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Sonderdruck aus:Mitteilungenaus derArbeitsmarkt- undBerufsforschungHeinz Stegmann, Hermine KraftVom Ausbildungs- zum Arbeitsvertrag16. Jg./19833

Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (MittAB)Die MittAB verstehen sich als Forum der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Es werden Arbeiten aus all denWissenschaftsdisziplinen veröffentlicht, die sich mit den Themen Arbeit, Arbeitsmarkt, Beruf und Qualifikation befassen.Die Veröffentlichungen in dieser Zeitschrift sollen methodisch, theoretisch und insbesondere auch empirisch zumErkenntnisgewinn sowie zur Beratung von Öffentlichkeit und Politik beitragen. Etwa einmal jährlich erscheint ein„Schwerpunktheft“, bei dem Herausgeber und Redaktion zu einem ausgewählten Themenbereich gezielt Beiträgeakquirieren.Hinweise für Autorinnen und AutorenDas Manuskript ist in dreifacher Ausfertigung an die federführende HerausgeberinFrau Prof. Jutta Allmendinger, Ph. D.Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung90478 Nürnberg, Regensburger Straße 104zu senden.Die Manuskripte können in deutscher oder englischer Sprache eingereicht werden, sie werden durch mindestens zweiReferees begutachtet und dürfen nicht bereits an anderer Stelle veröffentlicht oder zur Veröffentlichung vorgesehen sein.Autorenhinweise und Angaben zur formalen Gestaltung der Manuskripte können im Internet abgerufen werden unterhttp://doku.iab.de/mittab/hinweise mittab.pdf. Im IAB kann ein entsprechendes Merkblatt angefordert werden(Tel.: 09 11/1 79 30 23, Fax: 09 11/1 79 59 99; E-Mail: [email protected]).HerausgeberJutta Allmendinger, Ph. D., Direktorin des IAB, Professorin für Soziologie, München (federführende Herausgeberin)Dr. Friedrich Buttler, Professor, International Labour Office, Regionaldirektor für Europa und Zentralasien, Genf, ehem. Direktor des IABDr. Wolfgang Franz, Professor für Volkswirtschaftslehre, MannheimDr. Knut Gerlach, Professor für Politische Wirtschaftslehre und Arbeitsökonomie, HannoverFlorian Gerster, Vorstandsvorsitzender der Bundesanstalt für ArbeitDr. Christof Helberger, Professor für Volkswirtschaftslehre, TU BerlinDr. Reinhard Hujer, Professor für Statistik und Ökonometrie (Empirische Wirtschaftsforschung), Frankfurt/M.Dr. Gerhard Kleinhenz, Professor für Volkswirtschaftslehre, PassauBernhard Jagoda, Präsident a.D. der Bundesanstalt für ArbeitDr. Dieter Sadowski, Professor für Betriebswirtschaftslehre, TrierBegründer und frühere MitherausgeberProf. Dr. Dieter Mertens, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Karl Martin Bolte, Dr. Hans Büttner, Prof. Dr. Dr. Theodor Ellinger, Heinrich Franke, Prof. Dr.Harald Gerfin,Prof. Dr. Hans Kettner, Prof. Dr. Karl-August Schäffer, Dr. h.c. Josef StinglRedaktionUlrike Kress, Gerd Peters, Ursula Wagner, in: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit (IAB),90478 Nürnberg, Regensburger Str. 104, Telefon (09 11) 1 79 30 19, E-Mail: [email protected]: (09 11) 1 79 30 16,E-Mail: [email protected]: (09 11) 1 79 30 23, E-Mail: [email protected]: Telefax (09 11) 1 79 59 99.RechteNachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Redaktion und unter genauer Quellenangabe gestattet. Es ist ohne ausdrücklicheGenehmigung des Verlages nicht gestattet, fotografische Vervielfältigungen, Mikrofilme, Mikrofotos u.ä. von den Zeitschriftenheften, von einzelnenBeiträgen oder von Teilen daraus herzustellen.HerstellungSatz und Druck: Tümmels Buchdruckerei und Verlag GmbH, Gundelfinger Straße 20, 90451 NürnbergVerlagW. Kohlhammer GmbH, Postanschrift: 70549 Stuttgart: Lieferanschrift: Heßbrühlstraße 69, 70565 Stuttgart: Telefon 07 11/78 63-0;Telefax 07 11/78 63-84 30: E-Mail: [email protected], Postscheckkonto Stuttgart 163 30.Girokonto Städtische Girokasse Stuttgart 2 022 309.ISSN 0340-3254BezugsbedingungenDie „Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“ erscheinen viermal jährlich. Bezugspreis: Jahresabonnement 52,- inklusive Versandkosten: Einzelheft 14,- zuzüglich Versandkosten. Für Studenten, Wehr- und Ersatzdienstleistende wird der Preisum 20 % ermäßigt. Bestellungen durch den Buchhandel oder direkt beim Verlag. Abbestellungen sind nur bis 3 Monate vor Jahresende möglich.Zitierweise:MittAB „Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“ (ab 1970)Mitt(IAB) „Mitteilungen“ (1968 und 1969)In den Jahren 1968 und 1969 erschienen die „Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“ unter dem Titel„Mitteilungen“, herausgegeben vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit.Internet: http://www.iab.de

Aus der Untersuchung des IAB „Jugendliche beim Übergang vom Bildungsin das Beschäftigungssystem“ Projekt 3-213 EFVom Ausbildungs- zum ArbeitsvertragÜbernahmeangebot, beabsichtigter Betriebswechsel sowie tatsächliches Übergangsverhalten nachAbschluß der betrieblichen BerufsausbildungHeinz Stegmann, Hermine Kraft*)Die ersten geburtenstarken Schulentlaßjahrgänge haben inzwischen die „zweite Schwelle“, also denÜbergang von der beruflichen Ausbildung in die Erwerbstätigkeit, erreicht. Die Integration dieserjugendlichen Fachkräfte in das Beschäftigungssystem bereitet vor dem Hintergrund der gegenwärtigenBeschäftigungskrise erhebliche Schwierigkeiten: So waren im September 1982 fast 46 000 Personen nachAbschluß der betrieblichen Berufsausbildung arbeitslos (1980: 9500).Mit einer Analyse im Rahmen der IAB-Längsschnittuntersuchung Jugendliche beim Übergang vomBildungs- in das Beschäftigungssystem“ konnte geprüft werden, welche Faktoren für die Übernahme vonAbsolventen einer betrieblichen Berufsausbildung in ein Arbeitsverhältnis von Bedeutung sind. FolgendeErgebnisse sind hervorzuheben:- Ein knappes Drittel (29%) der ausgebildeten Fachkräfte wollte von sich aus den Ausbildungsbetriebsofort nach erfolgreicher Abschlußprüfung verlassen. Dieser Anteil liegt deutlich über dem Durchschnitt bei Fachkräften, die in den Freien Berufen, in Kleinbetrieben bzw. als Koch oder Friseurausgebildet wurden. Frauen wollten generell häufiger von sich aus den Betrieb wechseln als Männer(34% zu 23%).- Die Betriebe orientieren sich bei einem Übernahmeangebot stark an den während der Ausbildungerbrachten Leistungen in den praktischen Fächern. Kleinbetriebe bieten den ausgebildeten Fachkräftendie Übernahme in ein Beschäftigungsverhältnis nur in unterdurchschnittlichem Umfang an.- Bis zu einem Jahr nach Abschluß der Ausbildung sind zwei von fünf Fachkräften nicht mehr imAusbildungsbetrieb beschäftigt. Neben dem Risiko, arbeitslos zu werden, ist mit einem Betriebswechsel auch eine geringere Verwertbarkeit der in der Ausbildung erlernten Kenntnisse und Fertigkeitenverbunden: Während lediglich jede elfte ausgebildete Fachkraft (9%), die weiter im Ausbildungsbetriebbeschäftigt wird, wenig, sehr wenig oder nichts von den erworbenen Kenntnissen/Fertigkeiten verwerten kann, liegt der entsprechende Anteil nach einem Betriebswechsel fast dreimal so hoch (24%).- Jede vierte erwerbstätige Fachkraft hat bis zu einem Jahr nach Abschluß der Ausbildung bereitsmindestens einmal den Beruf gewechselt (ohne Betriebswechsel: 17%; mit Betriebswechsel: 41%). EinDrittel der Fachkräfte, die den Beruf gewechselt haben, kann nur wenig, sehr wenig oder nichts vonden in der Ausbildung erworbenen Kenntnissen oder Fertigkeiten verwerten (Männer: 29%; Frauen:35%).- Jede zweite Fachkraft, die nicht mehr im Ausbildungsbetrieb beschäftigt ist und mindestens einmal denBeruf gewechselt hat, war Ende 1980 erwerbslos oder konnte nur wenig, sehr wenig oder nichts vonden erlernten Kenntnissen oder Fertigkeiten verwerten.Die Untersuchung wurde vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft finanziell gefördert.Gliederung1.Einführung2. Der Übergang von der betrieblichen Berufsausbildung indie Erwerbstätigkeit2.1 Die zweite Schwelle aus prospektiver Sicht2.2 Die zweite Schwelle aus retrospektiver Sicht2.3 Tatsächliches Verhalten sowie Begleitumstände desÜbergangs2.3.1 Betriebswechsel nach Abschluß der Ausbildung2.3.2 Berufswechsel nach Abschluß der Ausbildung*) Dr. rer.pol. Heinz Stegmann und Hermine Kraft sind Mitarbeiter im Institutfür Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.1) Vgl. Mertens, D., K. Parmentier, Zwei Schwellen – acht Problembereiche.Grundzüge eines Diskussions- und Aktionsrahmens zu den Beziehungenzwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem, in: Mertens, D. (Hrsg.),Konzepte der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Eine Forschungsinventurdes IAB, Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Band70, Nürnberg 1982, S. 358.2) Vgl. IAB-Kurzbericht vom 18. 11. 1982 „Die Nachfrage nach betrieblichenBerufsausbildungsstellen in den kommenden Jahren nach Bildungsniveau undAusbildungsberufen“ (VI/4-HvH), in: BeitrAB 42.4, Nürnberg 1983, S. 188ff.MittAB 3/832.4 Risikofaktoren im Hinblick auf das Ziel „Qualifikationserhalt“3. Zusammenfassung und Ausblick1. EinführungProblemstellungObwohl gegenwärtig auf dem Ausbildungsstellenmarktnoch keine Entwarnung gegeben werden kann, da mindestens bis Mitte der 80er Jahre mit zahlenmäßig starkbesetzten Schulentlaßjahrgängen zu rechnen ist, wird dieBedeutung der „zweiten Schwelle“ ( Übergang von derbetrieblichen Berufsausbildung in die Erwerbstätigkeit1))aufgrund der Beschäftigungskrise zunehmen: Während imHinblick auf den Ausbildungsstellenmarkt eine Abnahmeauf der Nachfrageseite und damit eine gewisse Entspannungzumindest für die zweite Hälfte dieses Jahrzehnts möglicherscheint2), wird sich die Integration der ausgebildetenFachkräfte in das Beschäftigungssystem nach Abschluß derAusbildung – ceteris paribus – bis zum Ende der 80er Jahreals besonders schwer zu bewältigende Aufgabe erweisen:235

- Seit 1977 und bis ca. 1986 beginnen geburtenstarke Schulentlaßjahrgänge eine betriebliche Berufsausbildung. Dieswird bis 1990 zu zahlenmäßig hohen Absolventenjahrgängen ausgebildeter Fachkräfte führen.3)- Um auch nur den Bestand an Arbeitsplätzen zu halten,wäre ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von jährlich 3% bis 1990 erforderlich;4) es ist nicht sicher, ob dieserWachstumspfad erreicht wird.5)Die größeren Schwierigkeiten von Berufsanfängern, die eineAnfangsposition im Beschäftigungssystem anstreben, lassensich durch folgenden Vergleich aufzeigen: Während sich dieZahl der Arbeitslosen insgesamt zwischen 1980 und 1982(jeweils September) mehr als verdoppelt hat, ist die Zahl derArbeitslosen, die vor dem Beginn der Arbeitslosigkeit einebetriebliche Berufsausbildung abgeschlossen haben, fast aufdas Fünffache gestiegen (1980: 9500; 1982: 45 900).6) DieZahl der ausgebildeten Fachkräfte, die das duale System indiesem Zeitraum jährlich verlassen haben, hat jedoch lediglich um 13% zugenommen. Damit wird deutlich, daßBerufsanfänger in überdurchschnittlichem Umfang vonArbeitslosigkeit betroffen sind.Die Arbeitslosigkeit junger Fachkräfte führt auch zu derFrage, inwieweit die Anstrengungen, die zur Überwindung3) Vgl. IAB-Kurzbericht vom 10. 5. 1982 „Unterschiedliche Erscheinungsformen der demographischen Welle, Teil B. Bildungssystem“ (VI/4Tess), in: BeitrAB 42.4, a. a. O., S. 100 ff.4) Vgl. Klauder, W., P. Schnur, M. Thon, Perspektiven 1980-2000, NeueAlternativrechungenzur Arbeitsmarktentwicklung, 2. Nachtrag zuQuintABl, Nürnberg 1982.5) In den vergangenen zwei Jahren wurde dieses Ziel nicht erreicht; auch für1983 steht bereits fest, daß diese Steigerung nicht möglich ist. ZahlreicheProjektionen gehen auch für die weiteren 80er Jahre von niedrigerenWachstumsraten aus.6) Vgl. Bundesanstalt für Arbeit (Hrsg.), Amtliche Nachrichten der Bundesanstalt für Arbeit, 31. Jg., Nr. 3, Nürnberg, 28. März 1983, S. 152 f.Obwohl dieser Vergleich von Bestandszahlen nur als Näherungswert zuverstehen ist, da die Dauer der Arbeitslosigkeit nicht berücksichtigt ist,wird dennoch die starke Erhöhung der Arbeitslosigkeit bei Berufsanfängerndeutlich.7) „Eine Eingliederung oder Wiedereingliederung der Arbeits- und Ausbildungslosen stößt auf einen Schereneffekt. Mit der persönlichen undsozialen Retardierung geht gleichzeitig eine Fortentwicklung am Arbeitsplatzeinher. Sowohl die Berufsberatung als auch die Betriebe haben esdaher besonders schwer, Anschlüsse herzustellen.“ (Dauenhauer, E.,Berufsbildungspolitik, Berlin, Heidelberg, New York 1981, S. 379). DieserSchereneffekt dürfte auch bei arbeitslosen Fachkräften auftreten (vgl.dazu Brinkmann, Ch., Arbeitslosigkeit und Mobilität, in: MittAB 2/1977,S. 222; Brinkmann, Ch., K. Schober, Methoden und erste Ergebnisse ausder neuen Verlaufsuntersuchung des IAB bei Arbeitslosen, in: MittAB 4/1982, S. 418).8) Zu denken wäre z. B. an Einarbeitungszuschüsse auch für diesen Personenkreis und/oder die Simulation von Arbeitsabläufen in Übungsfirmen.9) Während die „erste Schwelle“ ( Übergang von der allgemeinbildendenSchule in die Berufsausbildung) als „empirisch am besten aufgearbeitetgelten kann“ (vgl. Saterdag, H., H. Stegmann, Ausbildungs- und Berufsverläufe: Die IAB-Längsschnittuntersuchung, in: Mertens, D. (Hrsg.),a. a. O., S. 446), liegen für die „zweite Schwelle“ nur in geringeremUmfang empirische Daten vor. Das IAB hat im Rahmen seiner Berufsverlaufsuntersuchungen Ergebnisse zum Übergangsverhalten nach Abschlußder Ausbildung vorgelegt (vgl. z. B. Hofbauer, H., H. Kraft, BetrieblicheBerufsausbildung und Erwerbstätigkeit. Betriebs- und Berufswechsel beimännlichen Erwerbspersonen nach Abschluß der betrieblichen Berufsausbildung, in: MittAB 1/1974, S. 44 ff; Hofbauer, H., Ausbildungs- undBerufsverlauf bei Frauen mit betrieblicher Berufsausbildung, in: MittAB4/1978, S. 393 ff). Auch im Rahmen der lAB-Längsschnittuntersuchungwurde auf diese Frage eingegangenen (vgl. Stegmann, H., H. Kraft,Jugendliche an der Schwelle von der Berufsausbildung in die Erwerbstätigkeit; Methode und erste Ergebnisse der Wiederholungserhebung Ende1980; in: MittAB 1/1982, S. 20 ff). Zusammen mit dem Aufsatz vonHofbauer, H., Berufsverlauf nach Abschluß der betrieblichen Berufsausbildung, der in diesem Heft erscheint, kann diese Untersuchung einenBeitrag zur Schließung dieser Forschungslücke leisten.10) Eine ausführliche Darstellung der Ziele und Methoden der lAB-Längsschnittuntersuchung ist zu finden in: Saterdag, H., H. Stegmann, Jugendlichebeim Übergang vom Bildungs- in das Beschäftigungssystem, Ergebnisse BeiträgezurArbeitsmarkt- und Berufsforschung (BeitrAB) Band 41, Nürnberg 1980.11) Vgl. Saterdag, H., H. Stegmann, Ausbildungs- und Berufsverläufe . . .,a. a. O., S. 472.236der „Ausbildungsplatzlücke“ unternommen wurden, sichunter den gegenwärtigen Auspizien einer anhaltendenBeschäftigungskrise als ausreichend erweisen: Alle Seitenbefürworten eine Ausbildung „auf Vorrat“, indem sie argumentieren, daß zu einem späteren Zeitpunkt der Bedarf anausgebildeten Fachkräften aufgrund der dann geburtenschwachen Jahrgänge, die in das Beschäftigungssystem einmünden, nicht mehr gedeckt werden könne; dann werde esmöglich sein, auf die in den letzten Jahren „über Bedarf“ausgebildeten Fachkräfte zurückzugreifen. Unabhängigdavon, ob, wann und in welchem Umfang diese Fachkräftelücke zu erwarten ist, wird dabei unterstellt, daß die in derAusbildung erworbenen Kenntnisse und Fertigkeitenzumindest erhalten werden können. Es ist jedoch bekannt,daß Fertigkeiten, die nicht ständig geübt, und Kenntnisse,die nicht immer wieder aufgefrischt werden, verloren gehenkönnen. Ausgebildete Fachkräfte, die jetzt arbeitslos bleibenund keine Möglichkeit haben, ihre beruflichen Qualifikationen zu erhalten bzw. – unter dem Aspekt sich ändernderAnforderungen am Arbeitsplatz durch technischen Wandel– auszubauen, werden daher kaum eine evtl. auftretendeFachkräftelücke schließen können.7) Daraus ergibt sich einarbeitsmarktpolitischer Handlungsbedarf, der sich nicht nuran bisherigen Zielgruppen (z. B. Personen mit Defiziten imHinblick auf das Niveau der allgemeinen bzw. beruflichenBildung) orientieren kann, sondern auch den ausgebildeten,aber arbeitslosen Berufsanfänger als Adressaten gezielterMaßnahmen berücksichtigt.8)Zur Übergangsproblematik an der „zweiten Schwelle“ liegen – im Vergleich zu Fragen der Ausbildungsentscheidungam Ende der allgemeinbildenden Schule – nur wenige Untersuchungen vor.9) Die folgende Analyse beschäftigt sich vorallem mit zwei Problemstellungen:- Zum Übergang von der Ausbildung in die Erwerbstätigkeit: Welche Faktoren beeinflussen den Verbleib im bzw.Weggang vom Ausbildungsbetrieb? Hier kann zwischen derVerbleibsabsicht von Auszubildenden und demtatsächlichenVerhalten von ausgebildeten Fachkräften unterschiedenwerden.- Zum Qualifikationserhalt nach abgeschlossener betrieblicher Berufsausbildung bei erfolgtem Betriebs- bzw. Berufswechsel: Welche Teilgruppen sind unter diesen Voraussetzungen verstärkt von dem Verlust der erworbenen Kenntnisse bzw. Fertigkeiten bedroht?Methode der UntersuchungSchulabgänger aus Haupt-, Real- und Sonderschulen (Entlaßjahrgang 1977) wurden im Rahmen der lAB-Längsschnittuntersuchung sowohl 1977 als auch 1980 zu ihremAusbildungs- und Berufsverlauf befragt.10) Die Rücklaufquoten in den postalisch durchgeführten Erhebungen beliefen sich auf knapp 80% (1977) bzw. 75% (1980).11) Fürdiesen Personenkreis liegen ca. 20 700 auswertbare Datensätze vor (Grundgesamtheit: n 771 000).Bis zum Befragungszeitpunkt der WiederholungserhebungEnde 1980 haben gut zwei Drittel (69%) dieser Schulabgänger eine betriebliche Berufsausbildung aufgenommen; gutdie Hälfte (54%) dieses Personenkreises hatte Ende 1980 diebegonnene Ausbildung erfolgreich abgeschlossen; 4% hatten die Ausbildung wieder abgebrochen und die übrigen42% befanden sich zum Befragungszeitpunkt (Ende 1980)noch in Ausbildung. Die Übergangsproblematik von derAusbildung in eine Beschäftigung kann daher sowohl ausprospektiver Sicht ( die Abschlußprüfung steht nochMittAB 3/83

bevor) als auch aus retrospektiver Sicht ( die Ausbildungist abgeschlossen, der Übergang ist bereits vollzogen) untersucht werden.Diejenigen Schulabgänger, die eine betriebliche Berufsausbildung begonnen und bis zum Befragungszeitpunkt Ende1980 auch erfolgreich abgeschlossen haben, sind nicht repräsentativ für die Jugendlichen, die 1980 eine Gesellen/Facharbeiter- bzw. Gehilfenprüfung abgelegt haben: Bei denBefragten sind Jugendliche mit abgeschlossener Berufsausbildung in Ausbildungsberufen mit zweijähriger Dauerüber-, Jugendliche mit abgeschlossener Berufsausbildung inAusbildungsberufen mit dreijähriger oder längerer Dauerdagegen unterrrepräsentiert.12) Weiterhin ist zu berücksichtigen, daß teilweise über Verhaltensabsichten bzw. tatsächliches Verhalten von Betrieben (z. B. im Hinblick auf einÜbernahmeangebot) aus der Sicht der Jugendlichen berichtet wird.13)Strukturdaten zum Übergang vom Ausbildungs- in einBeschäftigungsverhältnis der Schulabgänger 1977 wurdenbereits vorgelegt.14) Im Vordergrund des folgenden Berichtsstehen über die erste Veröffentlichung hinausgehendeErgebnisse sowie multivariate Analysen, mit deren Hilfe instärkerem Umfang als bisher auf Zusammenhänge zwischeneinzelnen Bestimmungsfaktoren eingegangen werden kann.2. Der Übergang von der betrieblichen Berufsausbildungin die ErwerbstätigkeitDie Jahre bis etwa 1989 werden dadurch geprägt sein, daßweniger Arbeitsplätze frei werden als von den Berufsanfängern benötigt.15) Die Absolventen einer betrieblichenBerufsausbildung im Jahr 1980, über die hier (größtenteils)berichtet wird, gehörten zu einem der ersten Berufsanfängerjahrgänge, für die diese Diskrepanz zutraf. Allerdingsfanden sie noch einen Arbeitsmarkt vor, der eine größereAufnahmefähigkeit besaß als der gegenwärtige und – unterden o. g. Annahmen – auch der in Zukunft zu erwartendeArbeitsmarkt. Wenn es allerdings bei den ausgebildetenFachkräften des Jahres 1980 bereits in bezug auf Arbeitslosigkeit und/oder Qualifikationsverlust gefährdete Gruppengibt, dann ist zu befürchten, daß dieselben Gruppen auch inZukunft das sich vergrößernde Risiko in überdurchschnittlichem Umfang zu tragen haben.2.1 Die „zweite Schwelle“ aus prospektiver SichtZwei von fünf Schulabgängern (38%), die eine betrieblicheBerufsausbildung begonnen haben und Ende 1980 noch vordem Abschluß dieser Ausbildung standen, gingen davonaus, daß sie vom Ausbildungsbetrieb auch in ein Beschäftigungsverhältnis übernommen werden (Männer: 39%;12) Trotz dieser Einschränkung wurde teilweise auf die ausgebildeten Fachkräftedes Jahres 1980 hochgerechnet, da eine Überprüfung der Repräsentativität nach Ausbildungsberufen nur geringfügige Verzerrungen ergab.13) Es ist nicht auszuschließen, daß sich durch diese Sichtweise (z. B. durchAkzentuierung der Wahrnehmung oder nachträgliche Rechtfertigungen)Abweichungen von der Realität ergeben. Allerdings wurden in etwagleichzeitig durchgeführten Befragungen von Betrieben ähnliche Ergebnissefestgestellt (vgl. Friedrich, W., H. von Henninges, Facharbeitermangel:Umfang und strukturelle Hintergründe, in: MittAB 1/1982, S. 9 ff).14) Vgl. Stegmann, H., H. Kraft, a. a. O., S. 20 ff.15) Vgl. IAB-Kurzbericht vom 26. 4. 1982 „Unterschiedliche Erscheinungsformen der demographischen Welle. Teil A. Die wichtigsten Begriffe undZahlen“ (VI/1, VI/2, VI/4), in: BeitrAB 42.4, a. a. o., S. 91 ff.16) Die meisten Auszubildenden standen ca. ¼ bis ½ Jahr vor Abschluß derAusbildung.17) In postalischen Erhebungen sind durch den standardisierten Fragekatalogder Erfassung von Daten zur subjektiven Betroffenheit enge Grenzengesetzt.MittAB 3/83Frauen: 34%). Jeder neunte dieser Auszubildenden (12%)nahm dagegen an, daß er wahrscheinlich nicht im Ausbildungsbetrieb bleiben kann; für die Hälfte der Auszubildenden (50%) war die Frage der Übernahme durch den Betrieballerdings noch offen. Dieser hohe Anteil der Jugendlichen,die noch keine Informationen über eine evtl. mögliche Weiterbeschäftigung haben, deutet auf eine relativ spät getroffene bzw. bekanntgegebene Entscheidung der Betriebe imHinblick auf ein Übernahmeangebot hin.16)Wenn es nur nach den Vorstellungen der Jugendlichen geht,so hatte fast die Hälfte der Auszubildenden (45%) denWunsch, nach Abschluß der Ausbildung vom Ausbildungsbetrieb in ein Beschäftigungsverhältnis übernommen zuwerden. Allerdings möchte fast ein Drittel (29%) lieber ineinen anderen Betrieb überwechseln (Männer: 27%; Frauen:33%), und nahezu jeder fünfte (19%) möchte eine weitereAusbildung anschließen. Die folgenden Ausführungenbefassen sich mit den Bestimmungsfaktoren für (a) dieAbsicht der Auszubildenden, den Ausbildungsbetrieb zuverlassen, und (b) das Angebot des Betriebes zu einer Weiterbeschäftigung der ausgebildeten Fachkräfte.Beabsichtigter Betriebswechsel bei AuszubildendenDie Absicht von Auszubildenden, nach erfolgreicherAbschlußprüfung in einen anderen Betrieb überzuwechseln,kann auf zahlreiche Beweggründe zurückgehen: Neben Einschätzungen der erlebten Ausbildungsplatz- bzw. erwarteten Arbeitsplatzsituation (z. B. im Hinblick auf Beschäftigungsaussichten, Betriebsklima, Einkommen, Sicherheit amArbeitsplatz), die in starkem Maße subjektiven Auslegungenund Interpretationen unterliegen, lassen sich auch „objektive“ Merkmale (z. B. Betriebsgröße und Wirtschaftsbereichdes Ausbildungsbetriebes Ausbildungsberuf, schulischeVorbildung) anführen, die für einen beabsichtigten Betriebswechsel von Bedeutung sind.17)In der Tabelle l sind diese „objektiven“ Merkmale – in derRangfolge nach ihrer Bedeutung (gemessen am Anteil dererklärten Varianz) für den Einfluß auf die Absicht, denAusbildungsbetrieb zu verlassen – dargestellt. FolgendeErgebnisse sind hervorzuheben:- Je kleiner der Ausbildungsbetrieb, desto mehr Auszubildende wollen von sich aus nach Abschluß der Ausbildung ineinen anderen Betrieb überwechseln.- Während Auszubildende im Handwerk und im Ausbildungsbereich „Freie Berufe“ besonders häufig den Ausbildungsbetrieb verlassen wollen, liegt der Anteil der Auszubildenden, die einen Betriebswechsel beabsichtigen, imöffentlichen Dienst bzw. in der Industrie unter dem Durchschnitt.- Auszubildende, die in Textil-, Bekleidungs- und Lederberufen, in Ernährungsberufen sowie als Körperpfleger,Gästebetreuer und in Hauswirtschafts- und Reinigungsberufen ausgebildet werden, wollen ebenfalls in überdurchschnittlichem Umfang in einen anderen Betrieb überwechseln.- Je höher die schulische Vorbildung der Auszubildendenist, desto geringer ist der Anteil derjenigen, die den Ausbildungsbetrieb verlassen wollen. Diese Aussage gilt sowohl imHinblick auf den Schulabschluß (z. B. wollen Hauptschülerhäufiger den Ausbildungsbetrieb verlassen als Realschüler)als auch im Hinblick auf die Schulnoten innerhalb einerSchulart (z. B. wollen Auszubildende mit Mittlerer Reifeund überdurchschnittlichen Schulnoten häufiger imAusbil-237

dungsbetrieb bleiben als Auszubildende mit Mittlerer Reifeund unterdurchschnittlichen Schulnoten. Dieser Zusammenhang bleibt auch dann erhalten, wenn der Effekt kontrolliert wird, der davon ausgeht, daß Jugendliche mitgeringerer schulischer Vorbildung in Kleinbetrieben überrepräsentiert sind. Bei der Mathematiknote zeigt sich dieserZusammenhang sogar unabhängig vom Merkmal „Schulart/Schulabschluß“.- Auch die während der betrieblichen Ausbildung erbrachten Leistungen in den theoretischen und praktischenFächern korrelieren mit der Absicht der Auszubildenden: Jebesser diese Leistungen von den Auszubildenden selbst eingestuft werden, desto weniger Jugendliche wollen den Ausbildungsbetrieb verlassen.Zusätzlich ergeben sich bei Kontrolle einzelner Merkmalefolgende Zusammenhänge:- Geschlechtsspezifische Unterschiede in bezug auf denbeabsichtigten Betriebswechsel bei Auszubildenden sind nurin Betrieben mit weniger als 100 Beschäftigten festzustellen.- Der überdurchschnittliche Anteil der Auszubildenden imHandel, die in einen anderen Betrieb wechseln wollen, istausschließlich auf Mädchen zurückzuführen.- Das Merkmal „Leistungen in den theoretischen Fächern“hat im Hinblick auf die Absicht, den Betrieb zu wechseln,einen höheren Erklärungswert als das Merkmal „Leistungenin den praktischen Fächern“, d. h. der Jugendliche orientiertsich bei seiner Entscheidung, ob er den Ausbildungsbetriebverlassen will oder nicht, in stärkerem Maße an den eigenenLeistungen in der Theorie als an den eigenen Leistungen inden praktischen Fächern.- Während sich insgesamt keine Unterschiede nach demStatus des Ausbildungsberufes ergeben, zeigt sich bei Kontrolle des Merkmals „Geschlecht“ folgendes Bild: Sowohlmännliche als auch weibliche Auszubildende, die für einenArbeiterberuf 18 ) ausgebildet werden, wollen den Ausbildungsbetrieb häufiger verlassen als Jugendliche in einer Ausbildung für Angestelltenberufe.- Bei Auszubildenden mit Realschulabschluß und überdurchschnittlichen Noten sind – entgegen der generellenTendenz – keine geschlechtsspezifischen Unterschiede imHinblick auf die Absicht, den Betrieb nach Abschluß derAusbildung zu wechseln, festzustellen.Insgesamt erscheint der Anteil von einem Drittel der Auszubildenden, die den Ausbildungsbetrieb sofort nach erfolgreicher Abschlußprüfung verlassen wollen, relativ hoch. Diesgilt vor allem unter dem Aspekt, daß Ausbildungsinvestitionen – im Vergleich zu nicht-ausbildenden Betrieben – zuerstdem ausbildenden Betrieb Vorteile bringen sollen. Es stellt18) Als Arbeiterberuf werden gewerblich-technische Berufe bezeichnet, ntenversicherungzuzuordnen sind. Grundlage für diese Zuordnung ist die Berufskennziffer.Dieses Verfahren führt zu einem – gegenüber dem tatsächlichen geringfügig höheren Anteil der Arbeiterberufe (vgl. dazu auch Hofbauer,H., Berufsverlauf nach Abschluß . . ., in diesem Heft).19) Es ist zu vermuten, daß bei Auszubildenden, denen Informationen überein nicht zu erwartendes Angebot zur Weiterbeschäftigung bekannt sind,durch nachträgliche Rechtfertigungen (Dissonanzreduktion) auch einegeringere Verbleibsabsicht zu beobachten ist. Selbstverständlich dürfteauch der Betrieb bei Auszubildenden, die die Absicht zum Betriebswechselerkennen lassen, vorsichtiger im Hinblick auf ein Übernahmeangebotagieren.20) Dabei ist zu berücksichtigen, daß die während der Ausbildung erbrachtenLeistungen mit Hilfe einer Selbsteinstufung erhoben wurden. Es ist nichtauszuschließen, daß das Vorhandensein bzw. Fehlen eines Übernahmeangebots von den Auszubildenden in diese Selbsteinstufung einfließt.MittAB 3/83sich daher die zusätzliche Frage, ob und in welchem Umfangdie Betriebe an einer Weiterbeschäftigung der ausgebildetenFachkräfte interessiert sind.Erwartetes Übernahmeangebot durch den AusbildungsbetriebZwischen dem erwarteten Übernahmeangebot durch denAusbildungsbetrieb und der Verbleibsabsicht der Auszubildenden besteht ein enger Zusammenhang. Dies zeigt sichauch daran, daß bei beiden Merkmalen dieselben Bestimmungsfaktoren für die höchsten Anteile an erklärter Varianzmaßgebend sind (vgl. Tabelle l):19)- Je mehr Beschäftigte der Ausbildungsbetrieb hat, destomehr Auszubildende gehen davon aus, daß sie im Anschlußan die Ausbildung vom Ausbildungsbetrieb in ein Arbeitsverhältnis übernommen werden.- Auszubildende im öffentlichen Dienst, in der Industrieund im Handel erwarten in überdurchschnittlichem, Auszubildende in der Landwirtschaft, in den Freien Berufen undim Handwerk dagegen in unterdurchschnittlichem Umfangein Übernahmeangebot.- Je besser die Leistungen der Auszubildenden sowohl inden praktischen als auch in den theoretischen Fächern vonden Betroffenen selbst eingeschätzt werden, desto häufigererwarten die Auszubildenden ein Übernahmeangebot vomAusbildungsbetrieb.- Je höher die schulische Vorbildung der Auszubildendenist, desto häufiger erwarten sie vom Ausbildungsbetrieb dieÜbernahme in ein Arbeitsverhältnis. Dieses Ergebnis ist nurzum Teil darauf zurückzuführen, daß Jugendliche mit höherem Schulbildungsniveau im öffentlichen Dienst und in derIndustrie überrepräsentiert sind.Wie beim beabsichtigten Betriebswechsel ergeben sich auchhier bei der Kontrolle einzelner Merkmale zusätzliche Informationen :- Während generell männliche Auszubildende häufiger alsweibliche Auszubildende angeben, daß der Ausbildungsbetrieb sie wahrscheinlich übernehmen wird (39% zu

schnitt bei Fachkräften, die in den Freien Berufen, in Kleinbetrieben bzw. als Koch oder Friseur ausgebildet wurden. Frauen wollten generell häufiger von sich aus den Betrieb wechseln als Männer (34% zu 23%). - Die Betriebe orientieren sich bei einem Übernahmeangebot stark an