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2Systemische Grundlagen derEltern-Kleinkind-BeratungJürgen Kriz2.1Einführung: Die Grenzen klassischer ErklärungsprinzipienIn diesem Kapitel werden die Grundprinzipien einer systemtheoretischenSichtweise vorgestellt, wie sie unter anderem dem Osnabrücker Ansatzsystemisch-entwicklungspsychologischer Beratungsarbeit zugrunde liegt.Diese Verwurzelung in einer systemisch orientierten Vorgehensweise beider Elternberatung frühkindlicher Entwicklungen trägt der EinsichtRechnung, dass zum tieferen Verständnis vieler wichtiger Entwicklungsphänomene das klassische Ursache-Wirkungs-Modell zu kurz greift.Dieses geht von eher linearen Entwicklungsverläufen aus und thematisiert die (im Umgang mit Gegenständen und technischen Apparatenhäufig gemachte) Erfahrung, dass intendierte und geplante Wirkungenbeziehungsweise Veränderungen durch klar dosierte und gezielte Ursachen beziehungsweise Interventionen hervorgebracht werden können:Eine verbeulte Blechdose lässt sich ebenso wie eine defekte Maschine aufgrund dieser Prinzipien reparieren. Entwicklungsverläufe im Bereichlebender Systeme – und stärker noch beim Menschen – sind aber oftdurch nicht-lineare, qualitative Sprünge gekennzeichnet. Zudem zeigensolche Entwicklungen oft eine Eigendynamik, die nicht beliebig planund steuerbar ist, sondern oft nur – relativ unspezifisch – gefördert oderbehindert werden kann (vgl. Kriz, 1997, 2004, 2006).Ein anderer wichtiger Unterschied ist, dass typischerweise im Umgangmit Dingen und Maschinen ein linear-kausaler Zusammenhang zwischenUrsache und Wirkung derart besteht, dass ein „Mehr“ derselben Intervention auch ein „Mehr“ der gewünschten Wirkung hervorruft: Umeinen Stuhl im Zimmer zu verschieben, benötigt man für die doppelteEntfernung, grob gesagt auch die doppelte Arbeit und es dauert etwadoppelt so lange. Für Entwicklungsverläufe beim Menschen ist hingegengenauso typisch, dass oft auf ein bestimmtes Quantum an Interventionen lange Zeit fast nichts geschieht und dann durch wenig weiteresplötzlich eine sprunghafte Veränderung einsetzt. So wird etwa ein

24Jürgen KrizKleinkind viele Male aufs Töpfchen gesetzt – es „klappt“ selten und eherzufällig. Doch plötzlich, nach einigen Erfolgen, „klappt“ es fast immer.Oder eine bestimmte Bewegung wird geübt und gelingt lange Zeit nurmäßig – doch plötzlich, mit wenigen weiteren Übungen, kann dieseBewegung weitgehend richtig und wiederholbar ausgeführt werden. Diesfinden wir auch im mentalen Bereich: Ein komplexer Sachverhalt wirdoft und mit immer weiteren Beispielen erklärt – man versteht fast nichts;doch plötzlich, als „Aha-Erlebnis“, durchschaut man den Zusammenhang.Obwohl nun natürlich eigentlich jedem klar ist, dass zwischen demReparieren einer Maschine und dem erzieherischen oder therapeutischenUmgang mit Menschen ein wesentlicher Unterschied besteht, ist unserAlltagsverständnis über das „Funktionieren der Welt“ immer noch nachhaltig von den klassischen Prinzipien einer mechanistischen Wirkungsweise geprägt. Und diese stillschweigende Annahme wird dadurchstabilisiert, dass unsere Alltagswelt tatsächlich so von Dingen, Apparatenund technisch funktionierenden Geräten durchsetzt ist, dass „man“immer wieder erfährt, wie gut sich diese klassischen Prinzipien in unsererWelt bewähren. Sie funktionieren sogar so gut, dass man noch bis Endedes 19. Jahrhunderts meinte, dass diese Prinzipien ganz allgemein in derWelt gelten – also letztlich auch auf den Umgang mit lebenden Systemeanwendbar sind.Zwar gab es immer schon kulturelle und wissenschaftliche Unterströmungen, die Zweifel an einer solchen Verallgemeinerbarkeit äußertenund unter anderem auf die eben skizzierten ganz andersartigen Entwicklungsverläufe hinwiesen. Doch diese galten lange Zeit dann bestenfallsals „Sonderphänomene“ in einer ansonsten nach diesen klassischenPrinzipien beschreibbaren Welt. Erst durch das Aufkommen der modernen interdisziplinären Systemtheorie in den letzten drei bis vier Jahrzehnten wurde immer deutlicher, dass es sich eher umgekehrt verhält:Die klassischen Prinzipien gelten nur unter recht künstlichen und beschränkten Bedingungen, bei denen insbesondere einzelne Systemteileisoliert betrachtet und Wechselwirkungen sowie Rückkopplungen weitgehend ausgeschaltet werden können. Diese Einschränkungen lassensich in der Tat zwar für Anwendungsbereiche der Technik realisieren, fürgrößere Zusammenhänge aber sind solche restringierten Annahmenschon in der rein materiellen Welt eher untypisch – und erst recht bei

Systemische Grundlagen der Eltern-Kleinkind-Beratung25lebenden Systemen. Die für menschliche Entwicklungsverläufe beobachtbaren Phänomene wie qualitative Sprünge, Entstehung selbst-organisierter Ordnungen und Regeln, ein nicht-linearer Zusammenhang zwischenInput beziehungsweise Aufwand und erreichter Wirkung oder die Abhängigkeit der Reaktionen von der bisherigen Geschichte des Systemssind im wahrsten Sinne des Wortes „unfassbar“ für Erklärungsversucheaufgrund klassischer Prinzipien, stehen aber in vorzüglicher Übereinstimmung mit den Prinzipien interdisziplinärer Systemtheorie (fürgenauere Darstellungen muss auf Kriz, 1992, 1997, 2004, 2006 verwiesenwerden).Trotz des engen und bedeutungsvollen Zusammenhangs zwischenden Prinzipien interdisziplinärer Systemtheorie und den Prinzipien, diedem Osnabrücker Ansatz systemisch-entwicklungspsychologischer Beratungsarbeit zugrunde liegen, sollen im Rahmen dieses anwendungsorientierten Kapitels die naturwissenschaftlichen Bezüge aber weitgehendim Hintergrund bleiben. Stattdessen werden die systemischen Grundlagen der Eltern-Kleinkind-Beratung eher anhand recht konkreter Aspekte erläutert.2.2Selbst reguliertes Missgeschick – oder:Missgeschick bei der SelbstregulationDie folgende Geschichte soll beispielhaft ins Zentrum eines systemischenVerständnisses von Entwicklung führen:Zwei Personen, A und B, haben sich ein kleines Segelboot gemietet. Sie sindzwar recht unerfahren und entsprechend unsicher, haben sich aber dennochauf einen See hinaus gewagt, da dieser nicht sehr groß und das Wetter zudemnicht sehr stürmisch ist. Nach einiger Zeit aber sieht man, wie beide recht verkrampft, verzweifelt und hilflos an den jeweils gegenüberliegenden Außenbordseiten hängen, wobei sie sich mühsam an Tauen festhalten (vgl. Abbildung 1). Was ist geschehen?Trotz des ruhigen Wetters ist das Boot nach anfänglich ruhiger Fahrt ein wenigins Schaukeln geraten. Aufgrund der Unerfahrenheit – dass dies üblich ist undkeinerlei Gefahr bedeutet – und Unsicherheit meinte A, die Schieflage ausgleichen zu müssen, als sich das Boot einmal (nach seiner Meinung) zu sehr nachB neigte. Er lehnte sich also etwas über Bord. Dadurch aber senkte sich das Bootnun bei der nächsten Schaukelbewegung mehr zur A-Seite, als B lieb war, also

26Jürgen Krizlehnte auch B sich über Bord. Man kann sich gut vorstellen, dass diese „Ausgleichsmaßnahmen“ des jeweils anderen so weitergingen, sodass ein noch weiteres Überlehnen gar nicht mehr möglich ist, weil beide bereits nur noch inden Seilen hängen.Natürlich ist nicht nur anderen Beobachtern, sondern auch ihnen selbst dieseabsurde Lage, in die sie geraten sind, bewusst – aber nun gibt es für sie scheinbar kein „Zurück“ mehr. Denn dafür hätte es nun viel mehr an Vertrauen undZuversicht bedurft, deren Mangel sie in diese missliche Lage geführt hat.Trotz idealisierter und sehr vereinfachender Darstellung werden einigezentrale Aspekte an dieser Geschichte deutlich:Abb. 1: Zwei Personen im BootAuch sehr deutlich ausgeprägte, sowohl für äußere Beobachter als auchfür die Beteiligten klar erkennbare, leidvolle (das heißt „pathologische“)Verhaltens- beziehungsweise Interaktionsformen können gegebenenfallsaus zunächst nur kleinen Abweichungen entstanden sein. Diese wären„eigentlich“ unproblematisch und in diesem frühen Stadium wäre dieDynamik „eigentlich“ auch noch leicht rückgängig zu machen – etwawenn, im Beispiel, beide in dem Zeitraum, als sie sich nur ein wenighinauslehnten, zusätzlich rechtzeitig erkannt hätten, dass eine Fortsetzung dieses Musters nichts verbessern, sondern nur alles weiter verschlimmern kann. Allerdings gibt es vielerlei Gründe dafür, warum oft

Systemische Grundlagen der Eltern-Kleinkind-Beratung27nicht frühzeitig erkannt wird, wohin die Entwicklung führt. Ein wichtiger Aspekt ist dabei sicherlich, dass man lange Zeit meint, nur auf denanderen oder die Umstände zu reagieren, der eigene aktive Anteil an dieserDynamik aber nicht gesehen oder bagatellisiert wird. Ist das Interaktionsmuster im weiteren Verlauf dann aber so massiv ausgeprägt, dass diesesund auch die „Merkwürdigkeit“ des eigenen Verhaltens nicht mehr übersehen werden können, lässt sich das eben nicht mehr so leicht korrigieren: Die Beteiligten hängen dann bereits, wie im Boot-Beispiel, nurnoch „in den Seilen“; eine völlig ungewollte, unerwartete und ungewohnte Situation ist entstanden, die in hohem Maße die zur Verfügungstehenden Ressourcen bindet und damit die Kompetenzen zur eigenständigen Veränderung erheblich schwächt.Diese einseitige Sichtweise, sich bei negativen Entwicklungen primärals „nur Reagierender“ zu verstehen, ist sehr typisch und wird als „Interpunktion“ von Abläufen bezeichnet (Watzlawick, Beavin & Jackson,1969). In der systemischen Literatur finden sich unzählige Beispiele, dieim Wesentlichen so beschreiben werden können, wie in Abbildung 2skizziert.Abb. 2a: InterpunktionAbb. 2b: Zirkularität

28Jürgen KrizIn dem bereits ausgeprägten Interaktionsmuster zwischen einer halbwüchsigen Tochter, die öfter von zu Hause weg ist und „herumstreunt“,und ihrer Mutter, die „kontrolliert und nörgelt“, kann man eigentlich nurdie Abfolge M T M T M beobachten (1. Zeile). Aussystemischer Sicht ist klar, dass (neben gegebenenfalls anderen Einflüssen!)sowohl Mutter als auch Tochter zur Aufrechterhaltung dieses für beideleidvollen Musters beitragen (Abbildung 2b). Doch die eigenen „Erklärungen“ der beiden sind, wie in Zeile 2 beziehungsweise Zeile 3 skizziert, sehreinseitig und gegensätzlich. Dabei sind diese „Erklärungen“ üblicherweisenicht nur willentlich „herbeigesucht“, um den anderen zu beschuldigen,sondern sie werden in der Regel von den Beteiligten auch so „erlebt“. Diesverweist darauf, welch massiven Einfluss die vorherrschenden klassischenUrsache-Wirkungs-Prinzipien in unserem „Weltverständnis“ haben: Irgendwer oder irgendwas wird als unmittelbarer Verursacher erlebt, woraufman ebenso unmittelbar reagieren muss. Hingegen sind zirkuläre Entwicklungsdynamiken in den Erklärungsprinzipien der Alltagswelt selten beziehungsweise gar nicht zu finden.Am Boot- sowie am Mutter-Tochter-Beispiel werden einige Grundprinzipien einer systemischen Sichtweise deutlich, die hier als Zwischenresümee zusammengefasst werden sollen:1. Menschliche Verhaltensweisen stehen immer in einem Kontext, derfür die Beteiligten das Verhalten (und das gesamte Geschehen) miteinem Sinn unterlegt und Verhalten so zu Handlungen mit bestimmten Motiven macht.2. Dieser Sinn (und damit das Verständnis der Gesamtsituation) kann fürden einzelnen Beteiligten recht unterschiedlich bis gegensätzlich sein(vgl. die Interpunktionen).3. Er spiegelt damit und darüber hinaus nur sehr bedingt eine „objektive“ oder beobachterneutrale Wirklichkeit wider; vielmehr handelt essich um ein bestimmtes Verständnis, das aber für die persönliche Realität essentiell ist und handlungsleitend wird („gefährlicheSchwankung“, „Gleichgewichtsausgleich“ beim Boot oder „Herumstreunen“ beziehungsweise „Kontrollieren“ und „Nörgeln“ sind Beschreibungen von Vorgängen, die andere Menschen gegebenenfallsganz anders beschreiben würden; gleichwohl sind diese Beschreibungen essentiell für das Erleben der Beteiligten und für die darausfolgenden Handlungen).

Systemische Grundlagen der Eltern-Kleinkind-Beratung294. Auch sehr ausgeprägte und leidvolle Muster im Verhalten können sichaus sehr kleinen Anfangstendenzen durch gegenseitig verstärkendeInterpretationen und „Reaktionen“ im weiteren Prozess entwickeln.Ein solches Muster, auf den sich der Prozess hinbewegt, wird in dersystemischen Fachsprache als Attraktor bezeichnet.5. Hat sich aber ein solches Muster in einem Prozess erst einmal sehrdeutlich manifestiert, so lässt es sich nicht mehr so leicht ändern.Typischerweise weist es eine Überstabilität auf, was unter anderem damit zu tun hat, dass die Ressourcen für neue Lösungen durch Fixierung auf das problematische Geschehen vermindert sind.Besonders Punkt (4) betont, dass die Beteiligten oft quasi in den Attraktorder Dynamik hineingezogen werden, der sich aus zunächst schwachenTendenzen entwickelt. Dies ist besonders wichtig, weil damit eine klare Absage an die Vorstellung eines einseitigen „Verursachers“ oder gar „Schuldigen“ erteilt wird, wie sie sogar noch zu den Anfängen der Familien- undsystemischen Therapie üblich war: An symptomatischem Verhalten warnach damaliger Sprechweise die Familie „schuld“ oder gar nur die Mutter.So diente etwa das Konzept der „schizophrenogenen Mutter“ aus den 50erJahren des letzten Jahrhunderts dazu, die Auffälligkeiten im Verhalten einerMutter bei schizophrenen Kindern als „Ursache“ zu deuten. Dies war abernicht nur eine reduktionistische, einseitige Kausalzuschreibung, die dersystemische Ansatz eigentlich gerade vermeiden wollte. Vielmehr wurdedabei auch übersehen, dass eben bestimmte Aktionen und Reaktioneneines Kindes auch eine spezifische Herausforderung für eine Mutter (oderandere) darstellen können, denen sie in spezifischer Weise vielleicht nichtgewachsen ist. Dieselbe Mutter würde bei einem anderen Kind oderdasselbe Kind bei anderen Mutter keineswegs eine ungünstige Dynamik inGang setzen, die dann zu einem so leidvollen Attraktor führt. Weder imBoot- noch im Mutter-Tochter-Beispiel ließe sich sagen, wer „angefangen“hat oder gar „Schuld“ ist. Jemandem bei Interaktionsstörungen einseitigeine Schuld zuschreiben zu wollen wäre daher nicht nur für eine hilfreicheZusammenarbeit kontraproduktiv, sondern würde auch theoretisch zu kurzgreifen. Viel sinnvoller und wichtiger, als herausfinden zu wollen, wer andem unguten Muster „eigentlich Schuld“ hat, ist es daher, die Veränderungdieses Musters zu ermöglichen. Dazu müssen wir aber das Entstehen unddie Stabilisierung solcher Muster noch etwas genauer betrachten.

302.3Jürgen KrizWie sich Muster bilden und stabilisierenDie diskutierten Beispiele sind zwar stark vereinfacht und wirken dahermöglicherweise gekünstelt, sie sind aber typisch: Die interdisziplinäreSystemforschung hat nämlich gezeigt, dass Prozesse grundsätzlich1 zuMustern, Regeln oder dynamischen Ordnungen (als drei Synonyme indiesem Kontext) führen, sofern man nicht einzelne Teile eines Systemskünstlich so isoliert, dass Rückkopplungen zwischen ihnen keine Rollespielen. Man kann den Unterschied zwischen dem klassischen und demsystemischen Ansatz sogar daran festmachen, dass in der systemischenSichtweise die Berücksichtigung von Rückkopplungen nicht ausgeblendet wird. Dies soll wieder an einem Beispiel erläutert werden:Abb. 3a: Reine I-O-BeziehungAbb. 3b: I-O-Beziehung als Teil eines Netzwerkes und daher mit RückkopplungIn Abbildung 3a reagiert der „Kasten“ (zum Beispiel ein Untersuchungsgegenstand oder eine Person), isoliert betrachtet, nur in bestimmterWeise auf einen Input „I“ oder „Reiz“ und liefert somit einen Output„O“. Auf diese Weise wird zum Beispiel in (schlechten) Büchern „Kommunikation“ dargestellt: Ein „Sender“ (I) schickt eine „Botschaft“, auf dieein „Empfänger“ (O) reagiert.1Dies ist jedenfalls dann der Fall, wenn bestimmte Randbedingungen für attrahierende Dynamiken vorliegen – was aber für lebende Systeme auf vielen Prozessebenen, bis hin zu den hier bisher diskutierten Interaktionsdynamiken, geradezutypisch ist (vgl. Kriz, 2004): Evolution kann unter anderem als Programm verstandenwerden, Ordnung sowie die Fähigkeit zu Ordnungsbildung und Ordnungserkennungzu etablieren.

Systemische Grundlagen der Eltern-Kleinkind-Beratung31Eine solche Beschreibung trifft aber bestenfalls dann hinreichend zu,wenn „Sender“ und „Empfänger“ wirklich isoliert voneinander leb(t)en.Für die Kommunikation zum Beispiel zwischen Mutter und Kind (oderallgemein: in der Familie) sind ganz andere Aspekte wesentlich: Stellenwir uns ein Kind vor, das vom Spielen heimkehrt. Seine Mutter mag als„Input“ die Frage stellen: „Na, wie war s denn?“, weil sie nicht in das Gehirn des Kindes (Kasten) sehen kann. Doch die Antwort des Kindes istnun nicht einfach ein isolierter „Output“ auf die Frage. Vielmehr spiegeltsich darin auch wieder, dass das Kind aus der Vergangenheit weiß, dassbestimmte Antworten dazu führen, dass sich seine Mutter Sorgen machtoder dass ein Streit entsteht. Also wird es manches besser nicht odernicht so erzählen, wie es vielleicht spontan in seinen Kopf kommt oderwie es dem Freund davon erzählen würde. Die Mutter aber weiß ebenfallsaus der Vergangenheit, dass das Kind vielleicht manches verschweigenwill. Also wird sie bereits ihre Frage (I) klugerweise etwas anders stellen,um doch noch etwas herauszubekommen. Das kennt nun das Kind aberauch schon, also wird es Diese Schleifen ließen sich noch lange so weiter ausspinnen. Wasdaran deutlich wird ist, dass sowohl in (I) als auch in (O) in Wirklichkeitviele Zyklen aus bisherigen Interaktionen mit repräsentiert sind unddabei so etwas wie regelhafte Muster aus Erfahrungen und Erwartungenentstanden sind, welche die gegenwärtige Interaktion beeinflussen. ImGegensatz zu Abbildung 3a sind somit in Abbildung 3b sowohl die (I) alsauch die (O) wesentlich durch die Rückkopplung in der bisherigen Geschichte beeinflusst dargestellt. In deren Verlauf haben sich Regeln ausErwartungen und Interpretationen etabliert, welche als Attraktoren (imobigen Sinne) die aktuelle Dynamik in hohem Maße mitbestimmen.Diese Regeln machen zugleich genau das aus, was mit Beziehung zwischenMenschen überhaupt gemeint ist, das heißt das, woran man eine Mutterund ihr Kind von zwei zufällig in einem Raum versammelten Personen,die sich nicht kennen, unterscheiden kann.Auch das, was man ein „Paar“, eine „Familie“, „Geschwister“ und soweiter nennt, beruht im Wesentlichen auf solchen Mustern, welche dieArt regeln, wie sich diese Menschen aufeinander beziehen. Dabei müssendie Rückkopplungen keineswegs so direkt zwischen (O) und (I) ablaufenwie in Abbildung 3b oder den diskutierten Beispielen, sondern könnengegebenenfalls zeitverzögert und/oder über viele weitere „Teile“ ver-

32Jürgen Krizmittelt sein, wie es für die miteinander verbundenen und interagierenden Teile eines Netzwerks (beispielsweise auch: für eine Familie) typischist. So wird das Kind beispielsweise in seine Antworten auch seine Erfahrungen darüber mit einbeziehen, was die Mutter dem Vater üblicherweise erzählt und wie dieser darauf reagiert; und die Mutter wird ebenfalls ihre Bilder davon mit einfließen lassen, was sie glaubt, dass der Vatervon ihr an Erziehung erwartet, oder was sich gegebenenfalls die Geschwister dabei denken, wenn sie zu nachgiebig oder zu streng ist.2.4Das Zusammenspiel von kognitiv-narrativen undinteraktionellen MusternDie interdisziplinäre Systemforschung in den Naturwissenschaften betrachtet die selbstorganisierende Musterbildung (Emergenz von Attraktoren) und deren Veränderung (Phasenübergänge) üblicherweise aufjeweils nur einer Systemebene. Ebenso hat sich die Familien- und Systemtherapie lange Zeit auf die Musterbildung auf nur einer Ebene konzentriert – nämlich auf der Ebene von Interaktionen beziehungsweise Kommunikationen und dabei zum Beispiel Prozesse der Sinnbildung bei deneinzelnen Personen außer Acht gelassen2. Im Gegensatz dazu war es vonAnbeginn ein zentrales Anliegen der „Personzentrierten Systemtheorie“,das Zusammenspiel von kognitiv-narrativen und interaktionellen Mustern ins Zentrum der Analyse zu stellen und näher zu erforschen (Kriz,1985, 1991, 2004, 2006).3Schon in den hier zur Erläuterung herangezogen Beispielen wurdedeutlich, wie stark interaktive und kognitive Dynamiken zusammenhängen – letztere besonders in Form von sinndeutenden, beschreibenderzählenden (sogenannten „narrativen“) Strukturen: Im Boot-Beispiel23Oder sie hat diese nur als eher unspezifische „Umgebung“ für die eigentlichen interaktionellen Prozesse angesehen.Das ist eine Sichtweise, die kompatibel ist zu den Forschungsprogrammen der entwicklungspsychologischen Arbeitsgruppe um Heidi Keller (2007) und den Konzepten zur Ausdifferenzierung einer systemisch-familientherapeutischen Praxisdurch Arist von Schlippe (Schlippe & Schweitzer, 2004) und in Besonderem Maßeauch zu dem daraus entstandenen Ansatz zur systemisch-entwicklungspsychologischen Beratungsarbeit der Babysprechstunde Osnabrück (Borke et al., 2005; Hawellek& Schlippe, 2005; Schlippe, 2003).

Systemische Grundlagen der Eltern-Kleinkind-Beratung33wurde die von Beobachtern feststellbare Dynamik, die sich zum Muster„über Bord hängen“ entwickelte, durch die Narration getrieben: „Ichmuss die Schräglage ausgleichen, sonst wird s gefährlich.“ Die TochterMutter-Dynamik im zweiten Beispiel wird durch jene Narrationen vorangetrieben, die in Form der beiden Interpunktionen skizziert wurden:„Wenn ich nicht kontrolliere, streunt sie noch mehr.“ Und: „Wenn ich nichtabhaue, erlebe ich die Kontrolle noch mehr.“ Noch deutlicher wurde der Zusammenhang beim angeführten Frage-Antwort-„Spiel“ zwischen Mutterund Kind. Denn was hörbar gesagt wird – und somit als Interaktionsmuster der (I) und (O) beobachtet werden kann – ist wesentlich verbunden mit den jeweils narrativen Mustern, dem was man jeweils vomanderen vermutet und erwartet beziehungsweise was man ihm und derSituation unterstellt. Die Beschreibungen und Sinndeutungen, welchedie Dynamik zu einem bestimmten Interaktionsmuster vorantreiben, sindsomit selbst Attraktoren auf der kognitiv-narrativen Ebene.Greifen wir nun diese Ebene kognitiv-narrativer Prozesse getrenntheraus, so lassen sich die dort entstehenden Ordnungen genau so verstehen, wie es in Abbildung 3b schematisiert wurde – nur dass die Operationen quasi „intern“ verlaufen. Dies wurde an vielen anderen Stellendetailliert ausgeführt (Kriz, 1998, 2004) und dort mit dem Begriff „SinnAttraktoren“ gekennzeichnet. In der notwendigen Kürze dieses Texteslässt sich das Prinzip vielleicht am eindrucksvollsten an einem nunschon älteren Experiment demonstrieren (vgl. Abbildung 4):Ein komplexes Punktemuster (1. Muster links oben in Abbildung 4)wird einer Person gezeigt, die es sich merken und dann reproduzieren soll(2. Bild von links in der 1. Zeile). Dieses Bild wird nun einer weiteren Person gezeigt, die es sich ebenfalls merken und reproduzieren soll (3. Bild)und so weiter Die Bilder in dieser seriellen Reproduktion werden lange verändert, bis das Ergebnis so einfach und prägnant ist, dass es perfekt reproduziert werden kann (wobei natürlich keineswegs immer aus dem Musterlinks oben das „Quadrat“ rechts unten folgen muss, sondern auch andereprägnante Formen als Attraktoren möglich sind – beispielsweise eine Raute,ein Kreuz und so weiter). Wichtig ist aber, dass aus ungeordneter, komplexer, nicht gut überschau- und merkbarer Information ein Attraktor entsteht, der geordneter, einfacherer, besser überschau- und damit auch merkbarer ist als die komplexe Anfangsinformation. Das geschieht genau so,wenn ein einzelner Mensch sich immer wieder komplexe Information ver-

34Jürgen Krizgegenwärtigt – wie man beispielsweise aus Zeugenaussagen und zahlreichen Experimenten der Gestaltpsychologen weiß: Das erinnerte Geschehen wird zunehmend einfacher und prägnanter – und man wird sichzudem immer sicherer, dass dies die „richtige“ Beschreibung ist.Abb. 4: Entstehen eines prägnanten Musters in der seriellen Reproduktion (nachStadler & Kruse, 1990)Abbildung 4 macht auch besonders anschaulich, worauf es bei den SinnAttraktoren ankommt: In den Wahrnehmungs- und Denkprozessen entwickeln sich Muster beziehungsweise Ordnungen, welche die Komplexitäteiner Situation sinnhaft reduzieren und diese reduzierte Ordnung gleichzeitig stabilisieren. Die Komplexität, Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeitvon zahlreichen Situationen erfordert es nämlich, dass bei der Konstituierung unserer Lebenswelt die Fülle der Außen- und Innenreize geordnet,vereinfacht und auf diese Weise „stimmig“ gemacht wird.

Systemische Grundlagen der Eltern-Kleinkind-Beratung35Doch diese Sinn-Attraktoren haben mit ihrer Reduktion von Komplexität nicht nur den positiven Effekt, dass sie Sinn schaffen, schnellereÜbersicht und Orientierung ermöglichen und damit Stabilität erzeugen,welche wiederum Freiraum für anderes geben kann. Sie haben leiderauch den negativen Effekt, dass damit die Vielfalt an Aspekten so reduziert und verfestigt werden kann, dass eine Adaptation an neue Bedingungen erschwert und das vorhandene Veränderungs- und Lösungspotenzial reduziert wird.So wird etwa in dem Mutter-Tochter-Beispiel bei beiden vorhandeneVariabilität in den Handlungen und Reaktionen immer auf die Sinn-Attraktoren: „Sie streunt schon wieder herum“ beziehungsweise „Sie kontrolliertschon wieder“ reduziert. Das oft radikal verminderte Potenzial, die Vielfaltüberhaupt noch wahrzunehmen und nicht immer gleich nur durch „dieBrille“ von Erwartungen und Kategorien zu deuten, finden Paartherapeuten beispielsweise in folgender typischer Sequenz immer wieder vor:Therapeut zu A: „Haben Sie überhaupt gehört, was ihr Partner (B) gerade gesagthat?“Antwort von A: „Nein, nicht so genau – aber wie (B) geschaut hat, da wussteich sowieso schon, was kommen würde!“Wenn aber A und B jeweils das Verhalten des Partners nur stark reduziertdurch die Kategorien ihrer Sinn-Attaktoren wahrnehmen, werden sie sichdiese Reduktion ebenso in ihren Verhaltensmustern gegenseitig bestätigen. Auch hierfür gibt es einen geradezu typischen Satz aus Paartherapien, nämlich: „Wozu soll ich mich noch ändern – mein Partner würde dassowieso nicht bemerken.“ Reduziertes Potenzial in der Wahrnehmung undim Verständnis des anderen (und der Situation) fördert somit reduziertesVerhalten – und dieses dient wiederum als Bestätigung der Erwartungen.Hier wird das Zusammenspiel von kognitiv-narrativen und interaktionellen Mustern in seiner Gesamtdynamik deutlich.Wie in den zusammengefassten Grundprinzipien am Ende von Abschnitt (2) hervorgehoben wurde, spielen bei allen menschlichen Handlungen Musterbildungsprozesse sowohl auf der interaktionellen wie auchauf der kognitiv-narrativen Ebene zusammen, da es kein länger währendes (menschliches) Verhalten ohne Bedeutungszuweisungen gibt undkeine Sinnstrukturen, die nicht auch Handlungen beeinflussen. Das giltletztlich auch für solche Prozesse wie in Abbildung 5, in dem sich zwi-

36Jürgen Krizschen der 5. und 11. Woche ein Fütterrhythmus als Attraktor einspieltund der Säugling noch über keine expliziten Narrationen der Situationverfügt. Die Mutter zumindest ist aber nicht frei von kognitiv-narrativenStrukturen darüber, ob und in welchem Ausmaß „regelmäßige“ Fütterzeiten sinnvoll und wünschenswert sind.Ohne hier auf Details eingehen zu können (vgl. die Konzeption von„Bedeutungsfeldern“ in Kriz, 2005), ist zudem wohl einsichtig, dass diesekognitiv-narrativen Strukturen natürlich nicht bei der Mutter oder denEltern isoliert entstehen, sondern diese wiederum in größere kognitivnarrative Systeme eingebettet sind, die ebenfalls ihre Attraktoren ausgebildet haben – etwa die Narrationen und Vorstellungen über „Fütterregeln“ in der gesamten Familie (wozu auch mehrere Generationen undihre tradierten „Geschichten“ und Ansichten zählen), die wiederum indie der Gesellschaft beziehungsweise Kultur eingebettet sind.4Abb. 5: Fütter-Rhythmus eines Babys zwischen der 5. u. 11. Woche als Attraktor (aus:Kruse & Stadler 1993, S. 155; nach Metzger 1976, S. 74)4Auf der anderen Seite sind auch somatische und genetische Prozessebenen bedeutsam. Etwa lassen sich die derzeit viel diskutierten Bindungstypen als attrahierendeOrdner verstehen, welche das individuelle Beziehungsverhalten in bestimmter Weisestrukturieren. Diese Strukturierungsprinzipien sind wiederum als evolutionär erworbene Potenziale zu sehen, deren konkrete Manifestationen in den frühen Beziehungserfahrungen entwickelt wurden.

Systemische Grundlagen der Eltern-Kleinkind-Beratung2.537Beratung und Therapie: Förderung und Unterstützungvon PotenzialenSieht man sich nun die gesunde Entwicklung eines Kindes als Teil derFamilie an, so kann man aus der hier dargestellten Perspektive sagen, dasshinsichtlich unterschiedlicher Systemprozesse auf narrativ-kognitiver undinteraktioneller Ebene, einschließlich der somatischen Prozessebene, bestimmte evolutionär und kulturell vorgegebene Entwicklungsaufgaben zulösen sind (vgl. auch Keller, 2003). Dazu sind sowohl Phasen der Musterbildung und Stabilisierung (das heißt Attraktorenbildung) wichtig alsauch Phasenübergänge, in denen die Muster auf bestimmten Ebenenwieder instabil werden und neuen Mustern Platz machen, die eine bessereAdaptation an die neuen Aufgaben und Bedingungen darstellen.Dass Entwicklung vor allem eine Abfolge von stabilen (Attraktoren)und instabilen (Phasenübergänge) Zeiten zur Anpassung an jeweils neueHerausforderungen beinhaltet, wird sofort klar, wenn man sich ein Elternpaar mit einem 3-jährigen Kind vorstellt, bei denen ganz hervorragendeinteraktive und regulative Prozesse ablaufen. Wenn allerdings zwanzigJahre später immer noch dieselben Muster zu finden wären, würde mandiese als hoch pathologisch einstufen – denn das würde bedeuten, dassder nun 23-Jährige immer noch wie ein 3-Jähriger behandelt werdenwürde und sich so behandeln ließe. Es ist aber klar, dass an einen 23-Jährigen ganz andere Erwartungen und Anforderungen gestellt werden als aneinen 3-Jährigen – etwa hinsichtlich Selbständigkeit auf vielen Ebenen,Verantwortung, Lebensplanung etc. – und dass üblicherweise zwischendem 3. und 23. Lebensjahr etliche solche Entwicklungsschritte stattfinden, in denen neue Muster (auch bei den Eltern) entstehen.Gerade die Herausbildung erster Muster, wenn also ein Kind die

2 Systemische Grundlagen der Eltern-Kleinkind-Beratung Jürgen Kriz 2.1 Einführung: Die Grenzen klassischer Erklärungs-prinzipien In diesem Kapitel werden die Grundprinzipien einer systemtheoretischen Sichtweise vorgestellt, wie sie unter anderem dem Osnabrücker Ansatz systemisch-en