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Vektorübertragene Infektionendes Hundes („CVBD“) in EuropaVerbreitung, Nachweismöglichkeiten, Prophylaxe und Therapie3. manEhrliBorrelliosDr. med. vet. Nikola Pantchev, Fachtierarzt für ParasitologieDr. med. vet. Maja Hirsch, Fachtierärztin für Klein- und Heimtiere1

InhaltVektoren 3ERKRANKUNGEN DURCH PARASITENBabesiose 4Canine Hepatozoonose 11Leishmaniose 14Filariose 20ERKRANKUNGEN DURCH BAKTERIENEhrlichiose 26Anaplasmose 30Lyme Borreliose 36ANHANGZeitleiste der Erregernachweise 42Reisekrankheitenprofile 43Tierärzte in Mittel- und Nordeuropa werden immer häufiger mit densogenannten “Reisekrankheiten” konfrontiert. Mit der zunehmendenVerbreitung der für die Infektionen verantwortlichen Vektoren ist derBegriff “Reisekrankheiten” nicht mehr ganz zutreffend. Genauer istdaher die englischsprachige Bezeichnung Canine Vector Borne Diseases(CVBD/durch Vektoren übertragene Krankheiten des Hundes).Aktuell wird eine Zunahme praxisrelevanter CVBDs auch im deutschsprachigenRaum beobachtet, mit zum Teil hoher Pathogenität und Zoonosepotenzial(Risiken für Tier und Mensch).Im Folgenden soll ein Überblick über die aktuelle Situation ihrer Verbreitung,der Diagnostik sowie der Möglichkeiten bezüglich Prophylaxe und Therapiegegeben werden.2

VektorenMehr als 15.000 Arthropodenarten (Stech-, Sand- undKriebelmücken, Gnitzen, Stechfliegen, Bremsen, Bettwanzen, Läuse, Flöhe, Zecken, Milben u. a.) ernährensich vom Blut von Vertebraten und haben mannigfaltigeStrategien entwickelt, an dieses „Material“ heranzukommen. Die wichtigsten Vektoren für CVBD in Europasind in Tab. 1 zu sehen. Bei den meisten Mücken sindes die adulten Weibchen, die Blut saugen, um ihre Eierproduzieren zu können, während die Männchen sichmit Pflanzensäften begnügen.Dagegen müssen alle Stadien der Schildzecken (Larven, Nymphen, Adulte) Blut zu sich nehmen. Allerdingszeigen Mücken und Zecken unterschiedliche Strategienum Blut zu gewinnen, die auch in unmittelbarem Zusammenhang mit der Übertragung der Erreger stehen.Stechmücken z. B. weisen feine stechend-saugende„Zweikanalmundwerkzeuge“ auf, die jeweils einenNahrungsgang und einen Speichelgang haben, undmit deren Hilfe sie die Blutgefäße ihrer Wirte direkt anstechen; daher auch „Capillary-feeder“ oder „Kapillarsauger“ genannt.Schildzecken besitzen ein mit Widerhaken versehenenesHypostom, das wie ein Zapfen durch die aufgeschlitzteHaut gestochen wird. Die korrekte Bezeichnung fürdiesen Vorgang ist daher Stich und nicht Biss. Zeckenzerschneiden mit ihren sägeähnlichen Mundwerkzeugen (sog. Cheliceren) die Haut der Wirte, sodasseine blutgefüllte Lakune entsteht; deswegen gehörensie zu den sogenannten „Pool-Feedern“ oder „Poolsaugern“.Tab. 1 CVBD: Vektoren, Erreger, Vorkommen.VektorenAussehenÜberträgt (Auswahl).in MitteleuropaCulicidaeStechmücken(u. a. Culex, Aedes,Anopheles)Dirofilaria repens,Dirofilaria immitisja; bevorzugen je nach Artspezielle Habitate:z. B. Überschwemmungs-,Wald-, HausmückenPhlebotominaeSandmücken(Phlebotomus spp.)Leishmania infantumvereinzelt wird die P. mascittiinachgewiesen, für die allerdings bisher die Vektorkompetenz nicht gesichert istIxodes ricinusGemeiner HolzbockBorrelia burgdorferi,Anaplasma phagocytophilum, FSMEja; feuchte Habitate( 75 % r. L.):u. a. Wald- und Wegränder,Extensivweiden, Parks,HausgärtenDermacentor reticulatusAuwaldzeckeBabesia canisja; lokale Herde: feuchteWald- und Wiesenhabitate,entlang von FlüssenRhipicephalus sanguineusBraune Hundezecke*Babesia vogeli, Ehrlichia/Hepatozoon canis, Acanthocheilonema(Syn. Dipetalonema) dracunculoides/Cercopithifilaria spp.,Rickettsia conorii, Bartonellavinsonii subsp. berkhoffi,(B. gibsoni, Anaplasma platys)als Freilandzecke nurtemporär; lokal alsimportierte, domestischePopulationen in Gebäudenauch ganzjährig Bayer* aktuell als kryptischer Spezies-Komplex „Rhipicephalus sanguineus sensu lato“ angenommen, mit unterschiedlichen Arten,die eine unterschiedliche Verbreitung, Wirtsspezifität und Vektorkompetenz aufweisen3

BabesioseErregersteckbrief und ÜbertragungBabesien sind Einzeller, die zu den sog. Piroplasmengehören und die wichtigsten Blutparasiten der Haussäugetiere darstellen. Canine Babesiosen spielen weltweit eine Rolle. Noch vor wenigen Jahren zählten zu denBabesiosen des Hundes 3 (Unter-)Arten von großenBabesien (Merozoitengröße 3 – 5 μm; B. (canis) canis,B. (canis) vogeli und B. (canis) rossi), sowie eine Art vonkleinen Babesien (1 – 3 μm; B. gibsoni). In den letztenJahren wurden jedoch aufgrund molekularer Studienweitere Arten klassifiziert, sodass derzeit mindestensneun genetisch unterschiedliche Arten bekannt sind(Tab. 2 – 3). Die canine Babesiose (B. canis) war frühereine typische Reiseerkrankung im Zusammenhang miteinem Aufenthalt im Mittelmeerraum. Sie tritt jedochzunehmend autochthon auch in Deutschland, Österreich und in der Schweiz auf. Kleine Formen, wie etwaB. annae, gewinnen ebenfalls durch Nachweise inIxodes-Zecken und Füchsen immer mehr an Bedeutung; es bleibt jedoch zu klären ob diese häufigenFunde auch für Hunde eine Relevanz aufweisen.Babesien fallen durch die Besonderheit auf, dass sienicht nur transstadial sondern auch effizient transo-variell in der Zecke übertragen werden. Durch dievertikale Übertragung auf 3 – 4 Tochtergenerationenkönnen Zeckenpopulationen in einem Endemiegebietüber einige Jahre infiziert bleiben, auch wenn sie keineMöglichkeit für eine Neuinfektion haben. Die Entwicklung der Babesien in der Zecke, speziell der Befall derSpeicheldrüsen mit Sporozoiten-Bildung, erfolgt nichtsofort, sondern wird durch eine nervöse Stimulation derverschiedenen Organe ausgelöst. Mit dem Anheftenam Wirt werden in den Zecken Entwicklungsstadien derBabesien (Kineten) frei, die über die Hämolymphe indie Speicheldrüsen der Zecke eindringen. Experimentell(B. canis und D. reticulatus) wurden Hunde 72 Stundennach einer Infestation nachweislich (PCR, Blutausstrich)Babesien-positiv; eine Ausnahme bildeten mit einersofortigen Übertragung Dermacentor-Männchen, diebereits einmal Blut gesaugt hatten (Übertragung nach8 Stunden). Vektorlose Übertragungsmöglichkeitenschließen die Bluttransfusion ein; auch eine pränatale diaplazentare Übertragung scheint möglich. Beikleinen Babesien wird auch über eine direkte Hundzu-Hund-Übertragung über Bisswunden, Speicheloder aufgenommenes Blut (Kampfhunde) spekuliert.große FormenTab. 2 Aktuelle Piroplasmen-Arten beim Hund (Babesien):ArtSynonymVektor beim HundVerbreitungBesonderheitBabesia vogeli*Babesia canis vogeliRhipicephalussanguineusweltweit über diegesamten Tropen undSubtropen, mediterraneRegionin gemäßigten ZonenAdaptation des Vektorsauch an Raumklimavon GebäudenBabesia canisBabesia canis canisDermacentor reticulatusEuropahämolytische Anämie,Fieber; mittelgradigeVirulenzBabesia rossiBabesia canis rossiHaemaphysalis ellipticaSubsahara-Afrika;v. a. Südafrikahohe Virulenz; Hämolyse,ImmunerkrankungBabesia sp.unbenannte großeBabesia sp. („NorthCarolina“ Isolat),B. „coco“bisher nicht bekanntNorth Carolina (USA)Thrombozytopenie,hämolytische Anämie,Leukopenie, PigmenturieBabesia sp.unbenannte großeBabesia sp. (Großbritannien Isolat)bisher nicht he Anämie,Leukopenie, Pigmenturieunbekannt(D. reticulatus?)Kroatiennur molekularerNachweisBabesia caballi* gilt für adulte Hunde als schwach virulent, kann aber bei prädisponierenden Faktoren wie junge Hunde oder Immunsuppression(Cushing, Kortison-Gaben oder Ko-Infektionen) auch einen schweren Verlauf nehmen4

E R K R A N KU N G E N D U R C H PA R A S I T E NPathogenese und SymptomatikDie Inkubationszeit von Babesien beim Hund wird allgemein mit 6 – 20 Tagen p. i. angegeben, kann jedochje nach Art und Stammvirulenz variieren. Wichtige Faktoren in der variablen Pathogenese dieser Einzeller sinddie Babesien-Art, aber auch andere wie Alter, Immunstatus, Koinfektionen und ‑erkrankungen. Eine Gewebehypoxie ist verantwortlich für viele Symptome, diedurch virulente Babesia-Stämme verursacht werden.Die Ursachen für Hypoxie schließen Anämie, Schock,vaskuläre Stase, exzessive endogene Produktion vonCO, parasitär bedingte Hämoglobin-Schädigung sowiereduzierte Fähigkeit von Hämoglobin Sauerstoff zuentladen ein. Die Hypoxie scheint wichtiger für eineoft beobachtete Nierenschädigung zu sein als dieHämoglobinurie. Die Milz spielt eine wichtige Rollebei der Kontrolle der Babesiose; splenektomierte undexperimentell infizierte Hunde entwickeln schnell einehochgradige Parasitämie und klinische Erkrankung.Zudem wird bei der Parasitenproliferation SPA („solubleparasite antigen“) gebildet, das in vielfältiger Weiseschädigend wirkt, indem es etwa in die Gerinnungskaskade eingreift, zur Freisetzung von vasoaktivenMediatoren oder Autoagglutination von Erythrozytenführt; Vasodilatation, Hypotension und Sequestration(Sludge-Phänomen) sind die Folgen.Eine Babesiose kann perakut, akut, chronisch odersubklinisch verlaufen. Am häufigsten ist die akuteVerlaufsform mit Fieber, Mattigkeit, Appetitlosigkeit,Anämie, Ikterus und Hämoglobulinurie („Notfall“). Dieklinischen Manifestationen der akuten caninen Babesiose sind in Tab. 4 aufgelistet. Chronische Infektionenäußern sich dagegen durch geschwächte, abgemagerte Tiere mit intermittierendem Fieber, Apathie undAnämie über Monate.Einige speziesspezifische Unterschiede sind inTabelle 2 und 3 aufgelistet.kleine FormenTab. 3 Aktuelle Piroplasmen-Arten beim Hund (Babesien/Theilerien):ArtSynonymVektor beim HundVerbreitungBesonderheitBabesiagibsoniBabesia gibsoniAsia StammHaemaphysalisbispinosa, Haemaphysalis longicornis,(Rhipicephalussanguineus)v. a. Asien, sporadischauch Afrika, Australien,Europa, Nord- und Südamerikaaußerhalb Asiens Infektionoft assoziiert mit Pit BullTerriern und anderenKampfhunden mit vektorloser ÜbertragungBabesiaconradae„Kleine Babesia sp.“Kalifornien-Isolatunbekannt(ein Wildtier-Reservoirwird angenommen)Kalifornien (USA)hämolytische Anämie,VomitusBabesia annaeBabesia microti-like,Ixodes spp.Theileria annae;(wird angenommen)kl. Babesia(spanisches Isolat)Babesia vulpes sp.nov.Nordwest-Spanien, Portugal, Kroatien, Schweden, USA, Deutschland/Österreich/Ungarn/GB(bisher nur beim Fuchs)schwere hämolytischeAnämie, Eosinophilie,NierenbeteiligungTheileria equiBabesia equiunbekanntSpanien, Kroatien,Frankreich, Rumänien,Jordanien, Südafrikanur molekularerNachweis, Thrombozytopenie, AnämieunbekanntSpaniennur molekularerNachweisTheileriaannulata5

Tab. 4 Klinische Manifestationen der akuten caninen BabesioseOhne Komplikationenmilde Formakute Hämolyse, milde Anämieschwere Formakute hämolytische Krise, lebensbedrohliche AnämieMit zusätzlichen Komplikationenakutes NierenversagenOligurie oder Anurie, manchmal Polyurie, Hämoglobinuriezerebrale Babesiose*Nystagmus, Paresen, epileptiforme Anfälle, KomaIkterus und HepatopathieBilirubinämie und Bilirubinurie, gelbgefärbte SchleimhäuteKoagulopathieDIC kann zu Schock führenperakuter Verlaufklinische Symptome 24 h, schwere intravaskuläre HämolyseLungenödemTachypnoe, Dyspnoe, Husten, blutiger NasenausflussSchockPyrexie, Stauungen im Kreislauf, pochender Puls* Pathogenese der zerebralen Babesiose: Sequestrierung von befallen Erythrozyten in kleinen Gefäßen im Gehirn,Immunkomplexablagerung mit Vaskulitis, Blutung, DIC u. a.DiagnostikDie Diagnostik der caninen Babesiose schließt vierPunkte ein: Auslandsanamnese inkl. Zeckenbefall,Bluttransfusion oder andere Übertragungsmöglichkeiten (s. o.), klinische Erscheinungen und Laborveränderungen (Hämatologie/klinische Chemie/Urin),direkter Erregernachweis im gefärbten Blutausstrich(Giemsa, Wright- oder Diff-Quik-Färbung), PCR undindirekter Erregernachweis mittels Serologie (ELISA).Die Laborbefunde sind abhänig von der Babesien-Art(s. auch Tab. 2 – 3). Häufige Befunde sind eine hämolytische Anämie, i.d.R. in Form einer sekundären immunhämolytische Anämie mit positivem Coombs-Testund Sphärozyten. Im weissen Blutbild kommt sowohleine Leukozytose mit Linksverschiebung als auch eineNeutropenie vor. Die Thrombozyten können erniedrigtsein. Eine CART (classification and regression treemodel)-Analyse der hämatologischen Parameter ergabin einer Studie eine Vorhersagewahrscheinlichkeit fürdas Vorliegen einer Babesiose (B. canis) von 93,5%,wenn die Parameter Leukozyten, Thrombozyten undRetikulozyten eingesetzt wurden und erniedrigt waren.Charakteristisch ist eine Hämoglobinurie und Bilirubinurie, häufig mit Bilirubinämie und Proteinurie bedingtdurch die intravasale Hämolyse. Die LeberenzymeAspartat-Aminotransferase/AST und Alanin-Aminotrans-6ferase/ALT (bei vorliegender Hepatopathie) sind häufigerhöht, oft in Kombination mit einer Hypoalbuminämie(durch eine Hepatopathie oder Glomerulopathie). CRPals Akut-Phase-Protein kann erhöht sein. Bei Vorliegeneiner Glomerulopathie kann auch eine Azotämie beobachtet werden. Tiere mit einer Ehrlichien-Koinfektionzeigen häufig eine deutliche Hypergammaglobulinämie.Eine aktuelle Studie zeigte, dass eine schlechte Prognose der akuten Babesiose (B. canis) mit bestimmten Blutbildveränderungen assoziiert war. Demnachist eine Intensivpflege bei mäßiger Anämie, schwererThrombozytopenie, milder bis mäßiger Leukopenie, Hyperlaktatämie, mäßiger Hyperphosphatämie,Triglyceridämie und Hypoproteinämie indiziert.Möglichkeiten spezifischer Diagnostikin der PraxisDie Möglichkeiten spezifischer Diagnostik in dertierärztlichen Praxis während der akuten Phase sindbeschränkt auf gefärbte Blutausstriche, die eine Unterscheidung zwischen großen (Abb. 1A) und kleinenBabesien ermöglichen. Kapilläres Blut oder eine„Buffy-Coat“-Präparation eignen sich oft besser, weilbefallene Erythrozyten in Kapillaren sequestrierenbzw. Babesien eher Retikulozyten befallen als reifeErythrozyten. Die Unterscheidung gelingt gut, bis

E R K R A N KU N G E N D U R C H PA R A S I T E Nauf seltene Fälle atypischer B.-canis-Stadien, die mitkleinen abgerundeten Formen überraschen können(Abb. 1B). In diesen Fällen ist eine PCR zur sicherenDifferenzierung indiziert. Kleine und große Babesiensollten diagnostisch klar differenziert werden, denndie Therapie ist unterschiedlich (s. u.).Serologie in spezialisierten LaborsEs ist bekannt, dass große Babesien im IFAT miteinander kreuzreagieren (B. canis/B. vogeli/B. rossi), wobeihomologes Antigen im IFAT mit der entsprechendenAK-Kombination (B.-canis-Antigen mit B.-canis-infiziertem Hund) stärkere Reaktionen hervorruft. Darüberhinaus können Babesien auch auf Gattungsebene(z. B. B. canis versus B. gibsoni) kreuzreagieren undzwar unabhängig vom eingesetzten Test (IFAT oderELISA), wenn diese Tests Vollantigen verwenden. DieSerologie kann zudem auch nicht zwischen akut oderchronisch infizierten Tieren unterscheiden.Spezifische AK konnten bei experimentell infiziertenHunden (mit D. reticulatus und B. canis) am Tag 14p. i. bei 5 von 7 Hunden nachgewiesen werden undalle Tiere waren am Tag 21 und 28 p. i. serokonvertiert(mit Titern ab 160 bis grösser/gleich 2560).Nach einer experimentellen parenteralen Infektionvon Hunden mit B. vogeli kam es zu Serokonversion7 Tage p. i., mit steigenden Titern 14 – 21 Tage p. i.und Erreichen von Höchst-Titern (1280 – 5120)48 – 55 Tage p. i.; die AK-Titer fielen leicht ab bis Tag160 (etwa 2 Titer-Stufen) auf 640 – 1280. Die serolo-Agischen Ergebnisse der mit Imidocarb behandeltenGruppe (7 mg/kg, Tag 15 und 27 p. i.) waren in dieserStudie signifikant unterschiedlich von denen der unbehandelten Gruppe, indem die Titer niedriger warenund schneller abfielen (ab dem Tag 34 p. i.). Eine(kapilläre) Parasitämie war 2 Tage p. i. bis 41 Tage p.i. (in dieser Phase intermittierend) zu beobachten.Der Zeitpunkt des Verschwindens der Babesien ausdem Blut korrelierte in dieser Studie in etwa mit demErreichen der Höchsttiter. Interessant ist auch, dassAK-Titer grösser/gleich 320 eine protektive Wirkungzeigten. Eine Parasitämie war mit 2 Tagen p. i. indiesem experimentellen Design früher zu beobachtenals es normalerweise der Fall bei natürlichen Infektionen ist (6 – 20 Tage p. i.). Dieser zeitliche Abstandkann daran liegen, dass in der erwähnten Studie dieHunde mit Merozoiten-haltigen Erythrozyten inokuliert wurden (intravenös), wohingegen bei natürlichenInfektionen erst einmal Sporozoiten durch die Zeckeinokuliert werden. Die Vorteile der Serologie liegen inder Diagnose von Fällen mit niedriger oder intermittierender Parasitämie, und von chronischen Infektionen.Die Limitierungen sind Kreuzreaktionen (v. a. unterverschiedenen Babesien-Arten, s. o.) und falsch-negative Befunde bei jungen oder immunsupprimiertenHunden sowie früh in der Infektion bevor eine Serokonversion eingetreten ist. Letzteres erfordert danndie Untersuchung eines Serumpaars zu einemspäteren Zeitpunkt (im Abstand von 2 – 3 Wochen).Des Weiteren sollte beachtet werden, dass Hunde inB. canis-endemischen Gebieten hohe Titer aufweisenkönnen, ohne erkrankt zu sein.BAbb. 1 A: g roße Babesien (in diesem Fall molekular charakterisiert als Babesia rossi) im gefärbten Blutausstrich eines ausSüdafrika importierten HundesB: atypische, kleinere und rundliche Form von Babesia canis (Pfeil; molekular charakterisiert); oft sieht man diesesPhänomen post mortem7

PCREin weiterer wichtiger Bestandteil der Babesien-Diagnostik beim Hund ist die PCR. Das Detektionslimit verschiedener PCR-Protokolle wird mit 50 Organismenpro ml oder 9 pro µl angegeben und war in einer Studie1.300fach niedriger als das Detektionslimit von Lichtmikroskopie. Die einmalige mikroskopische Blutausstrich-Untersuchung hatte im Vergleich zur PCR alsangesehenem „Goldstandard“ eine relative Sensitivitätvon 38 % und eine relative Spezifität von mehr als99 %; zwischen den Ergebnissen aus beiden Methodenbestand eine moderate Übereinstimmung (kappa 0.54). Im für die letztere Arbeit untersuchten Patientengut (in Deutschland lebende Hunde) wurden signifikant häufiger Babesien mikroskopisch bei Inlandstieren gefunden als bei Tieren mit Reisevorberichtoder Importtieren. Möglicherweise wurde ein größererTeil der Tiere mit Auslandsvorbericht unabhängig vonSymptomen präventiv untersucht, während bei denInlandstieren der Untersuchungsgrund eher ein klinischer Verdacht war. Ein weiterer, jedoch sehr wichtigerVorteil der PCR ist, dass im Anschluss an einen positiven Babesien-PCR-Befund eine Differenzierung derBabesien-Art entweder mittels Spezies-spezifischerreal-time-PCRs (wird automatisch und kostenlos durchgeführt bei IDEXX) oder einer SSU-rDNA-Amplifikationmit anschließender Sequenzierung vorgenommenwerden kann. Dies ist wichtig für die Therapie, denngroße und kleine Babesien erfordern eine grundsätzlich unterschiedliche Wirkstoffwahl (s. u.). Die PCRweist Limitierungen auf, wenn keine Organismen imBlut vorhanden sind (etwa bei chronisch infiziertenTieren), oder wenn die Parasitämie intermittierend ist.In diesen Fällen sollten wiederholte Untersuchungenin zeitlichen Abständen vorgenommen, oder die PCRmit Serologie kombiniert werden. In einer Studie, dieDaten aus drei unterschiedlichen diagnostischen Verfahren für B. canis auswertete (in Deutschland lebendeHunde 2004 – 2006), wurden AK (IFAT) bei 11,5 %(n 2653) der Hunde, Stadien in Giemsa-gefärbtenBlutausstrichen in 1,7 % (n 9966) und DNA (konventionelle PCR) in 3,3 % der Blutproben (n 15155)nachgewiesen.Wichtige Differentialdiagnosen der akuten Babesiosesind die autoimmunhämolytische Anamie (IMHA) undsystemischer Lupus Erythematodes (SLE).8TherapieIn der Regel zeigt sich bereits 24 Stunden nach Therapiebeginn eine deutliche Besserung der klinischenSymptome. Eine Unterscheidung zwischen großenund kleinen Babesien ist therapeutisch von Bedeutung,da kleine Babesien mit den gängigen, üblicherweisegegen B. canis wirksamen Medikamenten nicht erfasstwerden. „Große“ Babesien (B. canis, nur bedingt auchwirksam bei B. gibsoni)Imidocarbdiproprionat (Imizol ; Carbesia , beideSchering-Plough): 3 – 6 mg/kg KM s. c.; einmalig(ggf. nach 14 d wiederholen)Klinische Versuche zeigten bei einer Imidocarb-Dosisvon weniger als 10 mg/kg KM (i. m. oder s. c. verabreicht) folgende Nebenwirkungen in absteigenderHäufigkeit: Speicheln, Erbrechen und Diarrhoe. DieInjektion ist zudem sehr schmerzhaft. Einige Hundezeigen ödematöse periorbitale Schwellungen, Schüttel frost und erhöhte Temperatur 10 –12 h nach derBehandlung; sehr selten sind auch anaphylaktoideReaktionen mit Todesfolge möglich. In höherer Dosierung ist Imidocarb hepato- und nephrotoxisch. Diecholinergen Effekte können durch die Gabe von Atropinvermindert werden (es existieren auch Empfehlungenmit Atropin zu prämedizieren). Unterstützend kannggf. eine Bluttransfusion erfolgen (bei starker Anämie);die Entscheidung ist abhängig von den klinischenSymptomen (bei Tachykardie, Tachypnoe, Schwächeund Kreislaufkollaps), von der Vorgeschichte (wie akutaufgetreten und der Grad der Erythrozyten-Regeneration) und den Hämatologie-Ergebnissen (Hämatokrit,Erythrozyten und Hämoglobin werden berücksichtigt:normalerweise bei Hämatokrit 15 % empfohlen und 10 % indiziert).Da es nach der Verabreichung von Imidocarb möglicherweise zu einer tubulären Nekrose kommen kann, wirdbei leichter Azotämie parallel eine Flüssigkeitssubstitution empfohlen. Bei Verdacht auf Nierenbeteiligungwird zudem zu einer Reduzierung der Dosis (etwa auf3 mg/kg KM) geraten, um das Risiko einer Niereninsuffizienz zu minimieren. Die Frage nach eine Behandlunggesunder Hunde (keine Symptome und LaborwertVeränderungen aber seropositiv) in Bezug auf B. caniswird kontrovers diskutiert, da u.a. das Bild einer chronischen Babesiose und eine mögliche Reaktivierungnicht gut charakterisiert sind. Wenn bei solchen gesunden Hunden keine Erreger im Blut mittels sensitiver

E R K R A N KU N G E N D U R C H PA R A S I T E NVorkommen dercaninen Babesiose weltweitBabesia vogeliBabesia rossiBabesia annaeBabesia canisBabesia gibsoniBabesia conradaePCRs nachzuweisen sind, würde die Tendenz in Richtung „keine Behandlung“ gehen. Ggf. ist das zu überdenken im Falle eine Splenektomie oder Immunsuppression.„ Kleine“ Babesien (B. gibsoni)Eine Kombination von A tovaquon (Wellvone ; Mepron ,beide GlaxoSmithKline): 13,3 mg/kg KM p. o., alle 8 h;über 10 Tage und Azithromycin (Zithromax , Pfizer):10 mg/kg KM p. o.,1 x tägl.; über 10 Tage.Es kann keine komplette Eliminierung des Erregerserzielt werden. Es gibt zudem Fälle, die auf diese Kombinationstherapie nicht ansprechen oder bei welchenes zu Rezidiven kommt. In einer aktuellen Studie ausTaiwan fand man in diesen Fällen eine Mutation desCYTb (Cytochrom b)-Gens von B. gibsoni. Die Autorentesteten dabei eine Kombination aus drei Wirkstoffenund ermittelten eine bessere Wirksamkeit als mit Atovaquon-Azithromycin: Clindamycin (30 mg/kg KM p.o.; alle 12 h), Diminazen Aceturat (3,5 mg/kg KM i. m.;einmalig) und Imidocarb (6 mg/kg KM s. c.; einmalig).Es wird empfohlen, Atovaquon grundsätzlich als Monoprodukt und Suspension anzuwenden, in Kombinationmit einer fettigen Mahlzeit, um die Absorption im Darmzu unterstützen.9

ProphylaxeDie Prophylaxe schließt eine Reihe von Maßnahmenein, die darauf abzielen, die Infektion oder die Krankheitsentwicklung im Zuge einer Infektion zu verhindern.Grundsätzlich gibt es vier Bausteine bei der Prophylaxe von CVBD: Vektorprophylaxe (richtet sich gegendie Erreger-übertragenden Vektoren), Chemoprophylaxe (i. d. R. direkt gegen den Erreger gerichtet), Immunprophylaxe (durch Erreger-spezifische Impfungen)sowie „Verhaltensprophylaxe“ (Vektorexposition reduzieren, indem man etwa Risikogebiete während derVektor-Aktivitätszeiten meidet; Hund nach dem Spaziergang auf Zecken absuchen).Der homologe (stammabhängige) Impfschutz vonPirodog (in Deutschland nicht zugelassen) in französischen Endemiegebieten ist etwa 80 – 90 %, in anderen Gebieten jedoch geringer. Dieser Impfstoff enthältlösliche Antigene von B. canis (sog. „soluble parasiteantigen“ oder SPA) und ein positiver AK-Titer (größer160) soll bei etwa 75 % der Tiere nach der Impfung entstehen. Einen breiteren Schutz, auch gegen heterologeStämme von B. canis, bot der Impfstoff Nobivac Piro(enthält SPA von B. canis und B. rossi und besaß eineEU-Zulassung). Der breitere heterologe Impfschutzwurde durch den Zusatz von B. rossi-Antigen erreicht.Dieser Impfstoff ist jedoch nicht mehr auf dem Markt.Der Wirkstoff Imidocarb wird für die Chemoprophylaxe (große Babesien) wegen der potenziell starkenNebenwirkungen (s. o.) bis hin zu anaphylaktischenReaktionen und Leber/Nierenschädigung sowie aufgrund der variablen prophylaktischen Wirkungsdauerentweder nicht oder nur für Hunde unter einem JahrLebensalter empfohlen (ältere Tiere sollen im Erkrankungsfall behandelt werden). Angaben zur Schutzwirkung schwanken zwischen 2 und 6 Wo. bei einerDosierung von 3 – 6 mg/kg. In einem experimentellenModell konnte sogar keinerlei Schutzwirkung festgestellt werden.In diversen Produktinformationen zur Vektorprophylaxe („Anti-Zecken-Mittel“) ist zu lesen, dass mancheZecken, die zum Zeitpunkt der Behandlung bereitsvorhanden sind, nicht innerhalb der ersten 48 h abgetötet werden und angeheftet und sichtbar bleiben. Esist ratsam, solche Zecken mechanisch vor der Behandlung zu entfernen.In einer Studie erwiesen sich drehende Geräte (in derReihenfolge des Erfolges: Zeckenzange, Lasso, TickTwister) besser als ziehende Geräte (Pinzette, Zecken-10karte), bis auf den Zustand der Mundwerkzeuge, wokein Unterschied zwischen beiden Gruppen zu sehenwar. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass dieZecken-Prophylaxe vor der ersten Exposition anfängt.Für den behandelnden Tierarzt ist es wichtig, auf diejeweiligen Produktinformationen zu achten. AkarizidHalsbänder für Hunde mit Wirkung auf Zecken undZulassung in Deutschland und Österreich (Auswahl)enthalten Deltamethrin (Scalibor ; Wirkungsdauer ca.5 – 6 Monate) oder Flumethrin/Imidacloprid (Serestro ;7 – 8 Monate) als Wirkstoffe. Beim Halsband sollte manbeim Anlegen auf die richtige Lange achten (nicht zustraff und nicht zu locker), es sollten zwischen Halsband und Hals des Hundes zwei Finger breit Platzverbleiben.Darüber hinaus ist eine Reihe von Spot-On-Produkten(Auswahl) verfügbar.Permethrin (Exspot ; Wirkungsdauer bis 4 Wochen),Permethrin/Imidacloprid (Advantix ; I. ricinus/R. sanguineus über 4 Wochen, D. reticulatus für 3 Wochen)und Permethrin/Indoxacarb (Activyl Tick Plus ; bis zu5 Wochen für I. ricinus, bis zu 3 Wochen für R. sanguineus), Dinotefuran/Pyriproxyfen/Permethrin (Vectra3D ; I. ricinus/R. sanguineus für 1 Monat, D. reticulatusbis zu 3 Wochen), Permethrin/Fipronil (Frontect ; 4Wochen). Permethrinhaltige Produkte dürfen nicht beiKatzen angewendet werden! Nicht-Permethrin-haltigeSpot on-Produkte sind Fipronil (Frontline/Combo ; biszu 4 Wochen) oder Pyriprol (Practic ; für 4 Wochen).Spot-On-Lösungen sollten auf die Haut, nicht auf dieHaare, aufgetragen werden und Ablecken, auch gegenseitiges Ablecken, ist möglichst zu unterbinden.Aktuell sind auch orale Anti-Zecken-Mittel der neuenWirkstoffklasse der sogenannten Isoxazoline als Kautablette für den Hund verfügbar deren Wirkung gegenZecken unterschiedlich lange anhält (Fluralaner, Bravecto : je nach Zeckenart 8 – 12 Wochen; Afoxolaner,NexGard : bis zu 1 Monat; Sarolaner, Simparica : fürmindestens 5 Wochen; Lotilaner, Credilio : 1 Monat).Es handelt sich um systemische Akarizide, so dassZecken am Wirt anheften und mit der Nahrungsaufnahme beginnen müssen, um mit dem Wirkstoff in Kontaktzu kommen. Diese oralen Wirkstoffe, obwohl bis aufSarolaner für diese Indikation nicht zugelassen, scheinen auch auch eine Wirkung gegen Demodex-Milbenzu entfalten. Eine sehr frühe Erreger-Übertragung (wiebei Ehrlichia canis nach drei Stunden) wird nicht zuverlässig unterbunden, so dass hier nach wie vor Repellentien, i.d.R. Pyrethroide, zum Einsatz kommen sollten.

E R K R A N KU N G E N D U R C H PA R A S I T E NCanine HepatozoonoseTab. 5 Übersicht über Hepatozoon spp. beim nderheitenHepatozoon(H.) canisR. sanguineus, in Brasilienauch Amblyomma ovale;vermutlich auch Haemaphysalis longicornis undHaemaphysalis flava;aktuelle Studien sprechengegen Kompetenz vonIxodes ricinus als VektorT ropische, subtropischeund gemäßigte KlimazonenEuropa siehe Karte S. 13 Mittlerer Osten, Afrika,Asien, Südamerika, USA ei niedriger Parasitämieb( 5 % der Neutrophilenbetroffen) asymptomatisch bis mild; bei großenMengen an zirkulierenden Parasiten (teilweisebis zu 100 % der Neutrophilen betroffen) schwereErkrankung mit Anämie,Lethargie, Abmagerung,Fieber, Hyperglobulinämie; Leukozytosen imBereich von 50.000 bis100.000 pro µl Blut sindmöglich.transstadielle (Nympheauf adulte Zecke) Übertragung;obligat zweiwirtigerParasit (Endwirt Zecke,Zwischenwirt Hund);transplazentare Übertragung von Hündinauf Welpen möglich;eine Übertragung erfolgtdurch den Verzehr derZecken, vermutlich auchmöglich durch Verzehrvon Transportwirten(z. B. Nager/Kaninchen)H.americanumAmblyomma maculatumSüdstaaten der USAschwerwiegendeErkrankung; abnormerGang, Fieber, Muskelschmerzen, Hyperästhesie, Augenausfluss,Lethargie und mildeAnämiePathogeneseKlinisch erkranken häufig immungeschwächte oderimmunsupprimierte (z. B. durch Glukokortikoide) Tiere,Welpen bzw. Tiere, die mit anderen Erregern koinfiziertsind (Ehrlichia, Toxoplasma, Anaplasma, Babesia, Leishmania, Dirofilaria, Parvovirose sowie Staupe). Dies betrifft sowohl Neuinfektionen als auch die Reaktivierungbereits bestehender subklinischer Infektionen.SymptomatikDie Hepatozoonose kann von einer subklinischen Infektion, die als Zufallsbefund entdeckt wird, bis hin zurlebensbedrohlichen Erkrankung variieren. Meistenstritt sie als eine chronische Erkrankung auf. Infektionenmit H. canis verursachen eine deutliche humorale Immunantwort. Die zelluläre Immunantwort ist noch nichtvollständig geklärt.Eine seroepidemiologische Studie ergab, dass 33 %der untersuchten Hunde dem Parasiten exponiert waren ( seropositiv), jedoch hatten nur 3 % der Hundeim Blut nachweisbare Gamonten und noch weniger,(1 %), schwere klinische Symptome. Eine F

Die Ursachen für Hypoxie schließen Anämie, Schock, vaskuläre Stase, exzessive endogene Produktion von CO, parasitär bedingte Hämoglobin-Schädigung sowie reduzierte Fähigkeit von Hämoglobin Sauerstoff zu entladen ein. Die Hypoxie scheint wichtiger für eine oft beobachtete Nierenschädigung zu sein als die Hämoglobinurie.