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November-RundbriefSo, hier ist endlich mein erster Rundbrief. Bitte entschuldigt, dass ihr nicht schon früher von mirgehört habt, aber es war von Anfang an einfach so viel los hier. Es wird mir wirklich nie langweilig.Zunächst möchte ich mich aber bei euch allen bedanken, die Ihr mich finanziell, mit Gebeten undGedanken während meiner Zeit hier in Afrika unterstützt. Dann fange ich mal von vorne an.Ich bin jetzt schon 3 Monate hier in Offinso, einer Stadt in Ghana in der Ashanti Region. Wie schnelldie Zeit vergeht. Die ersten 2 Monate hatte ich so gut wie nie Heimweh, mittlerweile schon einbisschen.Wie einfach es doch in Deutschland für mich war. Essen was ich will, eine Dusche, keineWasserausfälle, in Folge dessen man das Wasser mit dem Eimer holen muss, kein Stromausfall unddie damit verbundene Dunkelheit am Abend, einfach die Wäsche in die Waschmaschine stopfenohne alles mit der Hand zu schrubben. Manchmal vermisse ich einfach das gewohnte Deutschland:geteerte Straßen, normaler Verkehr. Hier ist der Verkehr ziemlich chaotisch. Ein bisschen nach demMotto, wer am lautesten hupt, der hat Vorfahrt. Ich vermisse das deutsche Essen, hier isst manziemlich viel Mais und Reis in verschiedenen Zubereitungsvarianten. Und natürlich vermisse ichmeine Freunde und Familie. Hört sich aber jetzt alles tragischer an, als es ist. Ich habe mich darangewöhnt. Es sind die kleinen Momente, in denen nicht alles gut ist, dass ich dann ein bisschenHeimweh bekomme.Hier im Konvent bin ich nicht alleine, es leben noch 7 Schwestern, 4 Schwesternschülerinnen, 2 netteSchülerinnen von der angeschlossenen Schule, eine Köchin und 2 weitere Deutsche Freiwillige, Leaund Simone, mit denen ich mich angefreundet und schon viel unternommen habe. Aber davonnachher mehr. Leider werden die beiden schon im Dezember wieder zurückgehen. Dann gibt es auchnoch die Lehrer und Schüler in der Schule und die Internatsschüler. Also ich bin hier nie alleine, wennich es nicht sein will.Die Schule ist mein Arbeitsplatz. Es gibt hier eine Primary School und eine Junior High School.Zurzeit bin ich in der2. Klasse. Ich schauebeim Unterricht zu,korrigiere Tests undtausche mich aus mitdem Lehrer Sr.Vincent. Manchmalhelfe ich ihm auchbeim Unterrichten.1

Vorher habe ich in der Nursurygearbeitet, mit 2 weiterenLehrerinnen Madam Emilia undMadam Sahra. Die 35 Kinder dortsind im Alter von 1 – 4 Jahren wieim Kindergarten, nur dass nichtgespielt, sondern unterrichtetwird. Sie lernen das ABC, dieZahlen von 1-20, Früchte, Tiereund Lieder in Englisch. DieKommunikation war etwasschwierig, denn die Kindersprechen ihre MutterspracheTwi, die ich nicht verstand. Daswar auch der Grund, weshalb ichgewechselt habe. Die Zeit mitihnen war schön, aber wenn man35 kleine Kinder um sich herumhat, ist es nicht immer einfach.Danach besuchte ich 2 Tage die 5. Klassen, wo ich jetzt viele Freunde habe, die immer mit mir spielenwollen. Die 2 Tage waren allerdings in der Woche der Zwischenexamen. Also konnte ich nicht so vielvom Unterricht mitbekommen. Aber das werde ich nachholen. Alle Schüler schreiben hierZwischenexamen in jedem Term. Das Jahr ist unterteilt in 3 Terme.Was mich belastet ist, dass in der Schule hier mit dem Stock geschlagen wird, wenn die Schüler zumBeispiel nicht einer Aufforderung folgen, wenn ihre Noten zu schlecht sind oder wenn sie die falscheUniform am falschen Tag tragen. Es gibt auch noch andere Strafen, wie sich auf den Boden knien und15 min einen Stuhl über den Kopf halten, wenn man mit dem Stuhl gespielt hat. Wenn die Schuhenicht sauber sind oder die falsche Farbe haben, bekommt man einen Schuh abgenommen undbekommt ihn erst am Ende des Schultages wieder. Sind die Haare zu lang, ab der 3 Klasse müssenalle Kinder hier ca. 2 cm kurze Haare tragen, bekommen sie einen Schuh abgenommen oder es wirdihnen mit der Schere ein Kreuz in die Haare geschnitten an der Stelle, wo sie zu lang sind und siemüssen nach der Schule zum Friseur gehen. Das alles machen die Lehrer bei der alltäglichenMorgenversammlung um 8.00 Uhr. Es wird auch immer noch der Rosenkranz gebetet und imAnschluss marschieren die Schüler im Takt der Trommel in die Klassen.Nachmittags habe ich Freizeit, in der ich meistens mit den Internatsschülern draußen sitze. Oder ichgehe mit ihnen, zusammen mit den anderen Freiwilligen, in den Physio-Center, einem Raum extra fürdie behinderten Internatsschüler mit Trainingsgeräten und viel Spielzeug. Allerdings wird er von denSchwestern nur noch sehr selten genutzt, weswegen wir oft das Angebot nutzen und mit denInternatskindern dort hingehen, um sie spielen und bewegen zu lassen.Auf dem Gelände wohnen die behinderten Schüler in einem separaten Haus Dann gibt es noch dasKonvent, die 2 Schulen, eine Essenshalle mit Küche, eine kleine Kioskhalle, Toilettengebäude, eineBäckerei und ein Waschhaus. Die nicht behinderten Internatsschüler wohnen in Räumen in derSchule. Das sind allerdings nur 10 Schüler, etwa 30 Schüler sind mit Behinderung. Um 4 Uhr morgens2

fängt der Tag der nicht behinderten Internatsschüler an. Dann heißt es Beten, Waschen, Frühstückenund Lernen in der Schule bis 3 Uhr. Nach der Schule gibt es das gleiche Programm für sie, also Betenund Abend essen. Die Schule und vor allem die behinderten Schüler werden von “Kite“ gefördert,einer Organisation aus Mönchengladbach.Die Internatsschüler, 2 Schülerinnen die auf den Bus warten, Lea, Simone und ich.Manchmal machen wir, also Lea, Simone und ich, Aktionen für die Schwestern und dieInternatsschüler. Wir haben schon Möhren-Ingwer Suppe für die Schwestern gekocht undBananenbrot gebacken. Das war gar nicht so einfach. Zuerst wollten wir Kartoffelsuppe zubereiten,haben dann aber auf dem Markt festgestellt, dass es hier nur Süßkartoffeln gibt. Da wir nichtwussten, ob das damit auch schmeckt und weil wir etwas Deutsches kochen wollten, haben wir unsdann für Möhrensuppe mit Ingwer entschieden. Am Ende war sie zwar nicht ganz deutsch, weil wirnoch Kokosnuss dazu gaben und mehr Pfeffer als normal, aber nun ja. Hier ist man gerne sehr scharf.Wir haben mit dem Gasherd gekocht, wodurch es noch mal länger gedauert hat. Zudem gab es auchkeinen Gemüseschäler für die Möhren, deswegen haben wir dann mit dem Messer geschält. So waswie einen Pürierstab gibt es auch nicht, aber man kann ja auch einen Smoothie Mixer nehmen.Insgesamt haben wir 3,5 Stunden gebraucht. Aber den Schwestern hat es geschmeckt und das war jadie Hauptsache. So ähnlich war es auch mit dem Bananenbrot, nur dass hier das größte Problem derOfen war. Es war ein Gasofen und keiner von uns hatte je zuvor einen Gasofen benutzt. DeswegenDie Schwestern beim Suppeessen. Von links nach rechts.Sr. Denis.Sr. SteveSr. Jennetrix3Sr. Josephin,

mussten uns die Schwestern helfen.Generell sind die Ghanaer sehr gläubig. Die meisten sind Christen, es gibt aber auch viele Muslime.Beide Religionen leben aber friedlich zusammen.Im Konvent sind wir Freiwillige nicht verpflichtet, zum Stundengebet zu gehen. Es gibt einMorgengebet um 5 Uhr und am Abend ein Gebet um 18 Uhr. Beide dauern jeweils eine Stunde. Um17 Uhr vor dem Abendgebet ist noch 1 Stunde Anbetung. Die Schwestern versammeln sich hierzuauch schon in der Kapelle. Um 20 Uhr nach dem Abendessen ist Nachtgebet.Verpflichtend ist es allerdings am Sonntag in die Kirche zu gehen. Aber hier geht eigentlich jederGhanaer in die Messe.Ich besuche meistensmit den zwei anderenFreiwilligen die Messeder Krankenschwesterschüler. In Offinso gibtes ein großesKrankenhaus mit einerSchule für dieangehendenKrankenschwestern.Diese Messe isterfreulicherweise erstum 9 Uhr. Die anderenzwei katholischenMessen beginnenbereits um 6:30 Uhrund um 7 Uhr.Die Sonntagsmessen dauern in der Regel 3 Stunden. Grundsätzlich sind Gottesdienste hier länger.Das liegt an den vielen Gesängen, Tänzen und an den vielen Messebesuchern. Alle tausendKrankenschwester-Schülerinnen sind verpflichtet, zur Messe zu gehen. Damit erklärt sich auch, dassdie Kollekte, bei der die Tausend Schüler tanzend nach vorne gehen und das Geld abgeben, schonmal 20 Minuten dauert.Mir gefällt die Kirche hier sehr gut. Die Lieder sind schön und meistens mit einem Rhythmus, denman gerne mitklatscht. Das Tanzen gefällt mir auch gut. Die Lieder sind auf Englisch oder Twi und dieMesse ist auf Englisch. Zur Kommunion gehen aber nur recht Wenige. Am Ende werden alle, dieGeburtstag oder Namenstag haben, nach vorne gerufen und mit Weihwasser gesegnet, da dieNamenstage eine höhere Priorität als Geburtstage haben. Ansonsten ist die Messe so aufgebaut wiedie Deutsche.4

Hier haben viele GhanaerSchmucknarben im Gesicht,so genannte „tribal marks“.Eine Tradition, die es imNorden des Landes gibt. JedeFamilie hat unterschiedlicheMusterungen von Narben imGesicht, manche nur eine aufder Wange, manche 2 aufbeiden Wangen oder ganzandere Musterungen. DieNarben bekommen sie imAlter von einer Woche vonihren Familien zugefügt.Früher waren sie vor allem dazu gedacht, die Familienangehörigen wieder zusammenführen zukönnen, wenn sie verschleppt und versklavt wurden. Heutzutage ist es verboten, die Kinder mit denNarben zu zeichnen und es wird gegen diese Tradition demonstriert, da sie gegen Menschenrechteverstößt. Trotzdem sehe ich noch viele Menschen mit den Narben.An einem Wochenende haben wir ein Fußballturnier für die Internatsschüler durchgeführt und mitihnen Pizza gebacken. Das Fußballturnier war ein voller Erfolg und die Kinder freuten riesig über dieSüßigkeiten und die Fußballschuhe, die es am Ende als Preise gab. Es war sehr schön mit anzusehen,wie sie sofort die Schuhe ausprobiert haben und dabei gut teilen konnten. Ein Junge bekam denrechten Schuh, ein anderer den linken.Die Pizzaback-Aktion am Sonntag hat den ganzen Tag eingenommen. Wir sind erstmal auf den Marktgegangen, um alle Zutaten zu kaufen, was für 40 Personen gar nichts so wenig ist. Zudem gibt es aufdem Markt auch keine Maßeinheiten wie kg, es wird alles geschätzt, was das Einkaufen der richtigenMenge erschwert. Danach den Teig erstellen, Zutaten schneiden, Bleche spülen, Teig ausrollen, wasgar nicht so einfach ist ohne Nudelholz. Dann durften die Internatskinder die Pizza belegen, diemeisten haben es zum ersten Mal gemacht und waren dementsprechend ein bisschen ratlos, was sie5

als nächstes machen sollten. Auch Käse haben manche zum ersten Mal gegessen, weil er hierziemlich teuer ist und man ihn nur an bestimmten Orten kaufen kann. Nach dem Essen noch allessaubermachen und dann waren wir am späten Abend endlich fertig. Die Kinder haben sich riesiggefreut. Deswegen war es die Arbeit wert.Auch habe ich schon Reisen und Ausflüge gemacht. Ich war zusammen mit den anderen Deutschenim Regenwald, unternahmen eine Tour und konnten Affen beobachten.An einem Wochenende sind wir zu 3 Handwerksdörfern gefahren, wo Kente und Adinkra Stoffehergestellt werden. Kente sind per Hand gewebte Stoffe mit vielen verschiedenen Mustern undFarben. Deswegen sind sie auch sehr teuer und war früher nur für den König bestimmt. Jede Regionhier hat übrigens immer noch einen König, der ab und zu in der Öffentlichkeit auftritt. Die AdinkraStoffe sind mit Symbolen bedruckt, die für unterschiedliche Bedeutungen stehen. So sind beideStoffe sehr symbolhaltig und wenn man sie trägt, vermittelt man damit den Menschen um sichherum Botschaften.6

Zusammen mit einer anderen Freiwilligen waren wir in der Western Region. Zuerst in Busua, demStranddorf in Ghana, dann in Axim, einem schönen Fischerdorf mit Traumstrand und in Beyin, wo wirein Stelzendorf besichtigen konnten. Die Kanutour dahin hat ein Stück durch den Dschungel geführt.Die zweite Reise hat mich nach Cape Coast, Elmina, Saltpoint und Winneba gebracht, was alles in derCentral Region liegt und wie die anderen Städte auch an der Goldküste Ghanas, also am AtlantischenOzean. Cape Coast und Elmina haben sehr große Sklavenburgen. Winneba ist eine großeStudentenstadt, weswegen wir dort auch viele am Strand trafen. Am Reisen finde ich nicht nur schön,dass man viele neue Orte kennenlernt, sondern auch dass man viele andere Freiwillige undGhanaer/innen trifft und sich mit ihnen unterhalten kann.Cape Coast Castle und Elmina mit Blick auf die Elmina Castle.Der Strand von Axim und im Hintergrund Fischer bei ihrer Arbeit.So, das war es von mir erst einmal. Ich hatte vergessen zu erzählen, dass es mir hier gut geht unddass ich außer von einer Erkältung und vielen Moskitostichen noch von keinen größeren Krankheitenberichten muss. Bis dann und liebe Grüße aus Namong.7Alisa

fängt der Tag der nicht behinderten Internatsschüler an. Dann heißt es Beten, Waschen, Frühstücken und Lernen in der Schule bis 3 Uhr. Nach der Schule gibt es das gleiche Programm für sie, also Beten und Abend essen. Die Schule und vor allem die behinderten Schüler werden von “Kite“ gefördert,