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Aufsätze - September 2010Harald HagnReferat Sonderaufgaben und statistischeAnalysenTelefon: 0361 37-84110e-mail: [email protected]üringen im bundesweiten Vergleich:Preisniveau mildert EinkommensgefälleDie zu einem Zeitabschnitt jeweils verfügbaren Einkommen besagen für sich alleinnoch nicht, wie viele Waren und Dienstleistungen mit ihnen gekauft werden können.Bestimmend hierfür sind auch die Preise dieser Waren und Dienstleistungen. Dadie Preise verschieden hoch sind, variiert die Kaufkraft des Geldes, d.h. die Anzahlder Gütereinheiten, die für eine Geldeinheit zu bekommen ist, nach Regionen.Im vorliegenden Aufsatz wird eine Gegenüberstellung von Preisniveau und Einkommensniveau vorgenommen. Dabei wird sich zeigen, dass das Preisniveaudie bestehende Einkommenskluft zwischen Thüringen bzw. Ostdeutschland undWestdeutschland deutlich verkleinert. Unterschiedliche Lebenshaltungskosten tragensomit zu einer Angleichung der regionalen Lebensverhältnisse bei.Preisniveau im regionalen VergleichDas Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat in eineraktuellen Studie die Preislandschaft in Deutschland untersucht.1) Dabei wurdeinsbesondere der Frage nachgegangen, wie stark sich unterschiedliche regionalePreisniveaus auf das reale durchschnittliche Einkommen in den Städten undKreisen Deutschlands auswirken.2) Dabei zeigt der regionale Preisindex an, umwie viel teurer oder billiger der Warenkorb gemessen an dem Normwert 100 ist.Die prosperierenden Großstädte im Süden der Bundesrepublik bilden demnach die Ostdeutsche GroßPreisspitze. Die Stadt München hat mit 114,4 den höchsten Indexwert, gefolgt vom städte preisgünstigerLandkreis München (109,6), Frankfurt/Main (108,7) und dem Landkreis Starnberg als westdeutsche(108,4). Das Preisniveau in den nördlicheren westdeutschen Großstädten Köln(102,5), Düsseldorf (102,4) und Hamburg (101,4) ist bereits etwas niedriger. Auchpreisgünstigere Großstädte in den alten Bundesländern sind immer noch teurerals Berlin (93,2), Dresden (90,8) und Leipzig (88,7). In dieses Bild fügen sich diegrößeren Thüringer Städte Jena (95,5), Erfurt (90,2) und Gera (87,0) nahtlos ein.1) Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (2009): Regionaler Preisindex2) Nominaleinkommen ist in Geld bewertetes Einkommen (z.B. Lohn, Gehalt oder Rente) ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Kaufkraft. Dagegen ist das Realeinkommen eine Einkommensgröße, die die Kaufkraft des Geldes berücksichtigt. Das Realeinkommen istsomit gleichbedeutend mit der Menge an Waren und Dienstleistungen, die mit einem bestimmten Nominaleinkommen gekauft werdenkann. Berechnet wird das Realeinkommen, indem das Nominaleinkommen durch den Preisindex geteilt wird.1

AufsätzePreisniveau in Städ- In den Städten ist das Preisniveau durchweg höher als auf dem Land. Bundesweitten durchweg höher lebt es sich am günstigsten in den abgelegenen Landkreisen Tirschenreuth undRegen im Bayerischen Wald (83,4 bzw. 84,0), Lüchow-Dannenberg (83,7) sowieNiederschlesischer Oberlausnitzkreis/Görlitz (84,2). Im Freistaat Thüringen weisendie Landkreise Greiz (84,2), Sömmerda (85,1) und Eichsfeld (85,2) das niedrigstePreisniveau auf.Nominal- und RealeinkommenVerhältnis von Nominal- und Realeinkommen 2006 in Thüringengeringer PreiseffektAttraktivität kostetnominal und real guter Durchschnittdoch nicht SpitzeKompensationÜberkompensationweiterhin SpitzePreiseffekte regional Das Bundesverfassungsgericht hatte im Jahr 2007 zu entscheiden, ob bei derunterschiedlich Beamtenbesoldung regional unterschiedliche Lebenshaltungskosten durch denGesetzgeber zu berücksichtigen sind. Kläger war ein Polizist, der sich durchseine Versetzung nach München real schlechter gestellt sah. Wenn auch das2

AufsätzeBundesverfassungsgericht damals die Klage abwies, so zeigt doch der regionalePreisindex, dass die Preise in München derart hoch sind, dass selbst vergleichsweise hohe nominale Einkommen auf durchschnittliche Realeinkommen abgesenktwerden können. Dagegen gibt es durchschnittlich einkommensstarke Städte – wiebeispielsweise Freiburg im Breisgau oder Dresden– die sich hinsichtlich des Realeinkommens sogar unter dem Durchschnitt wiederfinden. Umgekehrt gibt es aberauch Regionen, in denen die Preise so günstig sind, dass trotz durchschnittlicherNominaleinkommen, die Realeinkommen über dem Durchschnitt liegen.Im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Nominal- und Realeinkommen unterscheidet das Bundesinstitut für Bau, Stadt- und Raumforschung (BBSR) siebenRegionstypen:3)Den ersten beiden Regionstypen ist gemeinsam, dass sie ein unterdurchschnittlichesRealeinkommen charakterisiert. Die Gründe hierfür sind allerdings unterschiedlich:Regionstyp 1: Geringer PreiseffektDieser Regionstyp umfasst in Thüringen die Mehrzahl der Kreise: Hierzu zählen die Geringer PreiseffektLandeshauptstadt Erfurt, Gera, Jena, das Eichsfeld, Nordhausen, Unstrut-Hainich- bei Mehrzahl derKreis, Kyffhäuserkreis, Gotha, Hildburghausen, Ilm-Kreis, Weimarer Land/Weimar, Thüringer RegionenSaalfeld-Rudolstadt, Saale-Holzland-Kreis, Saale-Orla-Kreis sowie das AltenburgerLand. Alle diese Regionen weisen unterdurchschnittliche Nominal- und Realeinkommen auf. Das Preisniveau ist dort in Relation zum Nominaleinkommenso hoch, dass keine Kompensation erfolgen kann. Im Ergebnis verharrt auchdas Realeinkommen auf unterdurchschnittlichem Niveau. Mit Blick auf das gesamteBundesgebiet erscheint bemerkenswert, dass sich lediglich zwei von insgesamt70 Regionen dieses Typs in den alten Bundesländern befinden.Regionstyp 2: Attraktivität kostetNur eine überschaubare Anzahl von Regionen lässt sich zu diesem Typ zusammenfassen: Berlin, Dresden, Oberhavel, Freiburg im Breisgau, Ludwigshafen amRhein, Frankfurt am Main, Lübeck und Kiel. Charakteristisch für sie ist zumeist,dass sie etwa als Hauptstadt, Universitätsstadt oder Finanzplatz eine besondereAttraktivität innehaben. Deren Folge ist ein vergleichsweise hohes Preisniveau,welches wiederum die durchschnittlichen Nominaleinkommen auf ein unterdurchschnittliches Niveau bei den Realeinkommen absinken lässt. In Thüringenist dieser Regionstyp nicht vertreten.Attraktivität lässtRealeinkommen aufunterdurchschnittliches NiveauabsinkenRegionstyp 3: Nominal und real guter DurchschnittDieser Regionstyp ist dadurch gekennzeichnet, dass einem durchschnittlichenNiveau bei den Nominaleinkommen ein ebenfalls durchschnittliches Niveaubei den Realeinkommen gegenübersteht. Etwa drei Fünftel aller Regionen inDeutschland lassen sich diesem Typ zuordnen.Das beigefügte Kartenbild zeigt deutlich, dass sich die überwiegende Mehrheitdieser Regionen in Westdeutschland befindet. Bezogen auf Ostdeutschlandgehören in Thüringen verhältnismäßig viele Regionen diesem Typ an. Hierzuzählen im Freistaat die Kreise Greiz, Sonneberg, Schmalkalden-Meiningen/Suhl,sowie Wartbugkreis/Eisenach. Allen diesen Regionen ist gemeinsam, dass sie in3) Vgl. Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (2009): Regionaler Preisindex, S. 59 ff3Drei Fünftel allerdeutschen Regionennominal und realguter Durchschnitt

Aufsätzeder Nähe der alten Bundesländer liegen und in einem Großteil der Fälle durchkurze Pendeldistanzen zu Arbeitsstätten in den alten Bundesländern relativ hoheEinkommen erzielt werden können.Regionstyp 4: Doch nicht SpitzeHohe Preise lassen Lediglich eine kleine Gruppe von Regionen gehört bundesweit diesem Typ an.Realeinkommen Ihnen allen ist eigen, dass dort ein überdurchschnittliches Nominaleinkommensinken aufgrund des dort vorherrschenden sehr hohen Preisniveaus auf ein nur nochdurchschnittliches Realeinkommen herabgedrückt wird. Zu diesem Regionstypzählen die bayerische Landeshauptstadt München sowie die sie umgebendenLandkreise Fürstenfeldbruck, Ebersberg, Dachau und Bad Tölz-Wolfratshausen.Auch die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart mit seinen Nachbarkreisen Esslingen, Böblingen und Reutlingen gehören diesem Regionstypan. Ferner noch Ulm, die Stadt Heilbronn, Heidelberg, der Landkreis Offenbach,Düsseldorf und Stormarn.Regionstyp 5: Kompensation:Durchschnittliche Auch diesem Typ gehört nur eine kleine Gruppe von Regionen an. Im GegensatzRealeinkommen zum vorgenannten liegen aber alle in Ostdeutschland. Thüringen ist hier durch dendurch niedrige Preise Landkreis Sömmerda vertreten. Allen 14 Regionen ist gemeinsam, dass sie nur einunterdurchschnittliches Nominaleinkommen aufweisen. Das dort vorherrschendeniedrige Preisniveau führt jedoch zu einer Kompensation dergestalt, dass dasRealeinkommen auf ein durchschnittliches Niveau angehoben wird.Regionstyp 6: ÜberkompensationÜberkompensationausschließlich inwestdeutschenRegionenKennzeichnend für alle diesem Typ angehörigen Regionen ist, dass ein durchschnittliches Nominaleinkommen auf ein niedriges Preisniveau trifft. DasErgebnis ist ein überdurchschnittliches Realeinkommen. Diese Überkompensationtritt zum einen in peripher gelegenen Landkreisen wie den Hohenlohekreis, denLahn-Dill-Kreis oder Kronach, aber auch in Städten wie Wuppertal und Bielefeldauf. Es handelt sich ausschließlich um westdeutsche Regionen.Regionstyp 7: Weiterhin SpitzeÜberdurchschnittliche Nominal- undRealeinkommenbundesweit in jederzehnten RegionBundesweit weist etwa jede zehnte Region sowohl überdurchschnittliche Nominal- als auch Realeinkommen auf. Auch hier handelt es sich ausschließlichum Regionen in den alten Bundesländern.Die diesem Typ zurechenbaren Regionen weisen keine einheitliche Struktur auf.Zum einen handelt es sich um Städte wie Hamburg und Bremen, zum anderenliegen sie im Umfeld bedeutender Großstädte, wie etwa der Landkreis Münchenoder der Hochtaunuskreis. In dieser Gruppe finden sich jedoch auch Regionenwie beispielsweise Minden-Lübbecke, Verden oder der Zollneralbkreis.Etwa die Hälfte der diesem Typ angehörenden Regionen weist ein hohes Preisniveau auf. Anders als beim Regionstyp „Doch nicht Spitze“ führt dies jedochhier nicht zu einem Absinken auf ein durchschnittliches Realeinkommensniveau.In der zweiten Hälfte dieser Regionen treffen sich gute Verdienstmöglichkeitenund niedrige Preise.4

AufsätzeZusammenfassend bleibt festzuhalten, dass bundesweit 68 Prozent der Regionenüber ein durchschnittliches Realeinkommen verfügen. Insofern kann in mehr alszwei Dritteln der Regionen von gleichwertigen Lebensbedingungen gesprochenwerden. Allerdings fällt auf, dass der Anteil an Regionen mit unterdurchschnittlichenRealeinkommen in den neuen Bundesländern deutlich höher ist als in den altenBundesländern. Umgekehrt findet sich in Ostdeutschland keine einzige Region miteinem überdurchschnittlichen Realeinkommen.Nominaleinkommenund nger Preiseffekt unterdurchschnittliches Nominaleinkommenund vergleichsweise hohes Preisniveaukeine Kompensation unterdurchschnittliches RealeinkommenAttraktivität kostetdurchschnittliches Nominaleinkommen undvergleichsweise hohes PreisniveaunegativeKompensationnominal und realguter Durchschnittdurchschnittliches Nominaleinkommen unddurchschnittliches Preisniveaukeine Kompensation durchschnittliches Realeinkommendoch nicht Spitzeüberdurchschnittliches Nominaleinkommenund sehr hohes PreisniveaunegativeKompensationdurchschnittliches RealeinkommenKompensationunterdurchschnittliches Nominaleinkommenund niedriges PreisniveaupositiveKompensationdurchschnittliches RealeinkommenÜberkompensationdurchschnittliches Nominaleinkommen undniedriges Preisniveaupositiveüberdurchschnittliches RealeinkommenKompensationweiterhin Spitzeüberdurchschnittliches Nominaleinkommenund hohes oder niedriges Preisniveaukeine Kompensation überdurchschnittliches Realeinkommenunterdurchschnittliches RealeinkommenOst-West-VergleichIn den neuen Bundesländern ist es keineswegs durchgängig preisgünstiger als in Ostdeutschlandden alten Bundesländern. Wie jedoch aus dem beigefügten Schaubild ersichtlich ist, nicht durchgängigkann die Mehrzahl der hier einbezogen Güter im Osten billiger erworben werden preisgünstigerals im Westen.4) Gleichwohl ist dies nicht bei allen Gütern der Fall. So weisenz.B. in den neuen Bundesländern die Hausrat- und Kfz-Versicherung, Strom undGas, die Eintrittskarte in das Freibad und das Entgelt des Schornsteinfegers einhöheres Preisniveau auf als in den alten Bundesländern. Umgekehrt werden inOstdeutschland beispielsweise für den Friseur, die Krankenversicherung und dieMiete im Durchschnitt deutlich günstigere Preise abverlangt als in WestdeutschlandDas westdeutsche Preisniveau lag im Jahr 2006 bei einer einwohnergewichteten Thüringer PreiseBetrachtung bei einem Durchschnittswert von 93,0.5) Dagegen nahm das ostdeutsche unter westdeutschemPreisniveau einen Durchschnittswert von 88,6 und das Thüringer Preisniveau einen NiveauDurchschnittswert von 87,2 an.6) Damit lag das ostdeutsche Preisniveau um 4,4Punkte und das Thüringer Preisniveau um 5,8 Punkte unter dem entsprechendenwestdeutschen Wert. In Prozentzahlen ausgedrückt war das Preisniveau somitin Ostdeutschland insgesamt um 4,7 Prozent und in Thüringen um 6,2 Prozentniedriger als in Westdeutschland.4) Das Schaubild zeigt die relativen Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland auf. Dabei bezeichnet die 100-Prozent-Liniedas Preisniveau in den alten Bundesländern. Nicht in das Schaubild einbezogen sind Güter, die bundesweit das gleiche Preisniveauaufweisen. Hierzu zählen beispielsweise Bücher, Tabakwaren, die Kraftfahrzeugsteuer, Gebühren für den Reisepass oder für dieErstausstellung des Führerscheins, Telefon- und Portogebühren, die Haftpflicht-, Unfall- und Rechtsschutzversicherung, überregionaleZeitungen, Bahnfahrten sowie die GEZ-Gebühr für Radio und Fernsehen.5) Aktuelleres Zahlenmaterial ist für den regionalen Preisindex derzeit nicht verfügbar.6) Entsprechend eigenen Berechnungen auf der Grundlage des Zahlenmaterials des BBSR.5

AufsätzePreisunterschiedeausgewählter Güter2006im Ost-West-VergleichQuelle: BBR Bonn2008Teilweise AngleichungderLebensverhältnissezwischen Ostund WestImJahr2008betrugder Mediander monatlichen Haushaltsnettoeinkommenderprivaten Haushalteindenneuen Bundesländern78,8 Prozentundin Thüringen79,9 Prozentdes Niveausderalten Bundesländer. Vergleicht mandiese digenAngleichungder trägtdasim Ostengünstigere Preisniveauzueinerteilweisen nddenneuenBundesländernbei.Diesgiltinbesonderem MaßefürdenFreistaatThüringen.FazitPreisniveau mildert Die Berücksichtigung vonInformationen zuregionalen PreisunterschiedeninEinkommensgefälle Deutschlandführt bei den monatlichen Haushaltsnettoeinkommen zu einer Annäherung zwischen denrelativ ärmeren neuen Bundesländern und denrelativreicheren alten Bundesländern. Eskommtjedoch nichtzu sbesonderein Thüringen das niedrigere Preisniveau das bestehendeEinkommensgefälle.6

Aufsätze - September 2010 Thüringen im bundesweiten Vergleich: 57 Preisniveau mildert Einkommensgefälle 57 Preisniveau im regionalen Vergleich 57 noch nicht, wie viele Waren und Dienstleistungen mit ihnen gekauft werden können. 58