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Leitfaden Endrass 3 Auflage25.qxp Layout 1 17.06.19 11:40 Seite 1Leitfadenzur Diagnostik und Therapieder ADHS im Erwachsenenalterin der neuropsychiatrischen Praxisinklusive derneuen S3-LeitlinieDr. med. Günther Endrass ist Facharzt für Psychiatrieund Facharzt für Neurologie und seit 1994 in Grünstadtin einer neurologisch-psychiatrischen Gemeinschaftspraxis niedergelassen. Seit dem Jahr 2000 besteht einPraxisschwerpunkt in der Diagnostik und multimodalenTherapie der ADHS im Erwachsenenalter.3. AuflageAutor:Dr. Günther Endrass,Grünstadt

Leitfaden Endrass 3 Auflage25.qxp Layout 1 17.06.19 11:40 Seite 3VorwortLiebe Kolleginnen, liebe Kollegen,noch immer wird ADHS ) bzw. ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Störung) überwiegend als eine typische Krankheit von Kindern und Jugendlichenangesehen. Dabei dauern die Symptome in unterschiedlicher Ausprägung bei 50 – 70 % derBetroffenen bis ins Erwachsenenalter an, gelegentlich sogar bis ins Seniorenalter. Mit der Veröffentlichung der ADHS S3-LL 2018, an der ich als Vertreter der BVDN teilgenommen habe, wirddie Kommunikation mit Patient und Beteiligten sicher erleichtert. Hier können Sie die S3-Leitliniedownloaden: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/028-045.htmlDa eine ADHS für die Patienten immer mit Beeinträchtigungen verbunden ist, muss dieErkrankung zuverlässig diagnostiziert und behandelt werden. Das ist mit einem gewissenAufwand verbunden. Dieser Aufwand lohnt sich aber immer durch den Gewinn an Lebensqualitätfür den Patienten und oft durchgreifende Verbesserung der Behandlung scheinbar therapierefraktärer, aber zunächst im Vordergrund stehender, häufiger komorbider Störungen. NachErfahrung vieler Kolleginnen und Kollegen, ist die Behandlung von motivierten ADHS-Patienteneine ärztlich sehr befriedigende Arbeit mit oft mehr Erfolgen, als bei anderen psychiatrischpsychosomatischen Störungsbildern.Für die zahlreichen Hinweise bei der Erstellung dieses Leitfadens möchte ich mich erneut beimeiner früheren Kollegin Frau Dr. Alm, Oberärztin der ADHS-Ambulanz am Zentralinstitut fürSeelische Gesundheit, Mannheim, bedanken. Dieser Leitfaden soll den Kenntnisstand über ADHSerweitern und Orientierungshilfe durch die Diagnose- und Therapievielfalt für den Alltag derneuropsychiatrischen Praxis sein. So können betroffene Patienten frühzeitig erkannt und besserbehandelt werden. Der Leitfaden soll gleichzeitig das Bewusstsein dafür schärfen, dass sichhinter vielen psychiatrischen Störungen wie z. B. Depression, eine ADHS verbergen kann.Bei der oft notwendigen medikamentösen Behandlung komorbider Störungenist zu beachten (siehe auch Abschnitt 6), dass die gegebenen Hinweise Ausdruckpersönlicher Erfahrung einer seit dem Jahre 2000 bestehenden umfangreichenADHS-Praxis sind und keinen rechtlichen Empfehlungscharakter haben. Aufgrundzulassungsrechtlicher und systemimmanenter Gründe gibt es nur wenige Studien zurmedikamentösen Kombinationsbehandlung mit Methylphenidat, obwohl diese – wie häufig imneuropsychiatrischem Praxisalltag – notwendig und erfolgreich sind.Des Weiteren ist aus kassenrechtlichen Gründen bei der Verordnung derartigerPräparate unbedingt auf die entsprechende zusätzliche ICD-10-Codierung zuachten. So z. B. bei der medikamentösen Therapie depressiver Störungen mit AntidepressivaF 32 bzw. F 33 oder F 34.1; oder bei entsprechenden Zwangssymptomen z. B. F 42.2.Ich hoffe, Ihnen mit diesem Leitfaden eine größere Sicherheit im Umgang mit dem KrankheitsbildADHS im Erwachsenenalter zu vermitteln und Ihren Praxisalltag zu erleichtern.Ihr Dr. Günther EndrassVorsitzender BVDN Rheinland-Pfalz (www.bvdn.de)Vertreter des BVDN im Beirat des Zentralen ADHS-Netzes (www.zentrales-adhs-netz.de)Referat ADHS BVDN1

Leitfaden Endrass 3 Auflage25.qxp Layout 1 17.06.19 11:40 Seite 5Teil IDiagnose der ADHS im ErwachsenenalterDie Diagnose einer ADHS im Erwachsenenalter ist eine klinische Diagnose. Sie wirdaufgrund eines Interviews mit dem Patienten und des darin erhobenen aktuellenpsychopathologischen Befundes, der anamnestisch eruierbaren Symptome und desVerlaufs mit Beginn in der Kindheit, gestellt.2. Diagnosetools:Nutzung von IDA-R (Integrierte Diagnose der ADHS) und HASE (Homburger ADHS-Skalenfür Erwachsene).In 4 Schritten zur Diagnose1ADHS - Screener (WHO)„Setzen Sie ergänzend zum Interview, zur strukturiertenErhebung und Erfassung der Symptome und zur Dokumentation Fragebögen ein. Verhaltensbeobachtungen während testpsychologischer Untersuchungen können ergänzende Hinweise auf das Vorliegen einer ADHS-Symptomatik liefern. ADHS-Symptome müssen jedoch nicht notwendigerweise während der Untersuchung auftreten.Selbstbeurteilungsverfahren verbreitern die Informationsbasis, sind für die Diagnose aber alleine nicht ausreichend.ENDEnegativpositiv2Diagnose in der Kindheit gestellt?positivnegativnegativKindliche ADHSSymptome beurteilenpositiv3DSM - V Kriterien beurteilennegativ4IntegrierteDiagnoseder ADHS(IDA-R) imErwachsenenalterIDA-R – Diagnosebögen.Die Diagnose der ADHS imErwachsenenalter in derallgemeinpsychiatrischenPraxis.W. Retz, P. Retz-Junginger, M. RöslerUniversitätsklinikum des Saarlandes –Neurozentrum,Homburg/Saar, 2012Diagnose ADHSVorgehensweise:Übersicht1. Eingangssituation der fachärztlichen Vorstellung:a) Erwachsener, bisher wegen AD(H)S beim Kinderarzt, Hausarzt oder KJP in Behandlung.Frage: Braucht der Patient noch eine Medikation (Methylphenidat?/ Andere?)Wer verschreibt es? Hat eine Veränderung der Symptomatik stattgefunden? WelcheVorbehandlungen sind erfolgt? Download Transitionsbögen: www.expertenrat-adhs.deb) Red Flag: Primäre vorangegangene medikamentöse und/oder pychotherapeutischeTherapie wegen Depression, Angst, Zwang, PTSD, Borderline, Substanzmissbrauch,sozialen Verhaltensstörungen ohne Therapiefortschritte oder drohender Abbruch –Komorbidität?2Sofern es sich um einen Patienten des Typs b) handelt, ist es hilfreich, in einemnächsten Schritt dessen biographische Daten mit Funktionseinbußen zu erheben:Schule, Ausbildung, Beruf, soziale Beziehungen, Partnerschaft, Elternrolle, Finanzen,Straßenverkehr. Je nach Verlauf lässt sich anhand dieser Erkenntnisse der Verdachteiner ADHS stützen oder ausschließen.DiagnostikSkalaMethodeItemsStufe 1Kindliche -Scale)250 - 4 SkalierungHomburgerADHS-Skalenfür Erwachsene(HASE)Stufe 2aDSM - V KriterienADHS-DC (Diagnose Checkliste)Fremdenbeurteilungdurch trainiertenExperten220 - 3 Skalierungmodifiziert nach:M. Rösler, P. Retz-Junginger,W. Retz, R.D. Stieglitz,Homburger ADHS-Skalenfür Erwachsene (HASE),Manual 2008Stufe 2bDSM - V KriterienADHS-SB (Selbstbeurteilung)Dieser Bogen eignet sich auch zurVerlaufsbeurteilung in der TherapieSelbstbeurteilung220 - 3 Skalierungwww.testzentrale.deBestellnummer: 01 369 01(Test komplett)Stufe 3Spezielle adulte ADHSPsychopathologieWRI (Wender-Reimherr-Interview)Interview durchtrainierten Experten280 - 2 SkalierungZusätzlich hilfreich: Zeugnisse mit Verhaltensbeschreibung der Grundschule3

Leitfaden Endrass 3 Auflage25.qxp Layout 1 17.06.19 11:40 Seite 73. BasisdiagnostikADHS – Klassifikation: ICD-10 und DSM-5Nicht für die ADHS Diagnose erforderlich, aber im Hinblick auf eine Medikation sinnvoll:a) Psychiatrische Begleiterkrankungen, einschließlich Tics, Suizidalitätb) Kontraindikationen für MPH-Therapie: Hyperthyreose, mittelgradige/schwere Hypertonie, unbehandelt, tachykarde Rhythmusstörungen / Kardiomyopathie / AP / Myokardinfarkt (FA Herzerkrankungen); Glaukom (ab 40 LJ Augenarzt), Patientinnen mitaktuellem Kinderwunsch / Schwangerschaft / Stillzeit; zerebrovaskuläre Erkrankungen,Substanzabhängigkeit, Psychose oder Manie, schwere Depression, Suizidneigung.Aufmerksamkeitsstörung Hyperaktivität ImpulsivitätICD-10Hyperkinetische Störung (HKS) F90.0 Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung F90.1 Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens F90.8 Sonstige hyperkinet. Störungsituationsübergreifendvor dem 7. Lebensjahr F90.9 Nicht näher bezeichnete hyperkinetische Störungc) Kardiovaskulärer Status, Blutdruck, Pulsd) Familienanamnese HerzerkrankungenAufmerksamkeitsstörunge) Körpergewicht, (EEG)ODERHyperaktivität ImpulsivitätDSM-5ADHS„Specifier“ Überwiegend unaufmerksam Überwiegend hyperaktiv-impulsivVergleich DSM-IV und DSM-5DSM-IVDSM-5Symptome sind vor dem 7. Lj. aufgetretenSymptome sind vor dem 12. Lj. aufgetretenJe 9 Kriterien aus den BereichenUnaufmerksamkeit und Hyperaktivität/Impulsivität wurden definiert18 Kriterien von DSM-IV wurden beibehalten6 von 9 Kriterien aus dem BereichAufmerksamkeitsdefizit und/oder Hyperaktivität/Impulsivität müssen erfüllt seinBei Personen ab 17 Jahren müssen 5 von 9Kriterien (bis 17 Jahre 6 von 9 Kriterien) ausdem Bereich Aufmerksamkeits-defizit und/ oderHyperaktivität/Impulsivität erfüllt seinADHS und Autistische Störung schließen sichausADHS und Autistische Störung schließen sichnicht ausAufteilung in SubtypenAufteilung in „Specifier“ – zusätzlich wird derSchweregrad angegeben (leicht, mittel, schwer)Restkategorie „ADHS not otherwisespecified“Restkategorien „Other specified ADHS“ und„Unspecified ADHS“Leitlinien ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen 20184situationsübergreifendvor dem 12. Lebensjahr Kombinierte Präsentation„Bei ADHS handelt es sich um eine dimensionale undnicht um eine kategoriale Diagnose. Dies bedeutet, dassviele Menschen wenig oder weniger ausgeprägte ADHSSymptome haben, ohne jedoch die Diagnosekriterien zuerfüllen und / oder im Alltag den entsprechenden Leidensdruck zu zeigen. Die Indikation zur Therapie wirdsomit bei Erfüllen von ICD 10 oder DSM V-Kriterien undentsprechenden klinisch bedeutsamen funktionellen Beeinträchtigungen gestellt.“5

Leitfaden Endrass 3 Auflage25.qxp Layout 1 17.06.19 11:40 Seite 9Teil IITherapie der ADHS im ErwachsenenalterDie Behandlung sollte immer mit einem multimodalen Therapieansatz erfolgen. Die Säulender multimodalen Therapie bestehen aus Psychoeduktion und – im Gegensatz zur Situation bei Kindern und Jugendlichen – im Erwachsenenalter einer Pharmakotherapie alsprimäre Behandlungsoption bei leichter, moderater und schwerer Symptomausprägung.Desweiteren Psychotherapie (vorrangig kognitive Verhaltenstherapie) und ergänzendeTherapien mit geringen Evidenzniveau, die entsprechend in den S3-LL dargelegt werden.Eine umfassende Psychoedukation soll stets alle weiteren therapeutischen Maßnahmenbegleiten. Sie dient vor allem der Aufklärung von Patienten und deren Angehörigen.Neben den Informationen zu ADHS und möglichen Komorbiditäten sollen den PatientenStrategien und Fertigkeiten zur Selbstregulation vermittelt werden, damit sie den Alltagbesser bewältigen können.Die multimodale TherapiePsychotherapie1. Keine absolute medikamentöse Behandlungsindikation2. Individuelle Behandlungsplanung abhängig vom Schweregrad der Symptomatik, psychosozialen Beeinträchtigungen undLebenssituation. Abwägen: Welches Problem ist erstrangig? Dieses zuerst behandeln. zur Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter sind derzeit 3 Substanzen zu Lasten zu Lasten der GKV verordnungsfähig (Auflistung entsprechend der Reihenfolge der Zulassung):- Methylphenidat (Medikinet adult, Ritalin adult)- Atomoxetin (Strattera , Agakalin )- Lisdexamphetamin (Elvanse adult )Behandlung komorbider ErkrankungenPharmakotherapieVorgehensweise:3. Zugelassene MedikamenteADHS e therapeutische Gesamtstrategie umfasst in der Regelpsychologische, soziale und auch pharmakologische Maßnahmen. Der Schwerpunkt liegt im Folgenden auf einer medikamentösen Therapie. Ob es eine medikamentöse Behandlunggibt, hängt maßgeblich vom Leidensdruck des Patienten ab.“ErgänzendeTherapien4. Aufgrund von Off-Label-Use-Prüfanträgen einzelner Krankenkassen in der Vergangenheit, sollte stets F90.xG kodiert werden(z.B. F98.8G aus KJP für unkonzentrierten Typus ADS vermeiden)Behandlungsplanung bei ADHSleichter Schweregradmittlerer SchweregradSelbsthilfegruppen, Angehörigenarbeitschwerer Schweregrad6Modifiziert nach S3-LL 2018: Trott GE. Therapie der ADHS bei Erwachsenen. ADHS-Gipfel; Hamburg 2012- primär psychosozial (einschließlich psychotherapeutisch)- in Einzelfällen Pharmakotherapiein Abhängigkeit von den konkreten Bedingungen des Patienten- eine intensivierte psychosoziale (einschließlich intensiviertepsychotherapeutische) Intervention- eine pharmakologische Behandlung- eine Kombination angeboten- primär Pharmakotherapie7

Leitfaden Endrass 3 Auflage25.qxp Layout 1 17.06.19 11:40 Seite 114. Differenzierende Merkmale von 2 derzeit zugelassenenSubstanzen (Stand 5/2019)MethylphenidatAtomoxetin5. Methylphenidat (z. B.Medikinet adult)a) Dosistitration: Beginn 5–10 mg Methylphenidat(Wirkstoff-Freisetzung: 50 % sofort, 50 % verzögert) Wöchentliche Dosissteigerung um 10 mg nach Effekt und NW Vorwiegend dopaminerg wirksam Zweimal tägliche Gabe, mit oder nacheiner Mahlzeit Sofortige Wirkung nach Einnahme(Wirkstoff-Freisetzung: 50 % sofort,50 % verzögert) Wirkdauer bei 2x täglicher Einnahmeca. 12 Stunden Verordnung auf BtM-Rezept Kann geeignet sein bei:- Rascher Wirksamkeitseintritt erforderlich (z. B. Prüfungen)- Schwerpunkt Wirksamkeit tagsübergewünscht- Abnormales EEG- Impulsivität- Bei nur gelegentlichem Substanzgebrauch ohne Abhängigkeit „lowrisk“ und Zuverlässigkeit bei Termineinhaltung8 Vorwiegend noradrenerg wirksam Einmal tägliche Gabe, nahrungsunabhängig allmählicher Wirkaufbau, Symptomverbesserung nach 1-4 Wochen feststellbar, weiterer Verbesserungen infolgenden Wochen Wirkdauer über den gesamten Tag Verordnung auf normalem Rezept Kann geeignet sein bei:- Wirksamkeit über den ganzen Tagerforderlich, auch am Abend (z. B.Kinder ins Bett bringen)- Soziophobische Symptomatik als Komorbidität oder assoziierte Symptomatik- Emotional-instabile Symptomatik- Bei Hinweisen auf Substanzabhängigkeit in der Vorgeschichte undunter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle „high risk“ Einnahme morgens und mittags im Abstand von ca. 6 Stunden nach einer Mahlzeit(nüchtern schnellere Resorption, mehr NW, verkürzte Wirkdauer)b) Kontrollen Anfangs alle 1–2 Wochen (NW, ADHS-SB) zur Verlaufsdokumentation in der Therapie Puls, RR bei jeder Dosisanpassung, dann alle 6 Monate, (EKG über Hausarzt) Basislabor,ab 40 LJ Überweisung Augenarzt (Glaukom) Körpergewicht, Appetit (Diagramm) Alle 12 Monate Medikationspause- Ritalin adult9

Leitfaden Endrass 3 Auflage25.qxp Layout 1 17.06.19 11:40 Seite 136. Atomoxetin (Agakalin , Strattera ) Empfohlene Tagesanfangsdosis:Täglich 2 x 5 mg. Erhöhung derMögliche Therapieschemata (Beispiele)Tagesdosis:Falls erforderlich inwöchentlichen Schrittenvon 10 mg.TagesdosisUhr10 mg20 mg40 mg60 mg80 mg16152 Einnahmen pro Tag,morgens und mittagsmit oder nach einerMahlzeit.141320:0012 Tageshöchstdosis:1110916:0087Wirkdauer Stunden Einnahmeempfehlung:max. 80 mg (2 x 40 mg)bzw. höchstens 1 mg/kgKörpergewicht.613:0054s. Fachinformation Medikinet adult, Abs. 4.2,Neueinstellung von Erwachsenen mit Medikinet adult.3217:000Tagesanfangsdosis2 x 5 mgMedikinet adult2 x 10 mgMedikinet adult2 x 20 mgMedikinet adult2 x 30 mgMedikinet adultTageshöchstdosis2 x 40 mgMedikinet adultFortführung / Neueinstellung der MPH-Therapiec) Auflagen Methylphenidat-Verordnung Strenge Einschätzung zur Schwere und Dauer Verschreibung auf BtM-Rezepten Langfristige Nutzen des Arzneimittels regelmäßig durch behandlungsfreien Zeitabschnittnach 1 Jahr neu bewerten. Weiterer Behandlungsbedarf? (EKG über Hausarzt)a) Dosistitration bei Erwachsenen: Beginn mit 10 – 18 mg. Zur Verbesserung der Verträglichkeit – insbesondere bei Pat.mit Hinweis auf CYP2D6 Poor Metabolizer – kann diese geringe Startdosis sinnvoll sein(trotz z. T. Fachinformationsempfehlung einer Startdosis 40 mg/Tag) Allmählicher Wirkaufbau, Symptomverbesserung i.d.R. innerhalb von 1 – 4 Wochenfeststellbar zweiwöchentliche Dosissteigerung entsprechend verfügbarer Dosisstärken (10 mg,18 mg, 25 mg, 40 mg) 60 mg, 80 mg, 100 mg und klinischem Bild* Einnahme i.d.R. einmal täglich morgens. Bei Nebenwirkungen kann eine Einnahme amAbend oder eine vorübergehende Aufteilung der Tagesdosis auf 2x tägliche Einnahmehilfreich sein. Einnahme nahrungsunabhängig. Bei Nebenwirkungen kann eine Einnahme mit derNahrung jedoch die Verträglichkeit erhöhen. 7 % der Kaukasier weisen einen Genotyp mit vermindert aktiven CYP2D6 auf (sog. PoorMetabolizer; typisch frühe NW schon bei geringen TZA-Antidepressiva Dosierungen).Da der Abbau von ATX über 2D6 erfolgt, könnte bei diesen Patienten eine geringereAnfangsdosis und eine langsamere Aufdosierung in Erwägung gezogen werden. Bei streng zu prüfender Begleitmedikation mit CYP2D6-Inhibitoren (z.B. Fluoxetin,Paroxetin, Metoprolol) ist eine langsameres Aufdosieren und eine geringere Erhaltungsdosis notwendig, da Atomoxetinspiegel erhöht werden können.b) Kontrollen Anfangs alle 1–2 Wochen (NW, ADHS-SB) zur Verlaufsdokumentation in der Therapie Puls, RR, EKG vor Behandlungsbeginn, bei jeder Dosisanpassung, dann alle 6 Monate,Basislabor, ab 40 LJ Überweisung Augenarzt (Glaukom) Die Notwendigkeit der Fortführung der ATX-Therapie sollte nach einem Jahr neu bewertetwerden1011

Leitfaden Endrass 3 Auflage25.qxp Layout 1 17.06.19 11:40 Seite 15Wirkstärkein 9515268926152689321526894915268955* Die genannten Dosierungsempfehlungen basieren aufder Erfahrung von ADHS-Experten und dienen einer verbesserten Verträglichkeit. In der Agakalin Fachinformationwird ein progressiveres Dosierungsschema empfohlen:„Die Behandlung mit Agakalin sollte mit einer Gesamttagesdosis von 40 mg begonnen werden. Diese Initialdosissollte für mindestens 7 Tage beibehalten werden, bevordie Dosis entsprechend der klinischen Wirksamkeit undVerträglichkeit auftitriert wird. Die empfohlene Erhaltungsdosis beträgt 80 bis 100 mg 1515269021152690386. ADHS & Bedeutung der Komorbiditäten„Hinter vielen psychischen und Verhaltensstörungen kannsich eine ADHS verbergen. Es ist z. B. nicht ungewöhnlich,dass ADHS eine Depression mit sich bringt.“6.1 Typische psychiatrische Störungen sind zum Beispiel: Depression Angststörungen (chronisches Versagen durch ADHS – Symptome) Zwangsstörungen PTSD Posttraumatische Belastungsstörung (Risiko erhöht bei ADHS) Autismus Borderline-Persönlichkeitsstörungc) Auflagen Atomoxetin-Verordnung Mindestens mittelgradige Ausprägung der ADHS-Symptomatik, Beeinträchtigungen inmindestens zwei unterschiedlichen Lebensbereichen Substanzmissbrauch ATX-Verordnung als Teil eines umfassenden Behandlungsprogramms (s. S3-Leitlinie) Tourette-Syndrom Behandlung muss von einem Arzt begonnen werden, der über ein entsprechendes Fachwissen in der Behandlung von ADHS verfügt (z.B. Psychiater) Teilleistungsstörungen Diagnosestellung gemäß gültiger DSM-Kriterien und ICD-Kriterien Notwendigkeit der Therapie-Fortführung sollte nach einem Jahr neu bewertet werden Regelmäßige Kontrollen des kardiovaskulären Zustands (siehe Punkt 6b) Bipolare Störungen6.2 Bedeutung der Komorbiditäten: Erfassung ist relevant für Diagnostik und Therapie Additive Effekte, größere Krankheitsschwere Schlechtere Prognose Bei akuter psychischer Störung, ohne Vordiagnose ADHS, kann wegen Symptomüberlappung zunächst keine Neudiagnose ADHS gestellt werden12Bei ADHS und Komorbidität: Behandlung beider Störungen nachTherapierichtlinien – schwerere Störung zuerst behandeln13

Leitfaden Endrass 3 Auflage25.qxp Layout 1 17.06.19 11:40 Seite 177. Hinweise zur medikamentösen Behandlung komorbiderStörungen bei ADHS (nach Krause, modifiziert)Notizen„Für zahlreiche Kombinationen dieser Substanzen mit MPH,z. B. Bupropion und MPH, gibt es derzeit weiterhin keineStudien. Die Angaben erfolgen aufgrund persönlicherErfahrungen und haben keinen rechtlichen Empfehlungscharakter.“ Häufige und stark ausgeprägte Stimmungsschwankungen: 18,75–150 mg Venlafaxin retard Depression mit Konzentrations- und Antriebsstörung: Milnacipran 25–100 mg (Vorteil: keineCYP -450 Interaktion, renale Ausscheidung) Depression bei eher zwanghafter Persönlichkeitsstruktur: 50–100 mg Sertralin Gereizte Depression: 75–150 mg Moclobemid Depression und starke Reizoffenheit: 25–100 mg Amisulpirid Depression mit Konzentrations- und Antriebsstörung: Nortriptylen, Bupropion 150–300 mg(auch bei Sucht) Komorbide Borderline-PS: 37,5–75 mg Venlafaxin Autistische Züge: 10–20 mg Fluoxetin Bipolare Störung/starke Affektschwankung: LTG (VPA,CBZ) Bei Schlafstörung, insbesondere bei komorbider Angststörung, Depression: Trazodon,initial 25 mg, selten mehr als 100 mg z.N. Bei großer Reizoffenheit, besonders bei Komorbidität Autismus: Aripiprazol, initial2.5 mg, selten mehr als 10 mg Psychotische Symptome: Quetiapin, Amisulprid (auch unterhalb üblicher Dosis)Hinweis: Bei Schizophrenie und schwerer Depression keine Medikation mitMPH (siehe Kontraindikationen der Zulassung)Cave:14Patienten mit ADHS vertragen dämpfende Medikamente (z. B. entsprechende Antidepressiva) oft schlecht15

Leitfaden Endrass 3 Auflage25.qxp Layout 1 17.06.19 11:40 Seite 19Notizen16Notizen17

ADHS im Erwachsenenalter zu vermitteln und Ihren Praxisalltag zu erleichtern. Ihr Dr. Günther Endrass Vorsitzender BVDN Rheinland-Pfalz (www.bvdn.de) Vertreter des BVDN im Beirat des Zentralen ADHS-Netzes (www.zentrales-adhs-netz.de) Referat ADHS BVDN Vorwort 1 Leitfade