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Wolf RitscherSystemische Modellefür die Soziale ArbeitEin integratives Lehrbuchfür Theorie und PraxisUnter Mitarbeit von Jürgen Armbruster,Klaus Döhner-Rotter, Karlheinz Menzler-Fröhlich,Werner Müller und Gabriele ReinSechste Auflage, 2020

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)Dr. Barbara Heitger (Wien)Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)Dr. Roswita Königswieser (Wien)Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)Tom Levold (Köln)Dr. Kurt Ludewig (Münster)Dr. Burkhard Peter (München)Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)Jakob R. Schneider (München)Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg)Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)Dr. Therese Steiner (Embrach)Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin (Heidelberg)Karsten Trebesch (Berlin)Bernhard Trenkle (Rottweil)Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)Satz: Verlagsservice Hegele, HeiligkreuzsteinachUmschlaggestaltung: WSP Design, HeidelbergUmschlagfoto: Mathias Weber/www.umschlag3.dePrinted in GermanyDruck und Bindung: CPI books GmbH, Leck MIXPapier aus verantwortungsvollen Quellenwww.fsc.orgFSC C083411klimaneutralMehr Bäume.Weniger CO2Sechste Auflage, 2020ISBN 978-3-89670-881-6 (Printausgabe)ISBN 978-3-8497-8225-2 (ePub) 2002, 2020 Carl-Auer-Systeme Verlagund Verlagsbuchhandlung GmbH, HeidelbergAlle Rechte vorbehaltenBibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.Informationen zu unserem gesamten Programm, unseren Autorenund zum Verlag finden Sie unter: www.carl-auer.de.Wenn Sie Interesse an unseren monatlichen Nachrichten haben,abonnieren Sie den Newsletter unter http://www.carl-auer.de/newsletter.Carl-Auer Verlag GmbHVangerowstraße 14 69115 HeidelbergTel. 49 6221 6438-0 Fax 49 6221 [email protected]

InhaltVorwort 9Einleitung: Zur Einfädelung systemischer Theorie und Praxis in die Soziale Arbeit 13.23.2.13.2.23.2.33.2.43.2.5Zur Praxis der systemischen Sozialen Arbeit I:Ein Fallbeispiel aus der Arbeit des Allgemeinen Sozialen Dienstes 16Die Beschreibung der familiären Situation 16Der Verlauf des Unterstützungsprozesses 17Exkurse zur systemischen Metatheorie 22Der Systembegriff: Das Muster, das verbindet,seine Vordenkerinnen und Vordenker 22Systemdenken, Ökologie und Sozialarbeit 24Erkenntnistheoretische Voraussetzungen der Systembeobachtung,-beschreibung und -erkenntnis 26Die Einheit von Beobachterin und Beobachtetemund ihre Folge für die Soziale Arbeit 28Systemische Perspektiven der Beschreibung sozialer Wirklichkeiten oder:Das System im Kopf der Beobachterin 31Übergeordnete Definitionen 32Perspektiven für die systemische Beschreibungsozialer Wirklichkeiten im Überblick 33Die drei zentralen Perspektiven der Systembeschreibungund Systemanalyse 35Die drei Kontextperspektiven 66Soziale Kontexte der systemischen Arbeit mit Familien 77Das ökosoziale Modell der Systemebenenvon Uri Bronfenbrenner im Überblick 77Die einzelnen Systemebenen 77Das Subjekt als psychosomatisches soziales System 79Das Mikrosystem 85Das Mesosystem 93Das Exosystem 95Das Makrosystem 985

e Erweiterung des Makrosystems:Ein Modell der Gesellschaft in Verbindung mit der „Gender“-Thematik 99Das Modell im Überblick 99Die Gender-Thematik im Kontext der Gesellschaftstheorie 102Die Ökonomie 104Die Politik 108Kultur, Alltag und soziale Kommunikation 111Wissenschaft und Technologie 114Familie, familiärer Lebenszyklus und Familiendynamik 117Die Familie als besonderes soziales Systemaus der Sicht der Familiensoziologie und Familiendynamik 117Die Funktionen der Familie: Sozialisation und Enkulturation, Haushaltsorganisationund soziale Platzierung der Kinder 117Familienbezogene demographische Daten 119Sozialisation und Enkulturation aus der Sicht der Familiendynamik 122Der Lebenszyklus von Paaren und Familien 128Grundannahmen des Lebenszyklusmodells 128Die einzelnen Phasen 131Familiendynamik 146Die Mehrgenerationenperspektive 146Delegation und Aufträge 148Die Gerechtigkeitsbilanz für das System und die darauf basierenden Loyalitätsbindungenals existenzielle Ressourcen des Systems 149Zentrale Ideen, Mythen und Geschichten als Traditionsübermittler 151Tabus und Geheimnisse, Scham- und Schuldgefühle in der Familie 152Schritte zu einer systemisch begründeten Sozialen Arbeit 160Die Beschreibung des Gegenstands der Sozialen Arbeit 160Die aus der Gegenstandsbeschreibung abgeleiteten Theoriebereicheder Sozialen Arbeit 162Lebenslagen und Handlungsspielräume 162Alltag und Lebenswelt 165Soziale Netzwerke 169Integration statt Ausgrenzung 170Soziale Probleme, Problemlagen und auf siebezogene Interventionsstrategien 171Ressourcen, Coping-Strategien, Partizipation und Empowerment 174Das Belastungs-Bewältigungs-Paradigma 176Arbeitsfeldbezug, Auftragsorientierung und die Auftraggeberinnender Sozialen Arbeit 179Der Arbeitsfeldbezug 179

Inhalt5.4.2 Auftragsorientierung und ihre Realisierung durch Auftragsklärungund Hilfeplan 1825.4.3 Die primären Auftraggeberinnen der Sozialen Arbeit 1875.5 Der allgemeine Rahmen für die methodisch gesicherte systemische SozialeArbeit: Einzelfallhilfe, soziale Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit, Arbeit insozialen Organisationen und die Qualitätssicherung 1915.5.1 Die Basiskompetenzen der Sozialarbeiterin 1925.5.2 Die Einzelfallhilfe/Einzelfallarbeit (Casework) 1945.5.3 Soziale Gruppenarbeit 2075.5.4 Gemeinwesenarbeit (von Werner Müller) 2175.5.5 Arbeit in sozialen Organisationen (von Werner Müller) 2245.5.6 Die Qualitätssicherung in der Sozialen Arbeit 2305.6 Therapie, Beratung, Pädagogik und Sozialarbeit im Rahmen der systemischenSozialen Arbeit 2335.7 Systemische Soziale Arbeit konkret: Die Vernetzung verschiedenerTeilsysteme des Unterstützungssystems 2375.8 Die vier Imperative der systemischen Sozialen Arbeit 6.36.46.56.66.6.16.6.26.6.36.6.4Systemische Handlungsrichtlinien und Methoden für die Soziale Arbeit 248Methodisches Handeln in der systemischen Arbeit 248Systemische Handlungsrichtlinien 250Hypothetisieren 250Zirkularität 251Allparteilichkeit, Neutralität, Respekt und Interesse 252Kontextualisierung 254Ressourcenorientierung 255Auftrags- und Lösungsorientierung 256Gender-Sensitivität 258Die Frage nach der „Opfer-Täterin-Beziehung“ bei Akten der Gewalt 260Handlungsformen der systemischen Sozialen Arbeit 261Ein Orientierungsschema für das Handeln in Familien und anderen sozialenSystemen 263Ein Überblick über die Methoden der systemischen Arbeit 269Beschreibung der Bereiche und einzelnen Methoden 272Verbale Methoden 272Darstellende Methoden 289Methoden zur Strukturierung des Settings 307Methoden der Qualitätssicherung 3207

Inhalt77.17.1.17.1.27.1.37.27.2.17.2.27.37.3.1Zur Praxis der systemischen Sozialen Arbeit II:Beispiele aus Sozialpsychiatrie und Jugendhilfe 324Systemische Soziale Arbeit in der außerstationären Sozialpsychiatrie(von Jürgen Armbruster und Gabriele Rein) 324Grundannahmen, Grundhaltungen und Handlungsrichtlinien des systemischen Denkensund die praktischen Konsequenzen 326Systemische Grundhaltungen – Illustriert an einer „Fall“geschichte 328Systemische (Paar-)Beratung im Sozialpsychiatrischen Dienst 336Systemische Praxisreflexion und Qualitätsentwicklung in derSozialpsychiatrie: Nutzerorientierung und Zielplanung durch gemeinsameProzessgestaltung im Rahmen von „Kursgesprächen“(von Karlheinz Menzler-Fröhlich) 344Strömungen 344„Kursgespräche“ 345Systemische Soziale Arbeit in der gemeinwesenorientierten Jugendhilfe:Ein Fallbericht (von Klaus Döhner-Rotter) 348Ein Fallbericht aus der Praxis des Projektes: Familie K. 349Literatur 353Sachregister 371Namensregister 379Über den Autor 3818

VorwortSeit mehr als 50 Jahren leben wir Deutschen (West) in einer Demokratie, der bisherlängsten in unserer Geschichte. Sie brachte den meisten Menschen einen bislang unbekannten Wohlstand, brachte Rechtssicherheit und eine freie Presse. Aber siebrachte auch neue Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, brachte einen sich beschleunigenden gesellschaftlichen Wandel und brachte Informationsüberflutungund Orientierungslosigkeit, was sich nicht zuletzt in immer häufiger zerbrechenden Familien und sich immer ratloser zeigenden Eltern und Erziehern zum Ausdruck bringt.Und damit ergeben sich gerade für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter neueAuftragslagen, neue Problemsichten und neue Herausforderungen und zeigen sichdamit auch nicht wenige (scheinbare oder wirkliche) Widersprüche. So sollen sieetwa ihren Klienten beratend und unterstützend zur Seite stehen, aber auch mit dafür sorgen, dass die Rechte und die Würde einzelner Menschen und Gruppen nichtverletzt werden. Die Schwierigkeiten, die aus einem solchen doppelten Mandat erwachsen können, zeigen sich beispielhaft an einem Geschehen wie dem des sexuellen Missbrauchs.Denn hier haben sich die in der Sozialarbeit Tätigen etwa zu fragen: Ist der Auftraggeber das missbrauchte Kind, obwohl es diesen Auftrag selbst nicht formulierenkann? Bringen hier einzelne oder alle Familienmitglieder (sei dies offen, sei dies verdeckt) den Auftrag, etwas in ihren Beziehungen zu verändern? Sind gesellschaftliche Institutionen der oder die Auftraggeber? Solche Uneindeutigkeit der Auftragslage spiegelt sich bereits in den unterschiedlichen hier verwendeten Begriffen wiePatient, Klient, Kunde oder auch Auftraggeber wider. Wobei solch unterschiedlicher Wortgebrauch auch eine jeweils unterschiedliche professionelle Beziehungnahe legt. Das spiegelt sich weiter in den unterschiedlichen Begriffen wider, die Tätigkeit und den Aufgabenbereich der Sozialarbeiterinnen und der Sozialarbeiter beschreiben, Begriffe wie Therapie, Beratung, Unterstützung, Hilfe zur Selbsthilfe,Hilfe bei der Mobilisierung von Ressourcen und andere mehr.Angesichts dieser oft so widersprüchlichen, ja verwirrenden Sach- und Auftragslage vermag gerade der systemisch-therapeutische Ansatz wichtige Orientierungshilfen zu leisten. Diesen Ansatz hat Wolf Ritscher in dem vorliegenden Buchmit großer Sachkenntnis unter Berücksichtigung der Herausforderungen dargestellt, die sich heutigen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern stellen. Er hat sichdiese Arbeit nicht leicht gemacht. Denn auch auf dem Feld der systemischen Therapie lässt sich heute von einer Informationsexplosion sprechen, die den Autor im9

Vorwortmer wieder vor die Frage stellte: Was ist für die Sozialarbeit wesentlich und wegweisend, und wie lässt sich das möglichst klar vermitteln?Ich selbst habe bei der Lektüre des Buches einen neuen Respekt nicht nur vordem Autor gewonnen, der im deutschen Sprachbereich in vorderster Linie vieleszur Entwicklung und Akzeptanz des systemisch-therapeutischen Ansatzes beigetragen hat. Mein gewachsener Respekt gilt auch einem Berufsstand, der wie kaumein anderer mit den Problemen einer offenen und sich immer schneller wandelndenGesellschaft konfrontiert ist. Verständlich daher, dass ich dem Buch viele Leser undLeserinnen wünsche.Heidelberg, im Januar 2002Helm Stierlin10

Einleitung: Zur Einfädelung systemischerTheorie und Praxis in die Soziale ArbeitDas Welt- und Menschenbild des systemischen Ansatzes weist in vieler Hinsichteine Überschneidung mit den Grundideen der Sozialen Arbeit auf, und in ihrerPraxis gewinnen die Methoden der systemischen Arbeit eine immer größere Wichtigkeit.Mit dem vorliegenden Buch soll diese Entwicklung gefördert werden, indem ichin mehreren Schritten die „Einfädelung“ der System- und Familientherapie in die Soziale Arbeit und deren Ausweitung zur systemischen Sozialen Arbeit nachzeichne.Damit möchte ich die bisher oft pragmatisch vollzogene Integration systemischerDenk- und Handlungskonzepte in die Soziale Arbeit der Reflexion und Kritik zugänglich machen.Die Soziale Arbeit gewinnt durch diese Integration einen einheitlichen theoretischen Rahmen und mithilfe der vielen systemischen Methoden neue Spielräume fürihre Praxis.Sie lässt sich in fünf Schritten vollziehen. In einem ersten Schritt (im zweiten Kapitel) werden Soziale Arbeit und Systembzw. Familientherapie unter dem gemeinsamen Dach der systemischen Metatheorie angesiedelt. Damit finden deren Begriffe und Konzepte Eingang in dietheoretischen Überlegungen und Praxiskonzepte der Sozialen Arbeit.Systemtherapie und Soziale Arbeit können sich erkenntnistheoretisch aufeine systemische Sicht der lebendigen Welt verständigen. Die Welt und jedeForm sozialer Realität zeigt sich als Beziehungsnetz, Ereignisse als Beziehungsereignisse und Informationen als Beziehungsinformationen. Ich entwerfe deshalb ein allgemeines Modell für die Beschreibung sozialer Systeme.Dessen sechs Perspektiven ermöglichen eine zirkuläre und ganzheitlicheSicht auf soziale Wirklichkeiten und deren Beschreibung. Mit einem zweiten Schritt (im dritten Kapitel) wechseln wir die Ebene des Zugangszu sozialen Wirklichkeiten. Von der Beschreibung allgemeiner Prinzipien eines die Wahrnehmung und Beschreibung leitenden systemischen Denkmodells kommen wir zu Modellen, welche die sozialen Kontexte darstellen, indenen Menschen ihr Beziehungsleben gestalten. Dabei orientiere ich mich andem ökosystemischen Modell von Uri Bronfenbrenner (1978), das um einespezifische Sicht auf die „Risikogesellschaft“ (Beck 1986) erweitert wird. Im dritten Schritt (im vierten Kapitel) wende ich mich der Familie als einem besonderen sozialen System zu. Sie ist das wichtigste Sozialisationssystem und die11

Einleitung: Zur Einfädelung systemischer Theorie und Praxis in die Soziale Arbeitimmer noch bedeutsamste private Lebensform in unserer Gesellschaft. Deshalb bleibt trotz der Entwicklung einer auf viele soziale Systeme anwendbarenSystemtherapie die systemische Familientherapie und Familiensozialarbeit ein eigenständiger Bereich. Innerhalb der Sozialen Arbeit ist der Bezug auf die Familie in der Jugendhilfe zentral, aber auch in anderen Arbeitsfeldern ist sie einbedeutungsvoller Kontext und muss bei den Interventionen berücksichtigtwerden. Dafür ist es notwendig, den Blick auf die Dynamik, die Beziehungsmuster und die Entwicklungsphasen von Familiensystemen zu lenken. DieseMuster bilden das theoretische „Netz“, mit dessen Hilfe die Wirklichkeiten einer Familie hypothetisch „eingefangen“ und aus der Perspektive der Beobachterin rekonstruiert werden können. Die dadurch entstehenden Informationenkönnen für die Auftragsklärung, Zielfindung und Interventionen genutztwerden und sind Teil des Veränderungsprozesses. Gerade an diesem Punkt istauf den Anfang der Achtzigerjahre vollzogenen Sprung von der Familien- zurSystemtherapie zu verweisen. Entscheidend ist nun nicht mehr das Setting(„Therapie findet nur statt, wenn die ganze Familie im Raum versammelt ist“),sondern entscheidend sind die systemischen Modelle im Kopf der Therapeutin bzw. Sozialarbeiterin. Sie ermöglichen den systemischen Blick auf das Problem- und Unterstützungssystem und die „maßgeschneiderte“ Verwendungsystemischer Methoden an den entsprechenden Punkten des Unterstützungsprozesses. Das kann in den unterschiedlichsten Settings und Subsystemen geschehen. Dieser Gesichtspunkt ist besonders wichtig in der Arbeit mit diskontinuierlichen, chaotischen und unstrukturierten Problemsystemen, die wichtige Adressaten der Sozialen Arbeit sind. In einem vierten Schritt (im fünften Kapitel) verbinde ich theoretische Konzepteder Sozialen Arbeit, die mit der systemischen Metatheorie vereinbar sind oder– wie bei den Konzepten der Gemeinwesenarbeit – direkt als systemisch bezeichnet werden.Als Rahmen der dadurch entstehenden systemischen Sozialen Arbeit wähleich fünf primäre Handlungsbereiche der Sozialen Arbeit: Einzelfallarbeit,Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit, Arbeit in sozialen Organisationen undQualitätssicherung.Den Ausgangspunkt meiner zusammenführenden Darstellung bildet einedem Ausbildungscurriculum für Sozialarbeiterinnen an der Hochschule fürSozialwesen Esslingen zugrunde gelegte Gegenstandsbeschreibung der Sozialen Arbeit. Dadurch wird die von vielen Kolleginnen befürchtete „Kolonialisierung der Sozialen Arbeit“ durch eine von außen an sie herangetragene „Modetheorie“ verhindert. Die originären Grundlagen der Sozialen Arbeit, d. h.ihre gesellschaftliche Funktion, ihre Adressatinnen, Arbeitsfelder, Ziele,Handlungsbereiche und Handlungsformen bleiben erhalten. Dass sie nun ineine systemische Sicht der Wirklichkeit integriert werden, ist kein Akt derWillkür, denn ich behaupte, dass die Sozialarbeit in ihrem Kern immer schon12

Einleitung: Zur Einfädelung systemischer Theorie und Praxis in die Soziale Arbeiteine systemische Orientierung hatte, um ihrem zentralen Auftrag – der Lösung bzw. Milderung von materiellen und kommunikativen Problemen imFeld des Sozialen – gerecht zu werden. Mein ehemaliger HochschulkollegeWerner Müller hat für dieses Kapitel die Teile über Gemeinwesenarbeit und Arbeitin sozialen Organisationen verfasst und das gesamte Kapitel kritisch gegengelesen. Dafür danke ich ihm sehr herzlich. Mit einem fünften Schritt (im sechsten Kapitel) kommt diese Entdeckungsreise zuihrem vorläufigen Ende. Hier werden die in der systemischen Sozialen Arbeitverwendbaren Methoden und Handlungsrichtlinien vorgestellt. Ich sprechein diesem Zusammenhang nicht von Therapie oder Sozialarbeit, sondern nurallgemein von Systemischer Arbeit; in ihr sind Sozialpädagogik, Therapie, Beratung und materielle Unterstützung als Teilbereiche enthalten. Zusammenmit den im selben Kapitel dargestellten originären Methoden der sozialen Arbeit ermöglichen sie eine theoretisch reflektierte und methodisch gesichertePraxis der systemischen Sozialen Arbeit. Ihre Ziele heißen Empowerment, Hilfezur Selbsthilfe und die Erschließung der dafür notwendigen Ressourcen.Die Falldarstellung im ersten Kapitel sowie die Praxisbeschreibungen des siebten Kapitels zeigen, wie systemische Metatheorie und Methoden mit der klassischen SozialenArbeit zu einer einheitlichen praxisrelevanten Konzeption zusammenwachsen.Für die Beiträge des siebten Kapitels danke ich Jürgen Armbruster und GabrieleRein vom Sozialpsychiatrischen Dienst Stuttgart-Freiberg, Karlheinz MenzlerFröhlich vom Wohnverbund Stuttgart-Nord und Klaus Döhner-Rotter vom ProjektJugendhilfe im Lebensfeld (ProJuLe) in Bad Rappenau sehr herzlich. Die Falldarstellungdes ersten Kapitels entstammt einem Video, das im Rahmen eines von mir geleitetenProjektes an der Hochschule für Sozialwesen Esslingen entstanden ist. Dieses Werkstattvideo zeigt die praktische Umsetzung der in diesem Buch entfalteten Modelle für dieSoziale Arbeit (zur Bezugsquelle siehe Kap. 1, Anm. 1).Von der systemischen „Einrahmung“ der Sozialen Arbeit profitieren beide Seiten. Die Einführung der systemischen Metatheorie schärft den Blick der Sozialarbeiterinnen für Netzwerke, kommunikative Rückkoppelungseffekte (Zirkularität), denBeziehungssinn von Symptomen und Ressourcen, die das System selbst für die Lösung seiner Probleme aktivieren kann. Die Erschließung des Methodenspektrumsder Systemtherapie vermittelt den Sozialarbeiterinnen Kompetenzen, sich an dasProblemsystem anzukoppeln und gemeinsam Lösungen zu finden, die neue Entwicklungschancen und Handlungsspielräume eröffnen.Die Integration systemischer Theorie und Praxis in die Soziale Arbeit hat aucheinen rückbezüglichen Effekt. Die System- und Familientherapie wird im ursprünglichen Sinn des Wortes politisch und schärft den Blick für die Lebenswelt ihrer Auftraggeberinnen. Überschaubare Mikrosysteme wie die Familie werden nun als Teildes Gemeinwesens (griechisch polis) wahrgenommen. Der Zugang zu seinen infrastrukturellen Angeboten (Schule, Kindergarten, soziale Dienste, aber auch Ver13

Einleitung: Zur Einfädelung systemischer Theorie und Praxis in die Soziale Arbeitkehrsmittel, Müllabfuhr, Krankenhäuser usw.), informellen (z. B. Nachbarschaft,Freunde) und formalen Netzwerken (z. B. Vereine, Kirchengemeinden, Parteien) istein wesentlicher Faktor für den „gelingenden Alltag“. Ist der Zugang zu ihnen blockiert oder erschwert, geraten die betreffenden Mikrosysteme in die soziale Isolation: Sie werden zu „geschlossenen Systemen“, deren Krisen nicht mehr im Austausch mit der Umwelt bewältigt werden können. So erweitert sich der Rahmen vonProblemdefinitionen: Neben kommunikativen Problemen werden nun auch „Ausstattungsprobleme“ und damit soziale Disparitäten ein Teil des therapeutischenDiskurses.Ansätze zur Beschreibung und Erklärung lebender Systeme fördern den theoretischen Narzissmus. Sie suggerieren die Möglichkeit, den systemischen Ansatz alsUniversaltheorie zu verstehen und alle Phänomene des Lebens unter ihren begrifflichen Hut zu bringen. Ich halte das für ein Missverständnis, denn eine solche Perspektive ist zentralistisch und ausgrenzend gegenüber anderen Theorieansätzen.Systemisches Denken hingegen favorisiert Pluralismus, Selbstorganisation kleinerEinheiten, innere Differenzierung durch Inklusion (Einbeziehung) statt Exklusion(Ausgrenzung). Deshalb halte ich es für wenig förderlich, mit der systemischenKeule nach anderen Theorie-Praxis-Ansätzen, z. B. der Psychoanalyse, zu werfen –die Keule könnte sich als Bumerang erweisen. Zu wünschen ist vielmehr, dass dersystemische Ansatz seine eigenen weißen Flecke auf der Landkarte benennt und bereit ist, diese durch andere Theorieansätze erforschen und beschreiben zu lassen.Ich denke hier an den ganzen Bereich der intrapsychischen Prozesse, des individuellen und des persönlichen Unbewussten. Warum muss eine systemische Traumtheorie erfunden werden, wenn es hierfür schon ausdifferenzierte und plausible Ansätze bei Freud und Jung gibt?Ich möchte auch darauf hinweisen, dass ich in dieser Arbeit Systeme beschreibe,in denen Menschen des christlich-abendländischen Kulturkreises ihren Alltag leben. Über die sozialen Systeme anderer Kulturkreise stehen mir aufgrund meinerInformationsdefizite keine Aussagen zu.Es gibt einen weiteren weißen Fleck auf der systemischen Landkarte, den ich inden Begriff der menschlichen Existenzialien fassen möchte. Hier denke ich u. a. an: das Leben als ein „Leben zum Tod“ (Heidegger 1967); die menschliche Sehnsucht nach dem Paradies, der Erlösung und der Transzendenz, die sich in allen Kulturen dieser Welt als spirituelle Kraft findet; die soziale Trias von „Arbeit, Herrschaft und Sprache“ (Habermas 1971); das auf eine humanistische Selbstverwirklichung des Menschen gerichtete„Prinzip Hoffnung“ (Bloch 1973); und den existenziellen Glauben an die einsam machende, Enttäuschungennotwendig hervorrufende und dennoch lebensnotwendige Freiheit der Wahlin der persönlichen Existenz. Gäbe es diese nicht, dann gäbe es auch keine persönliche Verantwortung für das eigene Handeln, es gäbe weder Schuld noch14

Einleitung: Zur Einfädelung systemischer Theorie und Praxis in die Soziale ArbeitScheitern. Dann aber hätte sich der Mensch als Gott gesetzt, als vollkommenesWesen, dessen Worte die Welt erschaffen können. Zwölf Jahre Führerkult inDeutschland haben gezeigt, dass ein solcher Weg in Auschwitz endet.Systemische Theorie sollte also in ihrem Weltbild Platz lassen für tiefenpsychologische, philosophische, spirituelle, gesellschaftskritische Diskurse und sie als eigensinnige Partner bei der Beschreibung der Welt und dem Handeln in ihr willkommenheißen.Ich habe die Ergebnisse dieser nicht systemischen Theorien als Kontextperspektiven im zweiten Kapitel, bei meinen gesellschaftstheoretischen Überlegungen imdritten Kapitel und den Überlegungen zum familiären Lebenszyklus im vierten Kapitel mit einbezogen.Zum Schluss noch zwei Anmerkungen: Ich verwende im folgenden Text die Begriffe Systemtherapie und systemischeTherapie gleichbedeutend. Wenn es um Personen geht, verwende ich überwiegend die weibliche Schreibweise. Ich möchte damit die vielen Bemühungen in unserem Feld und der Gesellschaft für eine Gleichstellung der Geschlechter unterstützen. Bislang findetsich in fast allen Fachtexten die männliche Schreibweise für beide Geschlechter, und es fehlt inzwischen fast nirgends mehr die Anmerkung, dass dieFrauen dabei als eigenständige Personen mitzudenken seien. Aus Gründen derGerechtigkeit, die in der Sozialen Arbeit und Familientherapie doch einegroße Rolle spielt, drehe ich den Spieß einmal um; denn die Frauen befindensich sowohl bei den Profis als auch bei den Auftraggeberinnen der SozialenArbeit und Systemtherapie in der Mehrzahl. Wenn man im Text darüber stolpert, weil es so ungewohnt ist, wird man merken, wie tief die männliche Dominanz noch in unseren Köpfen verankert ist und durch die Sprache verfestigtwird. Da tut ein „Gegen-den-Strich-Bürsten“ gut. Die männliche Form wähleich nur dort, wo es um konkrete Personen männlichen Geschlechts geht, zumBeispiel mich selbst.Ich danke allen, die mich bei der Erstellung dieses Buches unterstützt haben: demTeam des Carl-Auer-Systeme Verlags und hier vor allem den Lektoren Ralf Holtzmann und Uli Wetz –, Satu und Helm Stierlin für ihr motivierendes Interesse auchin kritischen Phasen des Schreibens, und last, but not least, meiner Familie. Der Titeldes Buches entstand als Gemeinschaftswerk bei einer Fahrt in die Sommerferien –mitten in die schöne Schweiz.15

1. Zur Praxis der systemischen Sozialen Arbeit I: Beispiel aus dem Allgemeinen Sozialen Dienst1Zur Praxis der systemischen SozialenArbeit I: Ein Fallbeispiel aus der Arbeitdes Allgemeinen Sozialen DienstesDas folgende Beispiel entnehme ich einem Lehrvideo, das eine studentische Projektgruppe zusammen mit mir erstellt hat. Die anonymisierte und inhaltlich auch veränderte „Fall“geschichte stammt aus der Praktikumserfahrung eines Studenten.11.1 Die Beschreibung der familiären SituationLiselotte *1933Beierle*1920 1991KoreaAnna *192350BeierleKölnBergerS: 1991Karl-Heinz1552ManuelErstellung des Genogramms: 1999Abb. 1: Das Genogramm der Familie BeierleEin 50-jähriger Vater, von Beruf Lehrer, der aufgrund von immer noch bestehendenpsychosomatischen Beschwerden vor zwölf Jahren frühpensioniert wurde, lebt mitseinem 15-jährigen Sohn Manuel zusammen in einem Haushalt. Die finanziellenMittel sind knapp, sichern aber eine Lebensführung oberhalb der Sozialhilfegrenze.Der Vater versucht, durch englisch-deutsche Übersetzungen zusätzlich Geld zu ver16

1.2 Der Verlauf des Unterstützungsprozessesdienen. Hilfreich wäre dafür ein besserer Computer, den er sich aber nicht leistenkann. Die Mutter hat sich vor ca. zehn Jahren von ihrem Mann getrennt, lebt heutemit einer neuen Familie in einer 400 km entfernten Großstadt und hat nur sporadische Kontakte zu ihrem Sohn aus der ersten Ehe. Auf Unterhaltszahlungen hat derMann wegen massiver Konflikte mit seiner Ex-Frau verzichtet. Manuel, der von seinem Vater als sehr intelligent und intellektuell interessiert beschrieben wird, verweigert seit fast einem Jahr den Schulbesuch und hat auch sonst kaum soziale Kontakte. Er liest viel, auch anspruchsvolle Literatur, und verbringt viel Zeit mit seinemComputer. Auch er wünscht sich einen leistungsfähigeren Rechner. Sein Berufswunsch ist es, als Erfinder von Computerspielen Geld zu verdienen und gleichzeitigSpaß zu haben. Dafür, so meint er, brauche er keine formale Schulausbildung. DieSchule mag er auch deshalb nicht besuchen, weil er das Opfer von Hänseleien undGewalttätigkeiten der Mitschüler war. (Manuels Mutter stammt aus Südostasien,und er eignet sich allein schon wegen seines Aussehens als Zielscheibe für Gewaltund Ausgrenzung durch die Mitschüler.) Er geht nur selten aus dem Haus. DieSchule hat bisher noch keine Zwangsmittel angewendet, sondern suchte in Zusammenarbeit mit dem Vater nach einer Lösung ohne Zeitdruck und juristische Pression. Der Vater selbst hält ständig nach Möglichkeiten für einen geeigneten und offiziell anerkannten Lernkontext für Manuel Ausschau. Aber Manuel hat alle bisherigen Angebote ausgeschlagen. Die neuste Idee heißt Hausunterricht; dem würde ersich nicht widersetzen. Manuel wurde in der Kinder- und Jugendpsychiatrie vorgestellt. Diese schlug eine längerfristige stationäre Therapie vor, weil sie die Diagnose„Schulphobie“, „soziale Ängste“, „neurotische Depression“ in den Kontext einer intensiven Symbiose zwischen Vater und Sohn stellte, die durch den stationären Aufenthalt gelockert werden sollte. Der Sohn verweigerte sich auch dieser Therapieperspektive, der Vater zeigte sich ebenfalls abwehrend. Im Grunde hatten sich beide im„trauten Unglück zu zweit“ eingerichtet und agierten unter der unausgesprochenenAnnahme: „Wenn es das Problem mit der Schule nicht gäbe, könnte doch alles sobleiben, wie es ist.“ Der Vater hat sich jetzt mit der Bitte um Unterstützung bei derSchulproblematik an das Jugendamt gewandt.1.2 Der Verlauf des Unterstützungsprozesses2Das erste Gespräch mit der zuständigen Bezirkssozialarbeiterin und einer ihr zugeordneten Praktikantin findet im Amt statt. Hier handelt es sich um die settingstrukturierende Methode der Teamarbeit.Manuel ist nicht mitgekomme

5.6 Therapie, Beratung, Pädagogik und Sozi alarbeit im Rahmen der systemischen Sozialen Arbeit 233 5.7 Systemische Soziale Arbeit konk ret: Die Vernetzung verschiedener Teilsysteme des Unterstützungssystems 237 5.8 D