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ZAF (2011) 44:197–203DOI 10.1007/s12651-011-0065-7R E S E A R C H PA P E RMit Workfare aus der Sozialhilfe?Lehren aus einem ModellprojektHilmar Schneider · Arne Uhlendorff ·Klaus F. ZimmermannAngenommen: 4. Februar 2011 / Online publiziert: 22. März 2011 Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2011Zusammenfassung Wir berichten über die Evaluation desPilotprojektes eines Berliner Sozialamts zur Integrationjunger Sozialhilfeempfänger in das Erwerbsleben. DemWorkfare-Prinzip folgend war die Teilnahme an dem Programm für die ausgewählten Personen verpflichtend. Werdie Teilnahme verweigerte, erhielt keine Unterstützungszahlungen. Um die Wirkung des Programms untersuchenzu können, sollten Engpässe bei der Programmkapazitätals quasi-zufälliger Zuweisungsprozess genutzt werden. ImNachhinein stellte sich jedoch heraus, dass im Zuweisungsprozess unkontrollierte Selektionseffekte auftraten, die denVergleich mit einer entsprechenden Gruppe von Nichtteilnehmern erheblich erschweren. Mit Hilfe ökonometrischerVerfahren haben wir versucht, für diese Selektion zu korrigieren. Die Messung der Wirkung beruht auf Sozialamtsdaten, die von uns mit Geschäftsdaten der Bundesagentur fürArbeit verknüpft wurden, um Informationen über Erwerbsverläufe vor und nach der Betreuung durch das Sozialamtzu gewinnen. Die Ergebnisse deuten auf einen positiven –statistisch allerdings nicht signifikanten – Beschäftigungseffekt von Workfare hin. Wir verdeutlichen, dass Nachlässigkeiten im Projektdesign durch ökonometrische Verfahrenzwar nachträglich ausgeglichen werden können, aber nur umA. UhlendorffUniversität Mannheim, Mannheim, DeutschlandH. Schneider ( ) · A. Uhlendorff · K.F. ZimmermannIZA, Schaumburg-Lippe-Str. 5-9, 53113 Bonn, Deutschlande-mail: [email protected] Schneider · A. Uhlendorff · K.F. ZimmermannDIW Berlin, Mohrenstraße 58, 10117 Berlin, DeutschlandK.F. Zimmermann · K.F. ZimmermannUniversität Bonn, Bonn, Deutschlandden Preis eines deutlich erhöhten Fallzahlbedarfs, um statistisch belastbare Ergebnisse für politische Entscheidungen zubekommen. Bei den üblicherweise niedrigen Fallzahlen imRahmen von Modellprojekten sollten daher verstärkt experimentelle Designs Anwendung finden.Schlüsselwörter Workfare · Arbeitsangebot · Evaluation ·Soziale ExperimenteJEL Klassifikationen J22 · J64 · H43Does welfare to work work? Lessons from a pilotprojectAbstract We are reporting from an evaluation of a municipal workfare pilot project. The program was intended to integrate young welfare recipients into employment. According to the workfare principle, participation was mandatoryfor those being assigned to the program. Welfare claimswere denied for those who refused to participate. Since program capacity was limited, the assignment process couldbe viewed as a quasi-random process, which allowed foran impact evaluation by comparing program participantswith recipients not assigned to the program due to capacity limitations. In retrospect, however, it turned out that theassignment process was still subject to uncontrolled selection, which strongly impedes comparability between treatedand alleged controls. By means of econometric methods wehave tried to correct for selectivity. Impact measurement isbased on administrative data of the welfare authority whichwere merged with administrative data from the Federal Labor Agency in order to get information about employmenthistories before and after welfare claiming. The results arepointing to a strong positive employment effect of workfare,

198although not statistically significant. We conclude that slackness of project design may be compensated by econometricmethods, but only at the price of a strongly increased number of observations in order to achieve statistically significant results. If policy makers need to draw conclusions fromtypically small scale pilot projects, there is no alternative toa project design, which allows for a controlled experiment.Keywords Workfare · Labor supply · Evaluation · SocialexperimentJEL Classification J22 · J64 · H431 EinleitungDas deutsche System der sozialen Mindestsicherung inForm von Arbeitslosen- und Sozialhilfe generiert impliziteMindestlöhne und somit negative Anreizwirkungen auf dasArbeitsangebot im unteren Einkommensbereich. Bei der sozialen Mindestsicherung in Form von Arbeitslosengeld IIund Sozialhilfe handelt es sich um einen Zahlungsanspruch,der bei Erfüllung der Bedürftigkeitskriterien zeitlich praktisch unbegrenzt ist. Die Höhe des Transferbezugs sowiedie nahezu vollständige Anrechnung des eigenen Erwerbseinkommens auf den Transferbezug determinieren einenimpliziten Mindestlohn. Übersteigt dieser Mindestlohn denam Markt erzielbaren Lohn, was vor allem bei gering qualifizierten Erwerbspersonen der Fall sein dürfte, ist die Inanspruchnahme von Transferzahlungen attraktiver als dieAusübung einer Erwerbstätigkeit, selbst wenn das erzielbare Erwerbseinkommen über der Höhe des Transferanspruchsliegt und damit eine eigenständige Existenzsicherung möglich wäre. Je höher die Transferzahlungen und damit derMindestlohn, desto größer ist der Anreiz, auf eine Erwerbstätigkeit zu verzichten und stattdessen Transferzahlungenin Anspruch zu nehmen (siehe beispielsweise Christofides2000 oder Schneider und Uhlendorff 2005). Trotz diesernegativen Anreize kann man im deutschen Transfersystemsogenannte „Aufstocker“ beobachten. Die weitaus meistenvon ihnen arbeiten jedoch nur in relativ geringem zeitlichenUmfang und verhalten sich somit durchaus anreizkonform,da die so erzielten Einkommen weitgehend anrechnungsfreibleiben. Der Anteil der Personen, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen bei der sie weniger als die Grundsicherung verdienen und die daher zusätzliche Transferleistungenbeziehen, ist dagegen sehr gering (Brenke und Ziemendorff2008).Eine mögliche Option, mit der sich einerseits die hohenBelastungen für die öffentlichen Haushalte reduzieren lassen und die andererseits den Betroffenen Perspektiven fürein unabhängiges Einkommen vermittelt, besteht in einerKopplung des Transferanspruchs an die Verpflichtung zurH. Schneider et al.Ausübung einer Erwerbstätigkeit (Bonin et al. 2007). Diesesauch als Workfare bezeichnete Konzept geht auf amerikanische Vorbilder zurück (vgl. z. B. Ochel 2003) und beziehtseine Wirkung aus einer Verschlechterung des Transfernutzens, ohne die Einkommensposition des Hilfebedürftigen zubeeinträchtigen. Mit Transfernutzen ist hierbei der Nutzengemeint, den Personen während des Bezugs von Transferleistungen realisieren. Im theoretischen Modell hängt dieserNutzen von der Höhe des Einkommens und vom Umfangder Freizeit ab. Dies führt dazu, dass niedrig entlohnte Tätigkeiten am Markt akzeptabel werden, denn im Vergleichzur Situation ohne Workfare ist eine Beschäftigung mit einer Entlohnung, die nur geringfügig über dem Transfereinkommen liegt, nun deutlich attraktiver. Eine Alternative zurReduktion des Anreizproblems stellen vorhandene Sanktionsmöglichkeiten beim Bezug von Arbeitslosengeld II dar,siehe beispielsweise Boockmann et al. (2009) für eine entsprechende empirische Analyse.In Deutschland ist das Workfare-Prinzip bislang erst vereinzelt eingeführt worden und entsprechende Evaluationsstudien liegen bisher nicht vor. Die Ergebnisse von Mikrosimulationsstudien deuten aber auf erhebliche positive Effekte auf das Arbeitsangebot hin (Bonin und Schneider 2006).Diese positiven Effekte auf das Arbeitsangebot werden vonLaborexperimenten bestätigt. Sie zeigen zusätzlich, dass dieAkzeptanz von Workfare – zumindest unter den im Experiment geltenden Bedingungen – bei den Teilnehmern amExperiment sehr deutlich ist (Falk und Huffman 2007).Dieser Beitrag diskutiert das Modellprojekt „Arbeit Sofort!“, bei dem der Bezug von Sozialhilfe an die Aufnahme einer Tätigkeit im Rahmen eines öffentlich geförderten Beschäftigungsprojekts gebunden wurde.1 Das Projektwurde vom Herbst 2002 bis zum Sommer 2003 im BerlinerBezirk Charlottenburg-Wilmersdorf durchgeführt.Sein Ziel bestand in der Erhöhung der Beschäftigungswahrscheinlichkeit der Teilnehmer. Für die Evaluation von„Arbeit sofort!“ werden daher die Erwerbsverläufe der Teilnehmer mit den Erwerbsverläufen einer geeigneten Gruppevon Sozialhilfeempfängern verglichen, die nicht an „Arbeitsofort!“ teilgenommen haben. Beschäftigungsinformationenliegen nur in eingeschränkter Form in den Sozialamtsdatenvor, weshalb die Personendaten aus dem Sozialamt mit Geschäftsdaten der Bundesagentur für Arbeit in einem anonymisierten Verfahren verknüpft wurden.Wir stellen in Abschn. 2 zunächst das Projekt „ArbeitSofort!“ vor. Abschn. 3 referiert unsere Datenaufnahme,Abschn. 4 berichtet über die Evaluationsergebnisse. DieSchlussfolgerungen in Abschn. 5 stellen die Befunde ineinen wirtschaftspolitischen Zusammenhang und reflektieren, was für die Verbesserung des Erkenntnisfortschritts getan werden muss.1 Eineausführliche Darstellung unserer Evaluation von „Arbeit Sofort!“ findet sich in Schneider et al. (2010).

Mit Workfare aus der Sozialhilfe? Lehren aus einem Modellprojekt2 Modellprojekt „Arbeit Sofort!“Im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf wurde dasProjekt „Arbeit Sofort!“ in der Zeit vom 01.09.2002 biszum 30.08.2003 durchgeführt. Erwerbsfähige im Alter von18 bis 25 Jahren, die einen Neuantrag auf Sozialhilfe stellten, wurden dem Projekt direkt zugewiesen. Ziel von „Arbeit sofort!“ war, durch Integration der Teilnehmer in denersten Arbeitsmarkt ihre Hilfsbedürftigkeit zu überwindenund den so genannten Sozialhilfekarrieren vorzubeugen.Das Programm bestand aus Qualifizierungs- und Beschäftigungsmodulen und wurde gemeinsam vom BezirksamtCharlottenburg-Wilmersdorf und dem Arbeitsamt finanziert.Die Teilnehmer wurden am Tag der Sozialhilfeantragstellung direkt an den Projektträger vermittelt, wo am selben Tag ein Erstgespräch stattfand. Teilnehmer und Projektträger schlossen einen Praktikantenvertrag ab, wobei essich um ein versicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis handelte, das auf maximal 6 Monate befristet war. DieTeilnehmer erhielten 434 Euro monatlich zuzüglich eventueller Mietkosten, womit ihre Vergütung geringfügig überdem Sozialhilfeniveau lag. Die Teilnahme an „Arbeit Sofort!“ war nach Zuweisung verpflichtend. Personen, die dennoch nicht an der Maßnahme teilnahmen, erhielten keine Sozialhilfe. Nicht zugewiesen wurden Personen, die eine klare berufliche oder ausbildungsbezogene Zukunftsperspektive hatten und die daher nur vorübergehend Sozialhilfebezogen.Die Programmkapazität war auf maximal 100 Personenausgelegt. Aus dieser Beschränkung ergab sich ein quasizufälliger Zuweisungsmechanismus, da Personen, die zueinem Zeitpunkt einen Antrag auf Sozialhilfe stellten, zudem die Programmkapazität ausgeschöpft war, nicht an demProgramm teilnehmen konnten. Im Gegensatz zu einemklassischen sozialen Experiment sollten die Antragstellernicht per Zufallsverfahren in die Teilnehmer- oder die Kontrollgruppe zugewiesen werden. Ist allerdings alleine dieAuslastung der Programmkapazität für die Teilnahme entscheidend, dürften sicher unter bestimmten Voraussetzungen die Teilnehmer und Nichtteilnehmer nicht systematischin ihren Eigenschaften unterscheiden. Die potenzielle Zufälligkeit sollte dazu genutzt werden, durch einen direktenVergleich von Teilnehmern und Nichtteilnehmern kausaleRückschlüsse auf die Wirksamkeit des Programms ziehenzu können.Die gesamte Teilnehmerzahl belief sich auf 279 Personen, von denen allerdings nur etwa zwei Drittel in die Analyse eingehen, da zu Beginn des Projekts auch Personen aufgenommen wurden, die bereits seit einiger Zeit Sozialhilfebezogen hatten. Die Kriterien für die Auswahl von Personen aus dem Bestand der Sozialhilfebezieher waren nichteindeutig geregelt und dokumentiert. Qualitative Interviewsmit den zuständigen Sachbearbeitern haben ergeben, dass199diese gezielt auf Personen zugegangen seien, bei denen zuerwarten war, dass sie freiwillig an dem Programm teilnehmen würden. Im Vergleich zu Neueintritten in die Sozialhilfe ist die Bildung einer geeigneten Vergleichsgruppe fürdiesen Personenkreis daher praktisch nicht möglich.3 DatenbasisFür die Beurteilung des Maßnahmeneffekts sind Verlaufsdaten erforderlich, da sich der Erfolg zwangsläufig erst imAnschluss an die Maßnahme einstellen kann. Hier bestehtdas Problem, dass solche Informationen beim Sozialamt nurdann anfallen, wenn Personen im Anschluss an die Maßnahmenteilnahme wieder in die Sozialhilfeabhängigkeit zurückfallen. Eine Befragung von Teilnehmern und Nichtteilnehmern ist auf die Bereitschaft zur Befragungsteilnahme angewiesen, die in der Zielgruppe erfahrungsgemäß sehr geringist (vgl. beispielsweise Schneider et al. 2002). Daher wurdendie erforderlichen individuellen Erwerbsverlaufsinformationen aus den Geschäftsdaten der Bundesagentur für Arbeit(BA) genutzt und mit den Sozialamtsdaten gekoppelt. Hierfür wurden die so genannten Integrierten Erwerbsbiografien(IEB) verwendet (Jacobebbinghaus und Seth 2007). Die IEBenthalten exakte Informationen zu Beschäftigungs- und Arbeitslosigkeitsphasen sowie den entsprechenden Transferleistungen und Löhnen.Die Gruppe der Teilnehmer umfasst 189, die Gruppe derNichtteilnehmer 928 Personen. Bei den Nichtteilnehmernhandelt es sich um Personen im Alter von 18–25 Jahren, diezwischen September 2002 und August 2003 einen Antragauf Soziale im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf gestellthaben, aber nicht an der Maßnahme teilgenommen haben.Die Gruppe der Nichtteilnehmer enthält auch diejenigenPersonen, die bereits eine Stelle in Aussicht hatten und deshalb dem Programm nicht zugewiesen wurden. Diese Personen lassen sich nicht identifizieren, da eine entsprechendeInformation in den Sozialamtsdaten nicht festgehalten wurde. Der einfache Vergleich von Teilnehmern mit Nichtteilnehmern an „Arbeit Sofort!“ ist insofern zu Lasten der Teilnehmer verzerrt. Zudem können Personen, die für die Teilnahme an „Arbeit Sofort!“ ausgewählt wurden, dann abernicht zum Erstgespräch beim Projektträger erschienen, nichtidentifiziert werden, da eine entsprechende Erfassung in denSozialamtsdaten nicht vorgesehen war. Daher ist es nichtmöglich, potentielle Abschreckungseffekte zu ermitteln.Nicht in jedem Fall ist eine eindeutige Zusammenführung der Information aus den beiden Datenquellenmöglich, weshalb für einige der Teilnehmer und Nichtteilnehmer mehr als ein Konto in den Daten der BA zugespieltwurden. Vor Beginn der Datenanalyse wurden daher mehrdeutige Zuordnungen ermittelt und durch Plausibilitätsprü-

200fungen aus dem Datensatz ausgeschlossen.2 Aus der IEBwurden anschließend Verlaufsdaten zum Erwerbsstatus derTeilnehmer und Nichtteilnehmer generiert. Die Zielvariable„Ungeförderte Beschäftigung“ ist als Phase sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung definiert, während der diePersonen keine Leistungen von der Arbeitsagentur bezogenhaben, nicht als arbeitslos gemeldet waren und an keiner arbeitsmarktpolitischen Maßnahme teilgenommen haben. Wirbetrachten einen Zeitraum von bis zu 12 Monaten nach Eintritt in die Sozialhilfe, was bei einer Programmlaufzeit vonbis zu 6 Monaten bedeutet, dass wir die Ergebnisvariablefür jeden Teilnehmer somit für mindestens 6 Monate nachAustritt aus dem Programm „Arbeit sofort!“ beobachten.4 BefundeQualitative Interviews mit den Sachbearbeitern nach Abschluss des Projekts deuteten darauf hin, dass für den Zugang in die Maßnahme nicht ausschließlich die Auslastung der Programmkapazitäten entscheidend war. Dies bestätigt ein deskriptiver Vergleich verschiedener beobachtbarer Eigenschaften für Teilnehmer und Nichtteilnehmer. Sosind die Teilnehmer im Durchschnitt beispielsweise jünger,sie sind seltener verheiratet, haben eine schlechtere Schulausbildung und befanden sich vor Eintritt in die Sozialhilfe zu einem deutlich geringeren Anteil in Beschäftigung.3Die Voraussetzung für aussagefähige Schlussfolgerungenauf der Grundlage eines einfachen Vergleichs von Teilnehmern mit Nichtteilnehmern war somit nicht gegeben.Vergleicht man die Anteile der Personen zwischen Teilnehmern und Nichtteilnehmern miteinander, die nach 12Monaten beschäftigt sind, so zeigt sich, dass dieser Anteilunter den Teilnehmern an „Arbeit sofort!“ um ca. 2 Prozentpunkte geringer ausfällt. Da sich beide Gruppen allerdings in beobachteten und möglicherweise auch in unbeobachteten Eigenschaften unterscheiden, kann dieser Unterschied nicht als kausaler Effekt der Maßnahmenteilnahmeinterpretiert werden. Es ist daher notwendig, die a-prioriUnterschiede zwischen Teilnehmern und Nichtteilnehmernhinsichtlich der Wahrscheinlichkeit für die Aufnahme einerBeschäftigung in geeigneter Form zu berücksichtigen.4In einem ersten Schritt wenden wir Verfahren an, mitdenen wir für Unterschiede in beobachtbaren Eigenschaften kontrollieren können. Auf der Grundlage eines einfa2 Beispielsweise wurden Datensätze ausgeschlossen, die einen Verdienst aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung von mehr als30 am Tag während eines Sozialhilfebezugs auswiesen.3 Eine ausführliche Darstellung und Diskussion der Ergebnisse findetsich in Schneider et al. (2010).4 Für einen methodischen Überblick über entsprechende Verfahren siehe beispielsweise Lee (2005), Blundell und Dias (2009) oder Imbensund Wooldridge (2008).H. Schneider et al.chen Probit-Modells für die Beschäftigungswahrscheinlichkeit, bei dem selektionsrelevante Merkmale in die Schätzung eingehen, deutet sich im Gegensatz zum einfachen Vergleich der Ergebnisvariablen an, dass die Teilnahme an „Arbeit Sofort!“ die Beschäftigungswahrscheinlichkeit 12 Monate nach Eintritt in die Maßnahme erhöht. Mit 2,1 Prozentpunkten ist der Effekt allerdings nicht sehr groß undstatistisch auch nicht signifikant. Alternativ hierzu wendenwir ein Propensity Score Matchingverfahren an, das im Vergleich zum Probit-Modell nicht auf spezifischen parametrischen Annahmen beruht. Beim Matching wird durch die Bildung von statistischen Zwillingen dafür gesorgt, dass derVergleich der Teilnehmer nur mit Nichtteilnehmern erfolgt,die den Teilnehmern möglichst ähnlich sind.5 Der aus demMatching resultierende Punktschätzer ist wie beim ProbitModell positiv und beträgt 3,5 Prozentpunkte, ist aber ebenfalls nicht signifikant von 0 verschieden.Beide Methoden beruhen auf der Annahme, dass die Selektion in die Maßnahme aufgrund von beobachteten Merkmalen stattfindet. Die Ergebnisse der qualitativen Interviewsmit den Sachbearbeitern deuten jedoch darauf hin, dass fürdie Maßnahmenzuweisung auch Kriterien eine Rolle spielen, die in den verfügbaren Daten nicht abgebildet sind. Dazu zählen etwa Alkoholabhängigkeit, psychische Probleme,etc. Die Kontrolle einer Selektion auf Grundlage unbeobachteter Eigenschaften ist grundsätzlich möglich, wenn dieSelektion in die Maßnahme von einem exogenen Faktor abhängt, der nicht gleichzeitig einen Effekt auf die Zielvariablehat.In unserem Fall nutzen wir die Tatsache aus, dass dieWahrscheinlichkeit der Maßnahmenteilnahme von der Programmbelegung abhängt, da zu einem Zeitpunkt nicht mehrals 100 Personen an dem Programm teilnehmen konnten.Wir gehen davon aus, dass die Programmbelegung selbstkeinen kausalen Einfluss auf die späteren Erwerbschancenhat. Wir schätzen in einem bivariaten Probit Modell dieSelektion in „Arbeit sofort!“ gemeinsam mit der Wahrscheinlichkeit, nach 12 Monaten eine Beschäftigung zu haben. Die Programmbelegung wird hierbei in die Schätzungder Teilnahmewahrscheinlichkeit, nicht aber in die Schätzung der Beschäftigungswahrscheinlichkeit aufgenommen.In diesem Modell fällt der marginale Effekt sehr deutlichaus. Teilnehmer an „Arbeit Sofort!“ weisen demnach 12Monate nach Maßnahmebeginn eine um 27 Prozentpunktehöhere Beschäftigungswahrscheinlichkeit auf als Nichtteilnehmer. Die ökonomische Relevanz der Evaluationsergebnisse spricht für die Wirksamkeit des Workfare-Konzepts.Dennoch ist das Ergebnis aufgrund einer zu geringen Fallzahl aus rein statistischer Sicht nicht ausreichend belastbar. Ein Vergleich der Standardfehler des Maßnahmeneffektes im einfachen Probit Modell mit dem Standardfehler5 Einegute Übersicht über die Anwendung von Matching Verfahrengeben Caliendo und Kopeinig (2008).

Mit Workfare aus der Sozialhilfe? Lehren aus einem Modellprojektim Modell mit simultaner Selektionskorrektur zeigt, dassder Standardfehler im bivariaten Probit Modell deutlich höher liegt. Die hohe statistische Unsicherheit des Effekts erlaubt daher letztlich keine eindeutigen Schlussfolgerungenüber die Wirksamkeit des Workfare-Prinzips in dem vorgestellten Pilotprojekt, denn die Maßnahmenteilnahme hat keinen statistisch signifikanten Effekt auf die Beschäftigungswahrscheinlichkeit. Wie groß eine Stichprobe sein muss, damit eine Parameterschätzung als statistisch signifikant eingestuft werden kann, hängt im Wesentlichen von der Größedes betrachteten Parameters und dessen Stichprobenvarianzab. Ließe sich die Kovarianz im Rahmen einer MaximumLikelihood Schätzung anhand der Hesse-Matrix bestimmen,müsste der Umfang bei der vorliegenden Parameter Konstellation mindestens zweimal so hoch sein. Da wir robusteStandardfehler berechnen dürfte der Fallzahlbedarf tendenziell sogar noch darüber liegen.Die gestiegene statistische Unsicherheit verdeutlicht denPreis, der aus einem inkonsequenten Projektdesign resultiert. Die prinzipielle Möglichkeit, mit Hilfe von ökonometrischen Verfahren für Selektionsverzerrungen zu kontrollieren, wird neben der Abhängigkeit von der Gültigkeit dergetroffenen Annahmen mit einer erhöhten Parameterstreuung erkauft, was die Aussagefähigkeit der Ergebnisse starkbeeinträchtigen kann. Derartige Methoden erfordern in derRegel beträchtlich höhere Fallzahlen als sie im Rahmen vonModellprojekten üblicherweise zur Verfügung stehen.5 SchlussfolgerungenIn unserem Projekt geht es um die Frage, ob die Anwendung des Workfare-Prinzips dazu geeignet ist, die Anreizprobleme der Grundsicherung zu überwinden. Das Ergebnis spricht dafür, dass das Modellprojekt „Arbeit sofort!“die Beschäftigungswahrscheinlichkeit der Teilnehmer erhöht hat, allerdings werden die üblichen statistischen Signifikanzkriterien auf der Grundlage der verwendeten Daten verfehlt. Dies zeigt, dass insbesondere bei Modellprojekten mit kleinen Fallzahlen die ex-ante-Strategie einer zufälligen Programmzuweisung deutliche Vorteile gegenüberder ex-post-Strategie einer statistischen Selektionskorrekturaufweist.Im Gegensatz zu aufwändigen ökonometrischen Modellen liefern soziale Experimente selbst bei geringen Fallzahlen einfache und glaubwürdige Schätzungen von Programmeffekten und vermeiden die Abhängigkeit von statistisch nicht überprüfbaren Annahmen (Ashenfelter 1987).Die Durchführung eines Modellprojekts als soziales Experiment erfordert dabei nicht unbedingt eine strikte Zuweisung im Rahmen eines Zufallsverfahrens. In der Praxiskönnen beispielsweise auch Kapazitätsbeschränkungen alsquasi-zufälliger Zuweisungsmechanismus genutzt werden,201wie sie im hier vorgestellten Modellprojekt vorlagen. Allerdings dürfen dabei keine Ermessensspielräume zum Tragenkommen. Es müsste sicher gestellt sein, dass alleine die Kapazitätsauslastung für die Teilnahme an der Maßnahme entscheidend ist und keine Selektion der Teilnehmer stattfindenkann.Gleichwohl sollten soziale Experimente nicht als Königsweg betrachtet werden. Ihren Vorteilen stehen auch Nachteile gegenüber. Dazu gehören relativ hohe Kosten, ethischeBedenken, mögliche Substitutions-, sowie Dropout- undRandomisierungsverzerrungen (siehe bspw. Burtless 1995oder Heckman und Smith 1995). Höhere Kosten entstehendabei vor allem durch die Implementierung einer zufälligenZuordnung von Personen in Teilnehmer- und Kontrollgruppen beispielsweise durch Mitarbeiterschulungen. SozialeExperimente finden oftmals bei kleinen und spezifischenProgrammen für bestimmte Zielgruppen Anwendung, diesich in der Ausgestaltung von größeren Programmen unterscheiden. Den Nachteil von mikroökonometrischen Verfahren, die sich im Regelfall auf die Messung des Programmeffekts für die Teilnehmer beschränken und damit Erkenntnisse über allgemeine Gleichgewichtseffekte vernachlässigen,können auch soziale Experimente nur bedingt überwinden.Moffitt (2004) kommt daher zu dem Schluss, dass sozialeExperimente mikroökonometrischen Ansätzen nicht generell überlegen seien, sondern sich die Ansätze vielmehr ergänzen können.6 Es bleibt allerdings festzuhalten, dass inder deutschen Arbeitsmarktpolitik experimentelle Designsin bisher viel zu geringem Maße Anwendung finden.Insbesondere bei der Durchführung von Modellprojektenmit üblicherweise kleinen Fallzahlen sollte daher der Aspekteines erkenntnisorientierten Projektdesigns eine hohe Priorität haben. Die Durchführung von Modellprojekten ohneChance auf Erkenntnisgewinn stellt eine Vergeudung vonChancen und Ressourcen dar. Für die arbeitsmarktpolitischePolitikberatung benötigen wir dringend Erkenntnisse überinnovative Modellprojekte, die auf klaren experimentellenDesigns beruhen.Danksagung Wir danken einem anonymen Gutachter und dem Herausgeber für hilfreiche Kommentare. Für ihre finanzielle Unterstützungim Rahmen des Schwerpunktprogramms „Flexibilisierungspotenzialebei heterogenen Arbeitsmärkten“, Teilprojekt ZI 302/7-1 danken wirder Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die Autoren dankenferner den Mitarbeiter des Sozialamtes Berlin-Charlottenburg sowiedes Instituts für Arbeitsmarktforschung und Berufsforschung für ihreUnterstützung, Jan Stuhler für seine Mitarbeit und Friedrich-WilhelmDopatka, ehemals Staatsekretär im Berliner Senat, für seine Unterstützung bei der Initiierung dieser Evaluationsstudie.6 Fürjüngere und teilweise kontroverse Beiträge zu Nutzen und Grenzen von experimentellen Designs in der empirischen Wirtschaftsforschung siehe beispielsweise Deaton (2009) und Angrist und Pischke(2010).

202LiteraturAngrist, J., Pischke, S.: The credibility revolution in empirical economics: how better research design is taking the con out of econometrics. J. Econ. Perspect. 24(2), 3–30 (2010)Ashenfelter, O.: The case for evaluating training programs with randomized trials. Econ. Educ. Rev. 6, 333–338 (1987)Blundell, R., Dias, M.C.: Alternative approaches to evaluation in empirical microeconomics. J. Hum. Resour. 44, 565–640 (2009)Bonin, H., Schneider, H.: Workfare: eine wirksame alternative zumkombilohn. Wirtschaftsdienst 86, 645–650 (2006)Bonin, H., Falk, A., Schneider, H.: Workfare – Praktikabel und gerecht.Ifo-Schnelld. 4, 33–37 (2007)Boockmann, B., Thomsen, S.L., Walter, T.: Intensifying the use of benefit sanctions – an effective tool to shorten welfare receipt andspeed up transitions to employment? IZA Discussion Paper 4580(2009)Brenke, K., Ziemendorff, J.: Hilfebedürftig trotz Arbeit?: Kein Massenphänomen in Deutschland. Wochenber. - Dtsch. Wirtschaftsforsch. 4, 33–40 (2008)Burtless, G.: The case for randomized field trials in economic and policy research. J. Econ. Perspect. 9, 63–84 (1995)Caliendo, M., Kopeinig, S.: Some practical guidance for the implementation of propensity score matching. J. Econ. Surv. 22, 31–72(2008)Christofides, L.N.: Social assistance and labour supply. Can. J. Econ.33, 715–741 (2000)Deaton, A.: Instruments of development: randomisation in the tropicsand the search for the elusive keys to economic development.Proc. Br. Acad. 162, 123–160 (2009)Falk, A., Huffman, D.: Studying labor market institutions in the lab:minimum wages, employment protection and workfare. J. Inst.Theor. Econ. 163, 30–45 (2007)Heckman, J.J., Smith, J.: Assessing the case for social experiments. J.Econ. Perspect. 9, 85–110 (1995)Imbens, G., Wooldridge, J.: Recent developments in the econometricsof program evaluation. J. Econ. Lit. 47, 5–86 (2008)Jacobebbinghaus, P., Seth, S.: The German integrated employment biographies sample IEBS. Schmollers Jahrb. Wirtsch.- Soz.wiss. 127,335–342 (2007)Lee, M.-J.: Micro-Econometrics for Policy, Program and Treatment Effects. Oxford University Press, Oxford (2005)Moffitt, R.A.: The role of randomized field trials in social science research: a perspective from evaluation of reforms of social welfareprograms. Am. Behav. Sci. 47, 506–540 (2004)Ochel, W.: Welfare to work in the U.S.: A model for Germany? Finanzarchiv 59, 91–119 (2003)Schneider, H., Lang, C., Rosenfeld, M.T.W., Kempe, W., Kolb, J.: Anreizwirkungen der Sozialhilfe auf das Arbeitsangebot im Niedriglohnbereich. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden (2002)Schneider, H., Uhlendorff, A.: Transitions from welfare to employment: does the ratio between labor income and social assistancematter? Schmollers Jahrb. Wirtsch.- Soz.wiss. 125, 51–61 (2005)Schneider, H., Uhlendorff, A., Zimmermann, K.F.: Ökonometrie vs.Projektdesign: Lehren aus der Evaluation eines Modellprojektszur Umsetzung des Workfare-Konzepts. Mimeo (2010)Hilmar Schneider studierte Sozialwissenschaften und Volkswirtschaftslehre an der Universität Frankfurt/Main. Im Anschluss an seinsozialwissenschaftliches Diplom arbeitete er von 1983 bis 1987 alswissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich „Mikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik“. Nach seiner Promotion zum Dr. rer. pol. war er von 1987 bis 1993 Hochschulassistent am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Frankfurt/Main. 1994 übernahm er die Leitung der Abteilung ArbeitsmarktH. Schneider et al.am Institut für Wirtschaftsforschung Halle. In diesem Rahmen verbrachte er 1998 einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt als Visiting Scholar am World Economy Laboratory des Massachusetts Institutes of Technology (MIT). Im Juli 2001 wechselte er als Direktor fürArbeitsmarktpolitik zum IZA. Darüber hinaus ist er seit 2002 ResearchAffiliate des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). 2007 habilitierte er sich an der TU Darmstadt im Fach Volkswirtschaftslehre. Von 2006 bis 2007 war er Mitglied im Rat für Sozial- undWirtschaftsdaten und seit 2007 ist er Mitglied der Zensuskommission.Seine Forschungsschwerpunkte umfassen neben der Arbeitsmarktpolitik unter anderem Fragen der Sozialen Sicherung, der Lohnpolitik undder Demografie. E-Mail: schnei

stellung direkt an den Projektträger vermittelt, wo am sel-ben Tag ein Erstgespräch stattfand. Teilnehmer und Pro-jektträger schlossen einen Praktikantenvertrag ab, wobei es sich um ein versicherungspflichtiges Beschäftigungsverhält-nis handelte, das auf maximal 6 Monate befristet war. Die Tei