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Vasa 2012; 41: 463 – 476 2012 Hans Huber Publishers, Hogrefe AG, BernK.-L. Schulte et al.: Training standards PTA bei AVKDOI: 10.1024/0301 – .1024/0301-1526/a000240 - Thursday, May 17, 2018 2:47:40 AM - DGA Deutsche Gesellschaft für Gefässmedizin IP Address:84.189.15.23From the societies 463Curriculum Interventionelle Therapie der arteriellenGefäßerkrankungenKlinische Kompetenz zur Durchführung katheterbasierter Eingriffe an denExtremitäten- und Beckenarterien, den Viszeral- und Nierenarterien, denextrakraniellen hirnversorgenden Gefäßen, der Aorta und DialyseshuntsKarl-Ludwig Schulte1, Klaus Amendt2, Ulrich Hoffmann3, Christiane Tiefenbacher4, Thomas Weiss5, HaraldMudra6, David Hardung1 und Sigrid Nikol7Ein gemeinsames Positionspapier der DGA und DGK1Gefäßzentrum Berlin, Ev. Krankenhaus KEHGefäßzentrum Oberrhein, Diakonie-Krankenhaus Mannheim3Gefäßzentrum Innenstadt, Klinikum der Ludwigs-Maximilian-Universität München4Med. Klinik I, Marienhospital Wesel5Med. Klinik I, Henriettenstiftung Hannover6Klinik für Kardiologie, Klinikum Neuperlach7Abt. klinische und interventionelle Angiologie, Asklepios Klinik St. Georg, Hamburg2PräambelDie Inzidenz der Arteriellen Verschlusskrankheit (AVK) in der westlichen Gesellschaft nimmt zu und ist mit einerhohen Sterblichkeit und Invalidität verbunden. Die Anzahl der betroffenen Patienten mit einer peripheren AVK(PAVK) beträgt allein in Deutschland ca. 4,5 Mio. und wird eher unterschätzt, da unterdiagnostiziert (1,2). DieseZahl wird auf Grund der zunehmenden Lebenserwartung der Bevölkerung weiter steigen. Von einer AVK betroffen sind neben den Extremitätenarterien die A. carotis interna, die Visceral- und Nierenarterien sowie die Aorta.Nicht-koronare katheterbasierte Eingriffe werden von Fachärzten unterschiedlicher Disziplinen durchgeführt. Diesesgemeinsame Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Angiologie/Gefäßmedizin und der Deutschen Gesellschaftfür Kardiologie beschreibt ein Curriculum zur Erlangung der Zusatzqualifikation „Interventionelle Therapie derarteriellen Gefäßerkrankungen“. Diese Zusatzqualifikation kann von angiologischen und kardiologischen Fachärzten erworben werden. Für dieses Curriculum wurde der Begriff Zusatzqualifikation gewählt, um diese zusätzlicheQualifizierung unter dem Dach der wissenschaftlichen Fachgesellschaften von der Regel-Weiterbildung nach der(Muster-) Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer zu unterscheiden.Die Inhalte der (Muster-) Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer gehen in das Curriculum ein. Auf Grundder zunehmenden Spezialisierung der katheterbasierten Therapie in den einzelnen Gefäßprovinzen werden aberergänzende theoretische und praktische Fähigkeiten gefordert. Die Zusatzqualifikation kann isoliert in einzelnenGefäßprovinzen anerkannt werden.Im nachstehenden Text werden Personenbezeichnungen einheitlich und neutral für beide Geschlechter verwendet(also z.B. ‚Kandidat‘ für ‚Kandidat‘ und ‚Kandidatin‘). Weiterhin werden der besseren Lesbarkeit halber nur dieFacharztbezeichnungen der neuen Weiterbildungsordnung (WBO) verwendet, sie beziehen in diesem Zusammenhang aber auch die entsprechenden Schwerpunktbezeichnungen der alten WBO mit ein.1. EinleitungFür das Management und die Koordination der katheterinterventionellen Therapie der meist multimorbiden Patienten mit Gefäßkrankheitenwerden spezialisierte Kenntnissebenötigt. Ein formales Curriculumfür die qualifizierte Durchführungkatheterinterventioneller nicht-koronarer Eingriffe existiert bislangnicht.Das vorliegende Dokument beschreibt die im Konsens zwischenDeutscher Gesellschaft für Angiologie-Gesellschaft für Gefäßmedizinund Deutscher Gesellschaft für Kardiologie erstellten Voraussetzungenzur qualifizierten Durchführung vonkatheterinterventionellen nicht-ko-ronaren Gefäßeingriffen. Begleitendwerden Grundsätze zur Qualitätssicherung beschrieben, um einen einheitlichen Standard in der Planung,Indikationsstellung, Durchführungsowie Nachsorge zu gewährleisten.Das Autorenteam dieses Dokumenteshat sich dabei an bereits publizierteninterdisziplinären Curricula aus denUSA und Europa orientiert. (3 – 10).

K.-L. Schulte et al.: Training standards PTA bei AVKVasa 2012; 41: 463 – 476 2012 Hans Huber Publishers, Hogrefe AG, Berndie alle Gefäßprovinzen umfasst, sindals selbstständige Ziele auch die Zusatzqualifikationen „InterventionelleTherapie der peripheren Arterien undBeckenarterien“, „InterventionelleTherapie der Viszeral- und Nierenarterien“, „Interventionelle Therapieder Aorta“, „Interventionelle Therapieder extracraniellen hirnversorgendenArterien“ und „Interventionelle Therapie von Dialyseshunts“ möglich.(Muster-)Weiterbildungsordnung derBundesärztekammer zur Facharztweiterbildung Innere Medizin und(Schwerpunkt) Angiologie 024/0301-1526/a000240 - Thursday, May 17, 2018 2:47:40 AM - DGA Deutsche Gesellschaft für Gefässmedizin IP Address:84.189.15.23464 From the societiesDie Empfehlungen begründen sichauf vorliegenden Leitlinien sowie Studiendaten bzw. bei unklarer Datenlage auf Expertenmeinungen.Das Curriculum besteht aus zweiHauptteilen: der allgemeine Teilbeschreibt die für eine qualifiziertegefäßmedizinische Versorgung erforderliche Expertise, im speziellen Teilwird die Expertise der Techniken undMaterialien für die katheterinterventionellen Eingriffe in den jeweiligenGefäßprovinzen erläutert. In jedemAbschnitt des Dokumentes werdendie wissensbasierten klinischen undprozeduralen Voraussetzungen beschrieben, die für die Expertise erforderlich sind, sowie die Weiterbildung, die erforderlich ist, um dieseKompetenz zu erreichen.Jede Gefäßregion stellt durch die jeweilige Komplexität der Interventionen besondere Anforderungen anden Arzt. Obwohl Fähigkeiten, diein einem Gefäßgebiet erworben wurden, in einem anderen anwendbarsein können, ist eine spezifische Ausbildung für ein spezielles GefäßgebietVoraussetzung der Qualifikation.Dies ist der Grund für das vorliegende Konzept, dass die Zusatzqualifikation zur Interventionstherapie aufbestimmte Gefäßregionen aufteilt.2. ZieleEs soll nachfolgend der Prozess derZusatzqualifikation „Interventionelle Therapie der Arteriellen Gefäßerkrankungen“ beschrieben unddefiniert werden. Dieser beinhaltetneben den allgemeinen Anforderungen in vaskulärer Medizin auchAnforderungen in katheterbasiertenTechniken einschließlich der Anforderungen an die Ausbildungsstättenbzw. die Ausbilder, die den Erwerbeiner Zusatzqualifikation anbieten.Neben dem Erwerb der Zusatzqualifikation „Interventionelle Therapieder arteriellen Gefäßerkrankungen“,3. AllgemeineGefäßmedizinDie Lerninhalte des Gegenstandskatalogs umfassen notwendigerweiseInhalte, die jedem Facharzt für InnereMedizin und Angiologie / Kardiologie in seiner Aus- und Weiterbildungbereits vermittelt werden.3.1 Differenzierung zwischenKenntnissen in allgemeinerGefäßmedizin und katheterinterventionellen EingriffenDer Allgemeine Teil des Gegenstandskatalogs beinhaltet die Basiskenntnisse, die für eine qualifiziertegefäßmedizinische Versorgung alsGrundlage dienen. Auf diesen allgemeinen Teil aufbauend folgt der spezielle Teil, der sich mit den notwendigen Kenntnissen und Fähigkeiten derinterventionellen Therapie befasst.Dem modularen Aufbau dieses Curriculums folgend, gliedert sich dieserspezielle Teil nach Gefäßprovinzenmit jeweils eigenständigen theoretischen Kenntnissen, praktischen Fähigkeiten und klinischen Problemen.Die Inhalte des Allgemeinen Teilswerden für die Zusatzqualifikationstets als Grundlage vorausgesetzt. DieAnerkennung einer Zusatzqualifikation ausschließlich über den Allgemeinen Teil der Gefäßmedizin ohneanschließende Kenntnisse in der interventionellen Therapie von mindestens einer Gefäßprovinz zu erwerben,ist nicht möglich. Hierfür wird auf die3.2 Lerninhalte (überwiegendtheoretisches Wissen)Dies umfasst ausreichende Kenntnisse zu atherosklerotisch verursachtenGefäßerkrankungen im Bereich derAorta, peripher arteriell, zerebrovaskulär und auch in den Visceral- undNierenarterien, ferner zu Vaskulitiden, atherothrombotischen Embolien, vasospastischen Erkrankungen,autonomen Dysfunktionen, venösenThromboembolien und chronischenVenenerkrankungen. Kenntnisse derEpidemiologie, Pathologie, Pathophysiologie, Symptomatik, des natürlichenKrankheitsverlaufs, der Diagnostikund Therapieoptionen der einzelnenGefäßkrankheiten sind unabdingbar.Der interventionelle Gefäßspezialistsoll in der Lage sein, die der AVKzugrunde liegenden Erkrankungenzu identifizieren und zu behandeln.Er soll ein Risikofaktorenscreeningfür z. B. Dyslipidämien, Formender arteriellen Hypertonie, Diabetesmellitus und Thrombophilie-Diagnostik durchführen und eine gezielte Behandlung einleiten können.Zusätzlich soll er die Möglichkeitender nichtmedikamentösen Sekundärprävention weitergeben können(11 – 17).Erfahrungen in den nicht-invasivendiagnostischen Verfahren einschließlich Durchführung, Befundung undInterpretation der Ergebnisse speziell der Doppler-/Duplexsonographievon Venen und Arterien der Extremitäten, der Aorta und ihrer Seitenäste,der Karotiden und der Gefäßbypässesind eine weitere Voraussetzung. Inder Gefäßmedizin interventionelltätige Ärzte müssen in der Lage sein,bildgebende Verfahren einschließlichDoppler- und Duplex-Sonographie,Magnetresonanzangiographie, computertomographischen Angiographie

Vasa 2012; 41: 463 – 476 2012 Hans Huber Publishers, Hogrefe AG, BernK.-L. Schulte et al.: Training standards PTA bei 1-1526/a000240 - Thursday, May 17, 2018 2:47:40 AM - DGA Deutsche Gesellschaft für Gefässmedizin IP Address:84.189.15.23From the societies 465sowie der invasiven Angiographie mitdigitaler Substraktionsangiographiezu interpretieren.Nur so kann der Kandidat ein tiefgehendes Verständnis für die differenzierte Indikation einschließlich derKomplikationen von invasiven diagnostischen Verfahren, katheterbasierten Therapien und gefäßchirurgischenVerfahren und deren Behandlungenerwerben. Die Möglichkeiten derkonservativen Therapie einschließlichder prä-, peri- und postinterventionellen pharmakologischen Therapieund antithrombotischer sowie thrombolytischer Therapien müssen ausreichend bekannt sein.Die Qualifikation zur Durchführungkatheterinterventioneller und endovaskulärer Gefäßeingriffe beinhaltetzusätzlich Kenntnisse der erforderlichen Ausstattung eines vaskulärenKatheterlabors sowie des Patien-tenmonitorings einschließlich derintraarteriellen Druckmessung. DieProzessierung von Bildserien bzw.des digitalen Imaging zur Archivierung von Bildgebungsmaterial mussgeläufig sein. Die hierzu erforderlichen Qualifikationen bezüglich dergesetzlichen Regelungen einschließlich des Strahlenschutzes werden vorausgesetzt.Ferner erfordert diese Qualifikationdas Wissen um die Indikationen, Limitationen und Komplikationen einer jeden Prozedur und das Verstehenvon alternativen Therapiemethodenund konservativen Therapieansätzenund Ergänzungstherapien, mit denensowohl Kurz- wie Langzeit-Ergebnisse noch verbessert werden können.Die notwendigen Kenntnisse sowieRichtzahlen der durchgeführten Untersuchungen werden in Kasten I zusammengefasst.3.2.1 Indikationstellung Interventionelle versus OperativeTherapieDer katheterinterventionell tätigeArzt muss in Hinblick auf eventuellnotwendig werdende gefäßchirurgische Eingriffe, sei es als Alternative zur Gefäßintervention oder imRahmen des Komplikationsmanagements, das Verständnis für die Indikation zur Operation, die jeweiligenBesonderheiten der Operation, dasvoraussichtliche Behandlungsergebnis und die möglichen kardiovaskulären Komplikationen besitzen.Entsprechende Leitlinien für diepräoperative Evaluation von Patienten, die sich einer nicht-kardialenGefäßoperation unterziehen müssen,sind von den deutschen Fachgesellschaften publiziert worden (18). Daher muss der katheterinterventionelltätige Arzt die Fertigkeiten besitzen,Kasten I: Gegenstandskatalog Allgemeiner Teil der GefäßmedizinZur Durchführung interventionell-angiologischer Therapien müssen Wissen bzw. praktische Fähigkeiten in denfolgenden Gebieten erworben werden (Richtzahlen s. Weiterbildungsordnung; 21):1 Pathophysiologie der Atherosklerose und Thrombose2 Kardiovaskuläre RisikofaktorenDiagnostik und TherapieHilfestellung zur Modifikation des Lebensstils3 Klinische Manifestation, natürlicher Verlauf, Evaluation und Behandlung der arteriellen Verschlusskrankheit inden verschiedenen Gefäßprovinzen4 Prophylaxe und Therapie thrombotischer Erkrankungen, einschließlich des Einsatzes antithrombotischer undthrombolytischer Substanzen5 Präoperative Evaluation und perioperative Betreuung von gefäßchirurgischen Patienten6 Nicht-invasive Funktionsuntersuchungen (Oszillographie, Rheographie, ergometrische Verfahren zur Gehstreckenbestimmung, Verschlussdruckmessung)7 Doppler/Duplexsonographieder extremitätenversorgenden Gefäße,der abdominellen und retroperitonealen Gefäße,der extrakraniellen hirnversorgenden Gefäße,der Bypass- und Shuntdarstellung8 Interpretation von MR-Angiographie und CT-Angiographie9 Risiken jodhaltiger und gadoliniumhaltiger Kontrastmittel sowie Prophylaxe unerwünschter Nebeneffekte10 Kenntnisse in Strahlenbiologie und Strahlenphysik sowie eingehende Kenntnisse im medizinischenStrahlenschutz11 Interpretation von intraarteriellen Angiographien

K.-L. Schulte et al.: Training standards PTA bei AVKVasa 2012; 41: 463 – 476 2012 Hans Huber Publishers, Hogrefe AG, Bern4. Spezieller Teil: Interventionelle nicht-koronarekatheterbasierteTherapiehinsichtlich alternativer Revaskularisationstechniken wie der direktionalen Atherektomie sind erforderlich.Der durchführende Arzt muss mitden spezifischen Eigenschaften vonStents (ballonexpandierbar versusselbstexpandierend) wie Formstabilität gegen Kompression von außen,Metalleigenschaften (Legierung),Beschichtung (coating), Stentdesign(geschlossen/closed), offen, helikal(open), Plaqueabdeckung (Relation Metallfläche versus Gefäß-/ Plaqueoberfläche), Pharmaka-freisetzende Stents (drug eluting Stents:DES), Pharmaka-freisetzende Ballons (drug eluting balloons: DEB)vertraut sein bzw. sich kontinuierlichmit innovativen Verfahren vertrautmachen.Dem durchführenden Arzt müssendie Spezifika von Stentprothesen(stent grafts: Stents die Gefäßprothesen außen (covered) oder innen(lined) tragen) sowie die Indikationsgebiete (infrarenale Bauchaortenaneurysmata, Therapie von Aneurysmata und Dissektionen derthorakalen Aorta, A. subclavia, A.iliaca, A. poplitea und A. renalis) undder notfallmäßigen Versorgung vonGefäßverletzungen und Rupturenbekannt sein.Wegen ihrer großen Bedeutung in derTherapie thrombotischer arteriellerund venöser Verschlüsse muss dermit katheterinterventionellen Eingriffen selbstverantwortlich betraute Arzt Erfahrung im Umgang mitder Katheterthrombolyse und Katheterthrombektomie (mechanischund pharmakologisch) gesammelthaben. Die Expertise zur Durchführung dieser beiden Verfahren setztKenntnis und Erfahrung mit demKathetermaterial und nötigen Medikamenten, sowie das Wissen umrealistisch erreichbare Therapieziele,und Risikokonstellationen und Komplikationen voraus.Prinzipien der lokalen, regionalenund allgemeinen Anästhesie /0301-1526/a000240 - Thursday, May 17, 2018 2:47:40 AM - DGA Deutsche Gesellschaft für Gefässmedizin IP Address:84.189.15.23466 From the societiesdie klinischen Prädiktoren einesungünstigen Behandlungsergebnisses zu evaluieren einschließlich derkoronaren Herzkrankheit und insbesondere der instabilen Koronarsyndrome, der Herzinsuffizienz, vonArrhythmien, Diabetes mellitus undunkontrollierter Hypertonie3.2.2 Kenntnisse im StrahlenschutzGesetzliche Grundlage sind die aktuelle Röntgenverordnung und dieRichtlinie Fachkunde und Kenntnisse im Strahlenschutz bei dem Betrieb von Röntgeneinrichtungen inder Medizin oder Zahnmedizin vom22. Dezember 2005. Es liegt in derVerantwortung des behandelndenArztes, die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen bezüglich derAnwendung ionisierender Strahlungam Menschen zu kennen und zubeachten, um auszuschließen, dassSchäden durch vermeidbare Überexpositionen eintreten. Nachfolgendwerden die wichtigsten diesbezüglichen Forderungen des Strahlenschutzes zusammengefasst.Katheterangiographien und Interventionen unter Anwendung vonRöntgenstrahlen dürfen nur vonÄrzten mit der dafür erforderlichenFachkunde im medizinischen Strahlenschutz durchgeführt werden. Indiesem Zusammenhang sind dieFachkunde gesamte Röntgendiagnostik oder die Teilfachkunde Gefäßsystem und Anwendungen vonRöntgenstrahlen bei Interventionengeeignet. Für die genannten Tätigkeiten ist der Erwerb der TeilfachkundeAngiographie als Mindestanforderung vorgeschrieben.Erforderlich sind der Erwerb derSachkunde sowie die Teilnahme angesetzlich vorgeschriebenen Strahlenschutzkursen. Das Erhalten derKompetenz, die Fachkunde-Aktualisierung und die fortlaufende Qualitätskontrolle sind zu beachten.4.1 Grundlagen der interventionellen Therapie und MaterialkundeDas Prinzip der perkutanen transluminalen Angioplastie (PTA) istdie Aufweitung des verschlossenen Gefäßlumens, entweder durchAufbrechen der atherosklerotischenPlaques, durch exzentrische Dehnung der Gefäßwand oder durchSchaffung eines Neolumens. Hierbeiist es wichtig, das geeignete Drahtmaterial (aus einem wachsendenAngebot) und die geeigneten Ballonsund den entsprechenden Durchmesser des Ballons auszuwählen. DerArzt muss die mechanischen Eigenschaften des Kathetermateriales kennen. Hierzu gehören die mittlere undmaximale Druckbelastbarkeit (burstpressure), die Schiebestabilität desKatheters über den Führungsdrahtbei der Passage durch gewundeneArteriensegmente, die Kompatibilität von Führungskatheter, Führungsdraht, Schleuse, Ballon und Stentssowie das Prinzip von compliantund non-compliant Ballons. Der Interventionalist muss im Umgang mitBallonkathetern erfahren sein, umeinen optimalen Gefäßquerschnittdurch die Dilatation zu erreichenund damit die Wahrscheinlichkeitder Entwicklung von Restenosenund das Risiko von Komplikationenzu reduzieren. Diese Erfahrung istVoraussetzung eines korrekten Umganges mit Stents, deren Indikationsfeld kontinuierlich wächst, bis hin zuLäsionen, bei denen die Ballondilatation alleine nicht mehr üblich ist;so z.B. zur Verbesserung des Akutergebnisses der Ballon-PTA (sekundär:„bail out stenting“) aber auch primärin einigen Gefäßregionen, bei denenStents eine Reduktion der Restenoserate ermöglichen. Auch Kenntnisse

Vasa 2012; 41: 463 – 476 2012 Hans Huber Publishers, Hogrefe AG, BernK.-L. Schulte et al.: Training standards PTA bei 1-1526/a000240 - Thursday, May 17, 2018 2:47:40 AM - DGA Deutsche Gesellschaft für Gefässmedizin IP Address:84.189.15.23From the societies 467bekannt sein. Erfahrungen in denMethoden der allgemeinen Analgosedierung, der hämodynamischenStabilisierung sowie kardio-respiratorischer Maßnahmen während derKatheterintervention sind erforderlich.4.2 Management vonKomplikationenErfahrung in der Technik der Ballonangioplastie und Stentimplantation der nichtkoronaren Gefäße sindvorauszusetzen ebenso wie der Umgang mit speziellen Komplikationen(Thrombose, Embolie, Dissektion,Verschluss oder Perforation der Arterien).Spezifisch für eine Gefäßregionenmüssen die erfolgversprechendenMaßnahmen zur Behandlung vonKomplikationen bekannt sein. DieIndikation zu verschiedenen Strategien muss abgewogen werden können unter Berücksichtigung eventueller Kontraindikationen. PraktischeKenntnisse in der Behandlung vonKomplikationen (wie z.B. Thrombusaspiration, lokale arterielle Lysetherapie) müssen vorhanden sein.4.3 Management von GefäßzugängenDie technische Fertigkeit und Erfahrung ist für die zeitgerechte, effektive und sichere Durchführung endovaskulärer Katheterinterventionenunabdingbar. Der eine Interventionselbstverantwortlich durchführendeArzt muss arterielle Zugänge durchPunktion unterschiedlicher Arteriensicher beherrschen, so z.B. femoral(ante- und retrograd, ipsilateral undin cross-over Technik), popliteal(retrograd und antegrad) und distal (retrograd), auch im Bereich deroberen Extremitäten (axillar, brachialund radial). Ebenso müssen venöseZugangswege über Punktionen derV. femoralis, V. brachialis oder V. jugularis sicher gelegt werden können.Der Gefäßspezialist muss in derLage sein, am Ende der Intervention die Punktionsstelle zu verschließen. Kenntnisse und Erfahrungenim Umgang mit den Methoden derlokalen Blutstillung als Alternativezur manuellen Kompression durchVerschlusssysteme werden gefordert.Das Erkennen und die Behandlungvon Komplikationen am Zugang(Blutung, AV-Fistel, Pseudoaneurysma und Infektion) werden vorausgesetzt.5. Spezieller Teil: Interventionelle Therapieder einzelnen GefäßregionenVoraussetzung zur Akkreditierung der Zusatzqualifikation ist derNachweis einer Mindestzahl vondurchgeführten diagnostischen undtherapeutisch-interventionellen Angiographien in der entsprechendenGefäßregion. Diagnostische Katheter-Angiographien werden als komplette diagnostische oder interventionelle Prozeduren definiert, welchemit Einführung des Katheters übereinen perkutanen Weg beginnen undeine drahtgeführte Katheterisierung,Kontrastmittel-Applikation, Befunderhebung und Befundbericht umfassen sollen.Die Eingriffe müssen unter Aufsichteines katheterinterventionell erfahrenen zuständigen Facharztes erbrachtwerden. Die Anforderungen an denLeiter der Ausbildungsstätte werdenunter Abschnitt 7.3 spezifiziert.Die Untersuchungszahlen werden ineinem Logbuch dokumentiert unddurch den Leiter der Ausbildungsstätte bestätigt. In Einzelfällen kanndie Einsicht in die erstellten Befunde(Patientendaten anonymisiert) gefordert werden. Näheres zum Logbuchwird unter Abschnitt 6.3 spezifiziert.5.1 Interventionelle Therapieder peripheren Arterien undBeckenarterien5.1.1 Lerninhalte (überwiegendtheoretisches Wissen)Die Indikationen für eine Revaskularisation von Aorta und Iliakalgefäßenund Gefäßen der unteren Extremitäten unter Berücksichtigung klinischer und anatomischer Gesichtspunkte müssen bekannt sein. Derverantwortliche Gefäßspezialist mussden Behandlungserfolg einer interventionellen Therapie in Abhängigkeit vom Läsionstyp (Stenose versusVerschluss), Länge und Lokalisationder Läsion, Anzahl und Durchgängigkeit der distalen Gefäße sowieVerkalkungsgrad beurteilen können. Alternative konservative odergefäßchirurgische Therapiestrategienmüssen unter Berücksichtigung dermutmaßlichen Behandlungserfolgegegeneinander abgewogen werdenkönnen.Im Beckenbereich ist die besondereAnatomie der distalen Bauchaortaund der Art. femoralis communis inder Beugeregion zu berücksichtigen,die unterschiedlichen Zugangswege(transfemoral retrograd oder crossover, transbrachial bei hochsitzenden Läsionen incl. der kissing-balloon bzw. kissing-stent Techniken)zu beherrschen. Kenntnisse werdengefordert zur Indikationsstellungzur primären Stent-PTA mit selbstoder ballonexpandierbaren Stents,der Verwendung von gecovertenStent-grafts für Aneurysmata, zurEinschätzung des Rupturrisikos, zurGefahr der Embolisation nach distalbei rekanalisierten Verschlüssen, zurTechnik der subintimalen Rekanalisation ggf. unter Verwendung vonReentry-Devices, zur Indikationvon Atherektomie und Fibrinolysemit Thrombusaspiration, und zurBehandlung von Instent-Restenosen

K.-L. Schulte et al.: Training standards PTA bei AVKVasa 2012; 41: 463 – 476 2012 Hans Huber Publishers, Hogrefe AG, Bernherrscht werden soll, aber deutlichunterschiedliche Anforderungen andie Qualifikation des Interventionalisten stellt.sowie häufige Variationen wie akzessorische Nierenarterien kennen undmit den anatomischen Verhältnissenach Nierentransplantation vertrautsein. Eine Kenntnis der Ätiologieder Nierenarterienstenose (Atherosklerose, fibromuskuläre Dysplasie,Vaskulitiden, arteriovenöse Fisteln,Thrombose, Embolien) wird erwartet, ebenso wie das Verständnis derPathophysiologie und klinischenManifestation der Nierenarterienstenose (arterielle Hypertonie,Einschränkung der Nierenfunktion, akut auftretendes Lungenödem(„flush pulmonary edema“), Linksherzhypertrophie, Verschlechterungeiner Herzinsuffizienz). Die relevanteDiagnostik (Duplexsonographie, CTAngiographie, MR Angiographie)und deren Ergebnisse müssen beurteilt werden können, insbesonderedie Beherrschung der Doppler- undDuplexsonographie muss zur Überprüfung der Indikationstellung undNachsorge vorausgesetzt werden.Bei der Behandlung einer Nierenarterienstenose müssen sowohl diegängigen medikamentösen Therapieansätze wie auch Indikationen/Kontraindikationen für eine Revaskularisierung von Nierenarterienstenosen bekannt sein. Aktuelle Studienergebnisse, die die Effektivität undLimitationen der renalen PTA beiischämischer Nephropathie und arterieller Hypertonie sollten bekanntsein und beachtet werden. Das trifftauch auf die Interventionen zur renalen Ablation 1-1526/a000240 - Thursday, May 17, 2018 2:47:40 AM - DGA Deutsche Gesellschaft für Gefässmedizin IP Address:84.189.15.23468 From the societiesmit beispielsweise drug-coated Devices.In der femoropoplitealen Regionsollten Kenntnisse erworben werdenhinsichtlich der Länge des Gefässesbei unterschiedlichsten Belastungenwie Torsion, Kompression, Dehnung,die Einbeziehung der Art. poplitea inder Kniebeuge, über die unterschiedlichen Zugangswege (transfemoralcross-over oder antegrad, transbrachial und popliteal retrograd, auchmit langen Schleusen), zur Indikationzur primären Stent-PTA bei langenLäsionen mit selbstexpandierbarenStents, der möglichen Embolisationnach distal bei rekanalisierten Verschlüssen, zur subintimalen Rekanalisation ggf. unter Verwendung vonReentry-Devices, zur Indikation zurAtherektomie und Fibrinolyse mitThrombusaspiration, und zum Einsatz von „drug-coated“ Stents undBallons.Infrapopliteal sind die häufig langstreckigen, schwer passierbaren unddistal gelegenen Läsionen, insbesondere bei Diabetes mellitus, Niereninsuffizienz, die dringliche Notwendikeit zur Behandlung bei kritischerExtremitätenischämie zu kennen,die unterschiedlichen Zugangswege(transfemoral cross-over oder antegrad, transbrachial und von distalretrograd) zu beherrschen, Kenntnisse zur Verwendung von langen0,014 oder 0,018 Inch Drähten undBallons bei langen Läsionen, vonselbst- oder ballonexpandierbarenStents auch in Monorail-Technik,der möglichen Embolisation nachdistal von rekanalisierten Verschlüssen, der subintimalen Rekanalisation,der Indikation zur Atherektomie undFibrinolyse mit Thrombusaspration,des Einsatzes von drug-coated Stentsund Ballons zu erwerben.Zusammenfasst bedeutet dies für denKandidaten, dass die Behandlung derBecken-/Beinregion insgesamt be-5.1.2 Lernziele (überwiegendpraktische Erfahrungenund Fertigkeiten)Zur selbstständigen Erbringung isteine Erfahrung von mindestens 100Katheter-Angiographien (50 eigenständig) und mindestens 50 perkutanen Interventionen (25 eigenständig)an peripheren Gefäßen (aortoiliakalesStromgebiet sowie infrainguinale Arterien) Voraussetzung. DiagnostischeAngiographien können im Rahmenvon Interventionen erbracht werden.5.2 Interventionelle Therapie derViszeral- und Nierenarterien5.2.1 Lerninhalte (überwiegendtheoretisches Wissen)5.2.1.1 ViszeralarterienVorauszusetzen ist die Kenntnis dernormalen Anatomie von Truncus coeliacus, Arteria mesenterica superiorund inferior sowie gängiger anatomischer Varianten, z.B. der A. marginalis coli (oder Drummonds-Arterie,einer Anastomose zwischen A. mesenterica superior und inferior. Vorauszusetzen ist ferner die Kenntnisder Ätiologie und Pathophysiologieder Darmischämie (Atherosklerose,arterielle Thrombose und Embolie,Vaskulitis, Kompression des Truncuscoeliacus durch das Ligamentum arcuatum, Mesenterialvenenthrombose). Die klinische Manifestation einer Darmischämie muss verstandenwerden. Schließlich ist die Kenntnisder Indikationen zu einer endovaskulären/chirurgischen Therapie beiakuter/ chronischer Darmischämievon Bedeutung.5.2.1.2 NierenarterienDer Durchführende sollte die normale Anatomie der Nierenarterien5.2.2 Lernziele (überwiegendpraktische Erfahrungen undFertigkeiten)Für die Intervention an Viszeralgefäßen und den Nierenarterien mitvorwiegend ballonexpandierbarerStent-PTA wird eine zusätzlicheQualifikation mit mindestens 50 diagnostischen Angiographien – (25eigenständig) hiervon mindestens 25selektiven Angiographien (15 eigen-

Vasa 2012; 41: 463 – 476 2012 Hans Huber Publishers, Hogrefe AG, BernK.-L. Schulte et al.: Training standards PTA bei 1-1526/a000240 - Thursday, May 17, 2018 2:47:40 AM - DGA Deutsche Gesellschaft für Gefässmedizin IP Address:84.189.15.23From the societies 469ständig) – und 15 eigenständig durchgeführte perkutan-interventionelleEingriffe an den genannten Gefäßengefordert. Diagnostische Angiographien können im Zusammenhang miteiner Intervention erbracht werden.5.3 Interventionelle Therapieder Aorta / von Aortenaneurysmen5.3.1 Lernziele (überwiegendpraktische Erfahrungenund Fertigkeiten)Die interventionelle endoluminaleAusschaltung von thorakalen und abdominellen Aortenaneurysmen wirdzunehmend häufig durchgeführt. DieTechnik erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit in Bildgebungund Behandlung zwischen Radiologen, Gefäßchirurgen und Internisten.Hierzu wird häufig ein kombiniertendoluminaler Eingriff mit Arteriotomie erforderlich. Bezüglich desBauchaortenaneurysmas erlangteeine ’Qualitätssicherungsvereinbarung zum Bauchaortenaneurysma’vom Gemeinsamen Bundesausschuss(G-BA) als Beschluss zuletzt novelliert und veröffentlicht am 17.12.09mit Datum 1.1.2010 Gesetzeskraft.Dieser G-BA-Beschluss betrifft nichtdie interventionelle Therapie an derthorakalen Aorta.Zwei Behandlungsverfahren stehenfür die Versorgung zur Verfügung:die offene Operation und die endovaskuläre Aneurysmaausschaltung.Die Wahl des Therapieverfahrenswird durch die Aneurysmenkonfiguration bestimmt. Nicht jedemPatienten kann eine endovaskuläreStandardprozedur angebo

1 Gefäßzentrum Berlin, Ev. Krankenhaus KEH 2Gefäßzentrum Oberrhein, Diakonie-Krankenhaus Mannheim 3Gefäßzentrum Innenstadt, Klinikum der Ludwigs-Maximilian-Universität München 4Med. Klinik I, Marienhospital Wesel . (AVK)