methodus(„Die neueste Sprachenmethode”) behandelt erdie lateinische Sprache geradezu als ein „Modellvon Sprache”.2 Die Lateinlehrer und -lehrerinnenals Vertreter des ältesten Faches der deutschenSchule haben Grund, ihn als kompetenten Vertreter ihres Faches zu verstehen, ja auf ihn stolzzu sein, zumal viele seiner methodischen Ideenund Anregungen, die für den modernen Schulunterricht und besonders den Fremdsprachenunterricht (z.B. auch die „direkte” Methode) von ihm„vorweggenommen”, sorgfältig formuliert undinzwischen selbstverständlich geworden sind. Zuseiner Zeit war Latein in Europa die lingua franca,damals schon seit über tausend Jahren zwar niemandes Muttersprache mehr, aber in vielen Ländern die Sekundärsprache, in der sich die Wissenschaftler, Politiker und Diplomaten verständigenLGBB 01 / 2020 · JAHRGANG LXIVkonnten. Seine Vorschläge galten daher einerschnellen, angenehmen und sicheren Lehr- undLernmethode dieser Sprache als eines Kommunikationsmittels im Alltag, in der Wissenschaft undüberhaupt in der internationalen Verständigung.1 Vgl. z.B. „Zum 400. Geburtstag von Jan Amos Comenius”. In: Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes ( MDAV) 34 (1991), S. 102–104. ·„Von Comenius zu Horaz”. In: MDAV 35 (1992),S. 145–148. · „350 Jahre Didactica Magna”. In: ForumClassicum ( FC) 49 (2006), S. 250. · „Comenius undSeneca”. In: Latein und Griechisch in Berlin und Brandenburg ( LGBB) 51 (2007), S. 10-17. · „Daniel ErnstJablonski zum 350. Geburtstag geehrt”. [Jablonski warein Enkel von Comenius und zusammen mit Leibniz Mitbegründer der „Sozietät der Wissenschaften“, die heutein der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften fortlebt.] In: FC 53 (2010), S. 286-289. ·„Humanitas und Latinitas. Comenius als lateinischerSchriftsteller”. In: LGBB 59 (1/2015), S. 3-22 (imInternet: B 012015 web.pdf).2 Vor einem halben Jahrhundert forderte der Erziehungswissenschaftler Theodor Wilhelm für die Schule „Lateinplus eine moderne Fremdsprache“, als „unerlässlich,aber auch ausreichend“. Zwischen diesen beiden Sprachen seien die Funktionen ökonomisch zu verteilen.Latein sei besser als jede lebende Sprache geeignet(gerade weil es eine „tote“ Sprache sei), „Sprache alsein System sichtbar zu machen, als ein ‚Modell vonSprache überhaupt‘.“ Th. Wilhelm: Theorie der Schule.Hauptschule und Gymnasium im Zeitalter der Wissenschaften. Stuttgart 1967, S. 369.3

In diesem Jahr 2020 gedenkt die bildungshistorisch interessierte Welt seines 350. Todestages.Er starb am 15. November 1670 in Amsterdam,im niederländischen Exil, da er bald nach Beginndes Dreißigjährigen Krieges aus seiner mährischböhmischen Heimat vertrieben worden war. Ausdiesem Anlass wurden und werden noch mehrerez.T. internationale Konferenzen durchgeführt, diesein Lebenswerk in Erinnerung bringen, untersuchen und weiter auswerten sollen. In Berlin organisierten Mitglieder der Deutschen ComeniusGesellschaft zusammen mit anderen Institutioneneinen Comenius-Gedenktag am 29. Februar 2020.Beteiligt waren auch der Altphilologenverband,der Förderkreis Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung, der Förderkreis Böhmisches Dorfund die Evangelische Brüdergemeinde der Herrnhuter in Berlin Neukölln, da Comenius bekanntlich nicht nur Pädagoge, Philosoph und Theologe, sondern vor allem auch der letzte Bischofder Böhmischen Brüderunität war. Daher fanddie Veranstaltung auch im Kirchensaal der gastgebenden Brüdergemeine im Böhmischen Dorfin Berlin-Neukölln statt. Etwa hundert Besucher/innen fanden sich dazu ein. Vorträge hieltenTheodor Clemens, Bischof der Brüderunität, derErziehungswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Lischewski und der Unterzeichnete. Es gab nachalternativen Führungen durch den Comeniusgarten bzw. im Museum des Böhmischen Dorfesein Podiumsgespräch zwischen dem Theologenund Comeniusforscher Dr. Manfred Richter unddem Landesbischof i.R. der Ev. Kirche BerlinBrandenburg und oberschlesische Lausitz Dr.Markus Dröge über Möglichkeiten der ökumenischen Verständigung und Zusammenarbeitzwischen den Kirchen zur Zeit des Comenius undheute. Eingerahmt wurde das Wortprogrammdurch musikalische Darbietungen: Moritz Kayser,ein Jungstudent der Universität der Künste,spielte eine Cellosuite Solo von J.S. Bach, denAbschluss bildeten Lieder von Comenius und der3 Vgl. LGBB 59 (1/2015), S. 14f. und 22.4Der VortragMeine Damen und Herren,liebe Comenius-Freunde,dass der berühmte Jurist, Mathematiker und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716)im Alter von vierundzwanzig Jahren ein lateinisches Gedicht zu Ehren des gerade verstorbenen78-jährigen Johann Amos Comenius verfasst hat,dürfte nicht jedem geläufig sein. Erst durch diejüngere Leibniz- und Comeniusforschung ist dasmehr und mehr bekannt geworden. Das LeibnizArchiv in Hannover besitzt davon sogar Originalhandschriften von Leibniz selbst. (Eine verkleinerte Kopie ist auf der Abbildung unten zu sehen.)Das auf dem Foto wiedergegebene Ölgemälde vonComenius (92 x 72 cm) befindet sich heute im Museum derpolnischen Stadt Leszno (Inv.-Nr. MLS 1493). Nach Angabendes Museums wurde es im Jahr 1835 von Ferdinand Gregorgeschaffen. Als Geburtsjahr des Comenius (natus) wird unter dem Bild richtig 1592 genannt; als Todesjahr (defunctus)ist irrtümlich 1671 angegeben, vielleicht weil Leibniz erstgeraume Zeit nach dem Todestag (15. November 1670) vomTod des Comenius erfuhr und das Trauergedicht (Epicedium)erst im Jahr 1671 abschickte.Böhmischen Brüder, gesungen vom Chor der Brüdergemeine unter Leitung des Kantors WinfriedMüller-Brandes.Da es sich um eine Gedenkveranstaltung anlässlich des Todes von Comenius vor 350 Jahren handelte, brachte ich in Abstimmung mit den beteiligten Veranstaltern das lateinische Trauergedichtvon Leibniz in Erinnerung. Dieses Gedicht ist zwarin dieser Zeitschrift schon einmal kurz vorgestelltworden.3 Diesmal konnte ich aber etwas ausführlicher auf den berühmten Autor Leibniz undseine Beziehung zu Comenius eingehen. Es folgthier der Text meines Vortrags, wobei der Wortlaut weitestgehend beibehalten ist. Hinzugefügtwurden nur einige Anmerkungen und Literaturhinweise.JAHRGANG LXIV · LGBB 01 / 2020Die Fotokopie dieser Originalhandschrift des Gedichts vonLeibniz ist dem Aufsatz von Hartmut Hecht entnommen:„Der junge Leibniz über Johann Amos Comenius. EineLaudatio in Versen”. In: Werner Korthaase, Sigurd Hauff,Andreas Fritsch (Hrsg.): Comenius und der Weltfriede.Comenius and World Peace. Berlin: Deutsche ComeniusGesellschaft 2005, S. 377–390.Wer Comenius war, ist im Kreis der Anwesendeneinigermaßen bekannt. Ich fasse seine Bedeutung für die Pädagogik schlagwortartig mit einerFormulierung aus einem modernen „Wörterbuchder Pädagogik” zusammen. Demnach gilt er alsLGBB 01 / 2020 · JAHRGANG LXIV„erster großer Theoretiker einer systematischenund umfassenden Pädagogik”.4 Seine ‘pansophische’ Erziehungs- und Bildungslehre stellt nichtnur „den Höhepunkt der Barockpädagogik” dar,sondern sie hat viele Probleme der modernen Pädagogik „vorweggenommen”, wie z.B. Bildungfür alle, Jungen und Mädchen aus allen Schichten, Chancengleichheit, Vorschulerziehung, Learning by Doing, lebenslanges Lernen, Erwachsenenbildung und viele andere Prinzpien, die heutevielleicht trivial und selbstverständlich erscheinenmögen, zu seiner Zeit aber und noch lange danach als „Utopische Träume” eingestuft wurden.5Die Comeniusforschung entdeckt auch jetzt nochimmer wieder neue Aspekte seines etwa 250Titel umfassenden Gesamtwerks,6 wobei die vielen zum Teil sehr umfangreichen Briefe noch garnicht mitgezählt sind. Nach der Vertreibung ausseiner Heimat, dem heutigen Tschechien, wandteer sich mit seinen Reformvorschlägen für Politik,Pädagogik und Theologie nicht mehr nur an seine böhmisch-mährischen Landsleute, sondern anganz Europa und benutzte dafür die lingua francaseiner Zeit, die lateinische Sprache. Etwa Dreiviertel seiner Werke sind in dieser Sprache abgefasst. Daher habe ich selbst einige Aufsätzezum Latein des Comenius verfasst und fühle michbefugt, hier ein lateinisches Gedicht vorzustellen,das Leibniz, der letzte Universalgelehrte Europas,als junger Mann auf Comenius verfasst hat.4 Winfried Böhm: Wörterbuch der Pädagogik. 14.,überarbeitete Aufl. Stuttgart: Kröner 1994, S. 151.5 Vgl. Johann Gottfried Herder, 57. Brief der Briefe zuBeförderung der Humanität. 124 Briefe in 10 Sammlungen. Ausgabe Riga 1793–97; der 57. Brief („über denmenschenfreundlichen Comenius”) erschien 1795.Vgl. Reinhard Golz, Werner Korthaase, Erich Schäfer(Hg.): Comenius und unsere Zeit. Geschichtliches, Bedenkenswertes, Biographisches. Baltmannsweiler: SchneiderVerlag Hohengehren 1996, S. 201–214, hier 205.6 Vgl. Klaus Schaller: Johannes Amos Comenius. Ein pädagogisches Porträt. Weinheim, Basel, Berlin: Beltz (UTB)2004, S. 13.5

Für die Wiederentdeckung, Veröffentlichung undÜbersetzung dieses Gedichts ist mehreren Wissenschaftlern zu danken. Erstmals gedruckt wurdees offenbar erst 1847 in der Ausgabe von GeorgHeinrich Pertz.7 In jüngerer Zeit haben sich vor allem Hartmut Hecht (1993 und 2005)8 und KonradMoll (2004)9 um die Bekanntmachung dieses Gedichts verdient gemacht.10 Seit 2006 ist es auchin der kritischen Leibniz-Edition zu finden.11 Eslagen seit 1892 einzelne deutsche Übersetzungen vor.12 Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Comenius-Gesellschaft, Werner Korthaase(1937–2008), bat mich seinerzeit um eine Neuübersetzung, die erstmals 1996 in dem von Golz,Korthaase und Schäfer herausgegebenen Band„Comenius und unsere Zeit” erschien. MeineÜbersetzung verzichtete auf das antike Versmaß,7 G.W. Leibniz, Gesammelte Werke, hg. von G.H. Pertz,1. Folge, Bd. 4, Hannover 1847, S. 270.8 Hartmut Hecht: „Die Handschriften des LeibnizschenGedichts auf Johann Amos Comenius“. In: ComeniusJahrbuch 1, 1993, S. 83–90. – Ders.: „Der junge Leibnizüber Johann Amos Comenius. Eine Laudatio in Versen”.In: Werner Korthaase, Sigurd Hauff, Andreas Fritsch(Hg.): Comenius und der Weltfriede. Comenius andWorld Peace. Berlin: Deutsche Comenius-Gesellschaft,2005, S. 377–390.9 Konrad Moll: „Leibniz, Comenius, Bisterfeld. Die Ambivalenz des Menschen zwischen Weltordnung und Chaos”.In: Comenius-Jahrbuch 9-10/2001-2002 (erschienen2004), S. 44–61.10 Milada Blekastad hat das lateinische Gedicht bereits1969 in ihrem Standardwerk (ohne Übersetzung) veröffentlicht: Comenius. Versuch eines Umrisses von Leben,Werk und Schicksal des Jan Amos Komenský. Oslo:Universitetsforlaget / Praha: Academia, S. 678.11 Leibniz, Sämtliche Schriften, 2. Reihe PhilosophischerBriefwechsel, 1. Band, Berlin: Akademie Verlag 2006, S.188 ( im PDF der Internet-Ausgabe auf S. 243): e 1.12 Theodor Renaud: „An Johann Amos Comenius”. In:Monatshefte der Comenius-Gesellschaft, 1. Jahrgang1892, S. 168 f. – Dietrich Mahnke: „Der Barock-Universalismus des Comenius“, 2. Teil. In: Zeitschrift für Geschichte der Erziehung und des Unterrichts, 22. Jg. 1932,S. 61–90 (Übers. auf S. 90). Im Internet: 41 0017/3/.13 Albert Einstein: Mein Weltbild. Hrsg. von Carl Seelig.Frankfurt/M., Berlin: Ullstein 1964; bes. S. 19.6bemühte sich aber um rhythmische Prosa; sie istseitdem mehrmals an verschiedenen Stellen abgedruckt oder zitiert und auch in der genanntenLeibniz-Edition erwähnt worden.Es stellen sich die Fragen: Warum ausgerechnetLeibniz das Gedicht verfasst hat, und warum hater es in kunstvollen lateinischen Versen gestaltet, d.h. in klassischen Distichen, die jeweils auseinem Hexameter und einem Pentameter bestehen?Warum lateinisch?Diese Frage beantworte ich mit einem Zitat vonAlbert Einstein (1879–1955), dem großen Physiker des 20. Jahrhunderts. Er schrieb in einer Stellungnahme nach der Gründung des Völkerbundes(1919 in Genf) u.a.: „Noch im siebzehnten Jahrhundert sind die Wissenschaftler und Künstlervon ganz Europa so fest durch ein gemeinsamesidealistisches Band verbunden gewesen, daß ihreZusammenarbeit durch die politischen Ereignissekaum beeinflußt wurde. Der Allgemeingebrauchder lateinischen Sprache festigte noch die Gemeinschaft. Heute schauen wir auf diese Situationwie auf ein verlorenes Paradies.”13 Somit gehörenviele Schriften von Leibniz, der sonst auch deutschund französisch schrieb, nach heutigem Verständnis zur sog. „neulateinischen Literatur”.14An Umfang übertrifft die Zahl neulateinischerWerke die Zahl der aus der Antike überliefertenlateinischen Texte – nach Schätzung von Experten – „um das Hundert- bis Zehntausendfache”.15Woher kannte der 24-jährigeLeibniz den mit 78 Jahrenverstorbenen Comenius?Hierzu veröffentlichte der Leibnizforscher KonradMoll in einem Aufsatz für das Comenius-Jahrbuchdetaillierte Informationen.16 Die Frage, wie, wannund wo der junge Leibniz zu seinen Comeniuskentnissen kam, müsse zwar „offen bleiben”.JAHRGANG LXIV · LGBB 01 / 2020Aber die Frage, was ihn prinzipiell schon in seinerStudentenzeit dem Comenius näherbrachte undihn so sehr für ihn eingenommen hat, lasse sich„recht eindeutig beantworten.” (S. 46f.) NachMolls Forschungen hatte Leibniz aber bereits alsachtjähriges Kind Gelegenheit, „die Urform desOrbis sensualium pictus (das Lucidarium) vonComenius kennenzulernen und aus dieser Encyclopaediola sensualium zu lernen.” Schon das hat„sicher bei ihm Spuren hinterlassen”, zumal ersich später als junger Mann den Orbis sensualiumpictus selbst gekauft hat (S. 47). Doch die eigentliche Verbindung von Leibniz zur Gedankenweltdes Comenius wurde (nach Molls Forschungen)durch die Schriften des reformierten Theologenund Philosophen Johann Heinrich Bisterfeld(1605–1655) hergestellt, der wie Comenius in derpansophisch ausgerichteten Hochschule im calvinistischen Herborn bei Johann Heinrich Alsted(1588–1638) seine geistige Heimat hatte (Moll,S. 47). Von Bisterfelds Philosophie übernahmLeibniz „die wichtigste Grundüberzeugung seinesLebens, die ,Harmonie’ alles Seienden”. Diese gemeinsame pansophische Verwurzelung lässt sich,wie Konrad Moll aufgezeigt hat, in Leibnizens früher Zeit „bis in biographische Einzelheiten hineinbelegen” (S. 48).Bis heute gilt Leibniz als „Wunderkind”.17 Die Berliner Philosophieprofessorin Katharina Kanthack(1901–1986) erzählt in ihrem Buch über „Leibniz.Ein Genius der Deutschen”:18 „Er lernt als Achtjähriger ohne jede Unterweisung Latein, indem erdie Bildunterschriften einer Liviusausgabe gleichsam als Fibel benutzt” (S. 7 f.) Er „durchrast”bald nach dem frühen Tod seines Vaters dessenBibliothek, „schwelgt in Folianten, sättigt sich anklassischen Schriftstellern, an Cicero und Seneca,Plinius, Herodot, Plato und Xenophon. [ ] Mitzwölf Jahren genügt ihm ein Vormittag, um dreihundert lateinische Hexameter anzufertigen. Aberer entzieht sich schnell wieder den Schlingen derPoesie und fällt dafür in die der formalen Logik”(S. 8). Doch die Fähigkeit und die Bereitschaft, laLGBB 01 / 2020 · JAHRGANG LXIVteinische Verse zu dichten, bleiben ihm zeitlebenserhalten, nicht nur bis zu seinem 24. Lebensjahr,also bis zum Tod des Comenius; sondern auch 35Jahre später, als er zum Tod der preußischen Königin Sophie Charlotte (1705) ein noch längereslateinisches Gedicht verfasste. Mit ihr hatte erintensiven freundschaftlichen Umgang,19 und aufihre Initiative gründete er bekanntlich zusammen14 Vgl. den Artikel „Neulatein” in: Der neue Pauly.Enzyklopädie der Antike, Bd. 15/4 (2001), Sp. 925–946.– Ferner: Jozef IJsewijn: Companion to Neo-Latin Studies.Amsterdam, New York, Oxford: North-Holland PublishingCompany 1977, S. 125, 128, 139; auf S. 234 derHinweis auf Joh. T. Roenickius, Recentiorum poetarumGermanorum carmina selectiora (2 vols.; Helmstedt,1749–1751). “Among the famous names included arethe philosophers Leibniz and Baumgarten.” [AlexanderGottlieb Baumgarten (1714–1762) war ein deutscherPhilosoph, der in der Tradition der Leibniz-Wolff’schenAufklärungsphilosophie stand und die Ästhetik alsphilosophische Disziplin begründete.] – Martin Korenjak:Geschichte der neulateinischen Literatur. Vom Humanismus bis zur Gegenwart. München: C.H. Beck 2016, S.23, 87, 89, 148, 152, 159, 235; S. 77: Leibniz bezeichnete das Lateinische in seinem „Kurzen wohlgemeintenBedenken zum Abgang der Studien und wie denenselbenzu helfen” (1711) wegen seiner „Dauerhaftigkeit” im Gegensatz zu den lebenden Sprachen als „lingua Europaeauniversalis et durabilis ad posteritatem.” – Sehr wertvollist in diesem Zusammenhang der im Internet abrufbareText „Klassische und Neulateinische Philologie. Problemeund Perspektiven” (http://www.rhm.uni-koeln.de/146/Ludwig.pdf). Die dort wiedergegebenen drei Referatevon Walther Ludwig, Reinhold F. Glei und JürgenLeonhardt wurden unter diesem Sammeltitel innerhalbder 27. Tagung der Mommsen-Gesellschaft, die am11.–14. Juni 2003 in Freiburg im Breisgau und in Sélestat/Schlettstadt unter dem Titel „Die Zukunft der Antike“ stattfand, am 14. Juni in einerVeranstaltung im dortigen Institut Universitaire de Formation des Maîtresd’Alsace gehalten.15 Walther Ludwig: „Die neulateinische Literatur seit derRenaissance“. In: Fritz Graf (Hg.): Einleitung in die lateinische Philologie. Stuttgart und Leipzig: B.G. Teubner1997. S. 323–356, hier 333.16 Siehe oben Anm. 9. Konrad Moll hatte zuvor (1978 bis1996) ein dreibändiges Werk Der junge Leibniz veröffentlicht (Stuttgart: Frommann-Holzboog).17 Wilhelm Weischedel: Die philosophishe Hintertreppe.34 große Philosophen in Alltag und Denken (1966).München: dtv 1975, S. 142.18 Katharina Kanthack: Leibniz. Ein Genius der Deutschen.Berlin: Minerva 1956, S. 7.7

mit dem Hofprediger Daniel Ernst Jablonski, einem Enkel des Comenius, im Jahr 1700 in Berlin die preußische Sozietät der Wissenschaften,die heutige Berlin-Brandenburgische Akademieder Wissenschaften. Nach dem Tod der KöniginSophie Charlotte wurde die Stadt Lietzenburg inCharlottenburg umbenannt, wie der betreffendeBerliner Stadtteil noch heute heißt. Von ihr angeregt veröffentlichte Leibniz seine „Theodizee”und widmete das Werk ihrem Andenken.2019 Die in Berlin lebende Schriftstellerin Renate Feyl hat überdie Begegnungen zwischen Leibniz und der Königineinen Roman verfasst: Aussicht auf bleibende Helle. DieKönigin und der Philosoph (München 2008). Sie erzählt,wie Sophie Charlotte in Leibniz „einen Seelenverwandtenund Gefährten ihrer Gedanken” findet, wie sie ihn „zueiner systematischen Ausarbeitung seiner Ideen” ermuntert und „ihn durch ihre Fragen immer wieder aufsNeue” herausfordert. So wird sie „zu seiner diva vitae,der Frau seines Lebens”.20 George MacDonald Ross: „Leibniz und Sophie Charlotte“. In: Sophie Charlotte und ihr Schloss: Ein Musenhofdes Barock in Brandenburg-Preußen. Katalogbuch zurAusstellung im Schloß Charlottenburg, Berlin, 6. November 1999 bis 30. Januar 2000. München, London, NewYork: Prestel 1999, S. 95-105, hier 102.21 Wie Klaus Bartels über eine Hexameter-Maschine ausdem 19. Jahrhundert berichtet hat. Bartels erzählt vondem Buchdrucker John Clark, der 1845 in London eineMaschine vorführte, die in der Lage war, „über 26 Millionen metrisch korrekte lateinische Hexameter nacheinander herunterzuklappern”. Der Erfinder hat die Maschine 1848 in einer Broschüre beschrieben: General Historyand Description of a Machine for Composing Latin Hexameter Verses. (K. Bartels: Zeit zum Nichtstun. Streiflichteraus der Antike. Paderborn, München, Wien, Zürich:Schöningh 1989, S. 176-178.)22 Herbert Meschkowski: Jeder nach seiner Façon. BerlinerGeistesleben 1700–1810. München, Zürich: Piper 1986,S. 21. – Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) widmete „ihrem Gründer, dem Philosophen, Mathematiker, Physiker, Historiker; Diplomaten, Politiker und Bibliothekar” zum 370. Geburtstagam 1. Juli 2016 eine Vortragsreihe mit dem Thema„Leibniz: Vision als Aufgabe”. Die Veranstaltungensollten „Leibniz als visionären Denker” zeigen, „dessenmultidisziplinäres Gesamtwerk bis heute Impulsgeber fürWissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ist”,wie es auf einem Flyer der BBAW hieß.23 Meschkowski (s.o.), S. 22.24 „Die Firma Siemens hat Leibniz für seine Entdeckungdurch eine Veröffentlichung im Jahre 1966, zu seinem250. Todestag, gedankt.” (Meschkowski, S. 23)8Vom jungen Leibniz gibt es keine Porträts; berühmt sindaber einige Gemälde, die ihn als Diplomaten und Wissenschaftler und, wie es zu seiner Zeit modern war, mit üppigerPerücke darstellen. Hier eine Briefmarke aus dem Jahr 1980,die wohl eines der berühmten Porträts (von Christoph Bernhard Francke um 1700) zeitgemäß stilisiert. Den Entwurfdieser Briefmarke schuf Elisabeth von Janota-Bzowski.Die lateinische Verskunst setzt aber nicht nur poetische Phantasie, sondern auch gründliche Kenntnis der lateinischen Sprache und Literatur voraus,insbesondere die genaueste Beachtung der Längen und Kürzen der Silben. Die antike Metrik hatdarüber hinaus wohl auch eine gewisse Nähe zurMathematik und Technik.21 Heute ist Leibniz, der jaeigentlich Jurist und Diplomat war, bekannt als derbedeutendste Mathematiker seiner Zeit. Er gilt als„der letzte Gelehrte” Europas, „der das gesamteWissen seiner Zeit beherrschte”.22 Leibniz (1646–1716) und Newton (1643–1727) haben in etwazur selben Zeit, aber unabhängig voneinander,die Differenzial- und Integralrechnung entwickelt.Leibniz hat auch – was für uns alle und für die Entwicklung der Informatik bis heute von allergrößterBedeutung ist – das binäre Zahlensystem oder Dualsystem erfunden;23 auf dieser Grundlage bauteer selbst eine mechanische Rechenmaschine. Zurvollen Geltung kam diese Leibnizsche Entdeckungaber erst im elektronischen Zeitalter. Jetzt konnteman Computer bauen und die Ziffer 1 „durch einen Stromstoß, die Null durch das Ausbleiben desStroms vertreten lassen.”24JAHRGANG LXIV · LGBB 01 / 2020Unter den Büchern in der Bibliothek von Leibnizsind zwei kleine Werke von dem erwähnten Johann Heinrich Bisterfeld erhalten geblieben, „dieer offenbar in seiner Studentenzeit in Leipzig oderin Jena gelesen hat. Sie haben seine geistige Biographie prägend mitbestimmt.” Darin finden sichRandnotizen von Leibniz, die, wie Moll schreibt,„unmittelbar ins Zentrum der späteren Leibnizschen Philosophie” führen (S. 48). Demnach hatdie Universalharmonie (panharmonia) aller Dingeihren Grund in der göttlichen Trinität (S.49 f.).25In ihr liegen sowohl Quelle wie Maß und Ziel aller (Welt-)Ordnung. Der Mensch darf dem, wasexistiert, keine Gewalt antun, das kommt imLebensmotto des Comenius zum Ausdruck, indem von Comenius selbst geprägten lateinischenHexameter: Omnia sponte fluant, absit violentiarebus. „Alles fließe von selbst, Gewalt sei ferneden Dingen.”Er wiederholt oder interpretiert diesen Wahlspruch in mehreren Schriften, so auch in der zuseiner Lebenszeit nicht mehr veröffentlichtenPampaedia, dem Herzstück seines siebenbändigen Hauptwerks.26 Auch in der „Großen Didaktik” (Didactica magna) betont er mehrfach dasPrinzip der Gewaltlosigkeit.Der Spruch findet sich als Umschrift auf dem Emblem vielerWerke des Comenius, erstmals 1648 auf der Titelseite seiner„Neuesten Sprachenmethode” (Methodus Linguarum novissima).Titelseite der Neuesten Sprachenmethode (1648/49)LGBB 01 / 2020 · JAHRGANG LXIV25 Vgl. Erwin Schadel: „‘Triunitas vox absurda est.‘Methodologische Beobachtungen zur sozinianischenTrinitätskritik“. In: Gerhard Banse u.a. (Hg.): VonAufklärung bis Zweifel. Beiträge zu Philosophie, Geschichte und Philosophiegeschichte. Festschrift fürSiegfried Wollgast. (Abhandlungen der Leibniz-Sozietätder Wissenschaften). Berlin: trafo Verlag 2008, S.293–324.26 Vgl. A. Fritsch: „Alles fließe von selbst, Gewalt sei ferneden Dingen. Das Emblem des Johann Amos Comenius”.In: Korthaase et al. 2005 (s.o. Anm. 8), S. 118–114;später auch in: Comenius, Opera didactica omnia, IV, 77:Latium redivivum § 8.9

Nach dem Tod des Comenius meldete sich derTübinger Professor Magnus Hesenthaler, (1621–1681), der mit Comenius befreundet war, bei Leibniz und bat ihn um ein lateinisches Trauergedichtauf den Verstorbenen für dessen Sohn Daniel Comenius (1646–1696).27 In einem Brief an Hesenthaler schreibt Leibniz, dass er dadurch Anlass undGelegenheit hatte, sich mit den Schriften des Comenius intensiv zu befassen, „in Comenii scriptisanimi attentione versari”. Ausdrücklich schreibtLeibniz: „Seine didaktischen Schriften finde ichinsgesamt gut” (Didactica ejus in summa probo)Das zeigt sich auch heute noch, für jeden erkennbar und anschaulich, an de

33014 Bad Driburg 60 Klausurtexte zu 19 Autoren jeweils . und die Evangelische Brüdergemeinde der Herrn-huter in Berlin Neukölln, da Comenius bekannt- . Kirche Berlin-Brandenburg und oberschlesisc