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Arbeitsmaterialien für Erzieherinnen und ErzieherKinder spielend fördern, Wissen spannend vermitteln! – Kreative Ideen und Materialien fürKrippe, Kindergarten, Kita und HortKreative Ideenbörse Kindergarten – Ausgabe 3Bewegung & Gesundheit –"Walderlebnisse sind Win-win-Situationen für Kinder und Fachkräfte!"Dr. Gertrud Hein im Interview!ProdukthinweisPPiktogramme?Haben Sie noch Fragen?Dieser Beitrag ist Teil einer Printausgabe aus der „Kreativen Ideenbörse Kindergarten"der Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage (Originalquelle siehe Fußzeile des Beitrags) Alle Beiträge dieser Ausgabe finden Sie hier.In den Beiträgen werden – je nach Fachbereich und Thema – unterschiedlichePiktogramme verwendet. Eine Übersicht der verwendeten Piktogramme finden Sie hier.Unser Kundenservice hilft Ihnen gerne weiter:Schreiben Sie an [email protected] oder per Telefon 09221 / 949-204.Ihr Team von eDidactMediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KGE.-C.-Baumann-Straße 5 95326 Kulmbachwww.edidact.de

Bewegung & Gesundheit„Walderlebnisse sind Win-win-Situationen für Kinder und Fachkräfte!“„Walderlebnisse sind Win-win-Situationen für Kinderund Fachkräfte!“Im Wald lernen Kinder ganz nebenbei, sie machen Erfahrungen, die ihnen im späteren Leben vieles erleichtern und sind somit besser gerüstet für Herausforderungen. Nichtsdestotrotz wird der Wald häufigmit Gefahren und Risiken verbunden. Natürlich gibt es eindeutige No-Gos, doch die Vorteile von Waldpädagogik überwiegen, wie uns Dr. Gertrud Hein im Interview bestätigt.Interview Veronika RobischKreative Ideenbörse Kindergarten: Weshalb istdas Thema Wald und Naturerleben in der Kita sowichtig?Dr. Gertrud Hein: Kita-Kinder müssen sowohl körperlich als auch geistig in Bewegung gehalten werden und sich mit allen Sinnen mit ihrem Lebensumfeld auseinandersetzen. Im Wald haben die Kindereine hohe Bereitschaft, zu lernen, zu erfahren undauszuprobieren, da viel weniger Stressfaktoren aufsie einwirken. Wenn Kinder draußen sind, könnensie sich anschließend auch deutlich besser konzentrieren, sie entwickeln Kreativität, Selbstbewusstseinund werden widerstandsfähig und somit seltenerkrank.Kann jede Kita auf dem Gebiet Waldpädagogik aktivwerden?Kinder im Kita-Alter müssen den Lebensraum Waldkennenlernen, unabhängig davon, ob sie einenWaldkindergarten, einen ländlich gelegenen odereinen urbanen Kindergarten besuchen. Ob an einoder zwei Tagen im Jahr oder im Rahmen einerWaldwoche – jede Kita hat die Chance, einen Waldbesuch einzubinden, die einen mehr, die anderenweniger, die Hauptsache ist, die Kinder kommen mitdem Wald in Kontakt.Welche Auswirkungen hat der Aufenthalt im Waldauf die Kinder bzw. welche Kompetenzen könnensie im Naturraum intensiver als im Regelkindergarten entwickeln?Ein Waldbesuch wirkt auf körperlicher, geistiger, psychischer und sozialer Ebene. Die Aufnahmefähigkeitder Kinder ist deutlich höher, sie ruhen mehr in sichselbst, sie sind ausdauernder, unwahrscheinlich neugierig und können sich schnell auf neue Situationeneinstellen.78 privatDr. Gertrud Hein, 63, Geografin, arbeitet seit 1985 als Bildungsreferentinbei der Natur- und Umweltschutz-Akademie NRW (eingerichtet beim Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW). Dort ist sie u. a.zuständig für berufliche und ehrenamtliche Weiterbildung im Natur- und Umweltschutz, wobei sie sich insbesondere für die Entwicklung bundesweiterQualitätsstandards in der Umweltbildung („zertifizierte Natur- und Landschaftsführer / in“, „Ranger-Lehrgang“)engagiert. Beim Zertifikatlehrgang„Waldpädagogik“, den sie für NRW mitentwickelt hat, ist sie als Dozentin undPrüferin tätig. Seit über zehn Jahrenengagiert sie sich bei der Aus- undFortbildung von Erzieher*innen mitden Themen „Walderlebnis als Bausteinfür die gesunde Entwicklung von Kindern“ sowie „Umgang mit Risiken / Gefahren in der Natur“, um mehrErzieher*innen dazu zu bewegen, mitKindern und Jugendlichen in den Waldzu gehen. Sie lebt in Kevelaer (KreisKleve) am Niederrhein.Kontakt: [email protected] Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, 95326 Kulmbach

Bewegung & Gesundheit„Walderlebnisse sind Win-win-Situationen für Kinder und Fachkräfte!“Der Wald gibt viele Anlässe, um miteinander zu kommunizieren. Konflikte werden untereinanderleichter gelöst. Ein Anleiten oder Bespielen durch die pädagogischen Fachkräfte ist nicht nötig, dieKinder entwickeln unzählige Ideen und gestalten mit viel Fantasie. Das fördert auch die Grob- undFeinmotorik. Matschen kann hier wesentlich mehr bewirken, als ein vorgefertigtes Spielzeug in dieHand zu nehmen.Kinder, die sich regelmäßig im Wald aufhalten, laufen, sehen und hören ganz anders. Sie erlebendort zahlreiche Sinneserfahrungen. Es herrscht weniger Lärm als in den Räumlichkeiten, sodass dieKinder viel mehr Geräusche aufnehmen, sie entdecken die verstecktesten Dinge und kommen imunebenen Gelände intensiver in Bewegung. Wachsen Kinder nur indoor auf, machen sie alles nacheinander, wachsen sie hingegen outdoor auf, können sie Dinge gleichzeitig ausführen.Ein Beispiel – Fangen im Wald – hier wird der Bewegungsapparat gefordert: Ich muss hören, obein anderes Kind hinter mir ist, sehen, ob ich einem Baum ausweichen muss, und springen, um einHindernis zu überwinden. Diese Kompetenz bringt enorme Vorteile, z. B. wenn die Kinder spätermit dem Fahrrad im Straßenverkehr unterwegs sind.Im Wald kann es auch vorkommen, dass die Kinder mit Ekel und Tod konfrontiert werden, weilsie beispielsweise auf einen toten Vogel oder einen zerquetschten Regenwurm stoßen. Es ist ganzwichtig, dass Kinder diese Gefühle einmal erlebt haben. Wer solche Erfahrungen nicht macht, weißsie später nicht einzuordnen und wird sie nicht bewältigen können.Im Wald gilt: Übung macht den Meister! Zeit für Wiederholung ist wichtig, um das Gelernte zufestigen. Ideal ist ein Aufenthalt von einer Woche einmal im Monat oder ein fester Tag pro Woche.Der Wald ist in erster Linie faszinierend für dieKinder, wie gelingt es, auch auf Gefahren aufmerksam zu machen, ohne dabei Ängste hervorzurufen?Es ist wichtig, dass Kinder auch ab und zu einmalAngst haben, das schützt sie vor Gefahren. DenUmgang lernen sie, indem man im Wald ganznormal mit ihnen umgeht und ihnen erklärt, worauf sie achten müssen. Es gibt viele Dinge, dieman gut mit den Kindern trainieren kann, z. B.dass Brombeeren Stacheln besitzen, die wehtun, Baumstämme vor dem Balancieren geprüftwerden müssen, dass sie nicht glatt sind, undHolzpolter (im Zuge von Waldarbeiten gestapelte Rundhölzer) nicht zum Klettern geeignet sind.Führt man die Kinder vorsichtig heran und zeigtihnen beispielsweise eine Zecke auch einmal, verstehen sie, worauf sie achten müssen und entwickeln i. d. R. keine Ängste.Welche Regeln und Vorsichtsmaßnahmen müssen mit den Kindern trainiert werden?Natürlich muss man gewisse Regeln aufstellen.Kinder sind oft so vertieft, dass sie den KontaktKreative Ideenbörse Kindergarten, Ausgabe 3, 8/2020Tipp:Ein symbolischesTor öffnenWenn Sie mit denKindern den Waldbetreten, öffnen Sieein symbolischesTor, durch das alleKinder durchgehenmüssen.Bei dieser Gelegenheit reflektiert jedeseinzelne Kind dieRegeln. kateja – stock.adobe.com79

Bewegung & Gesundheit„Walderlebnisse sind Win-win-Situationen für Kinder und Fachkräfte!“Trainieren Sie mit den Kindern die Gefahren und Regeln, die es im Wald zubeachten gilt. Im Anhang dieser Ausgabe finden Sie das Poster „Im Waldheißt es aufmerksam sein!“ Wer eine Gefahr bzw. Regel entdeckt, erhältdie entsprechende Farbkarte (im Anhang). Ergänzen Sie auch alle weiterenVereinbarungen, die Sie mit den Kindern getroffen haben.Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KGBonusmaterial: Regeln und Gefahren spielerisch trainierenKreative Ideenbörse Kindergarten – Im Wald heißt es aufmerksam sein! – Ausgabe 3, 8/2020zur Erzieherin oder zum Erzieher verlieren. Hier muss vereinbart werden, dass die Kinder in Sichtweite bleiben. Unterstützt werden kann das, indem man einen Bereich mit einem Absperrbandeingrenzt oder durch Sägemehl kenntlich macht. Es empfiehlt sich außerdem, ein Zeichen festzulegen, z. B. ein Flötenspiel, das die Kinder daran erinnert, zurückzukommen. Die Fachkräfte müssen den Kindern auch vermitteln, dass nichts gegessen, nichts abgerissen und auch nichts einfachweggeschmissen wird. Tiere dürfen nicht angefasst werden, ihre Nester dürfen nicht berührt oderbeschädigt werden und die Kinder müssen in ihrer Nähe leise sein.Wer klettern möchte, ist dazu angehalten, einen Erwachsenen zu informieren, damit dieser beobachten und ggf. unterstützen kann. Zugleich gilt für jedes Kind selbst zu bedenken, dass es dort,wo es raufklettert, auch alleine wieder runterkommen muss. Entscheidend ist außerdem, den Kindern die Verletzungsgefahr durch Dornen vor Augen zu führen. Für die Gruppengemeinschaft gilt:Alle Mitglieder müssen aufeinander Acht geben, insbesondere beim Spiel mit Stöcken o. Ä.Zeichnungen: Sarah NeubingWir passen auf, dass wir uns nicht an Dornen verletzen.Wenn wir auf einen frei laufenden Hund treffen, streicheln wir diesen nicht und bittenden Besitzer, das Tier anzuleinen.Wir spielen nicht unbeaufsichtigt an Gewässern.Wir stören und berühren keine Tiere.Wir berühren und essen keine Pilze.Wir meiden hohe Gräser und suchen uns nach dem Spielen nach Zecken ab.Wir halten weiträumig Abstand zu Nestern und beschädigen diese nicht.Wir essen keine Beeren, da Tiere auf diesem Weg Krankheiten übertragen können.Wir klettern nicht auf Holzpolter und spielen nicht im Bereich von Waldarbeiten.Wir prüfen, ob beschädigte Äste von oben herabstürzen können.Wir halten weiträumig Abstand zu Nestern und beschädigen diese nicht.Wir berühren und essen keine Beeren.Wir achten auf umgestürzte Bäume.Wir passen auf, dass wir nicht über Wurzeln stürzen.80Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, 95326 Kulmbach

Bewegung & Gesundheit„Walderlebnisse sind Win-win-Situationen für Kinder und Fachkräfte!“Wie viel Eigenverantwortung kann man KitaKindern zutrauen?Das kommt stark darauf an, inwieweit die Kinderden Umgang mit der Natur schon verinnerlichthaben. Bereits versierten Kindern kann man durchaus Eigenverantwortung zutrauen. Es gibt abernatürlich auch Kinder, die emotional und sozial geschädigt sind und sich prinzipiell an keine Regelnhalten. Diese Kinder können sich selbst nicht einschätzen und ggf. einfach weglaufen. Hier müssenenge Abstimmungen mit den Begleitern getroffenund ein geeigneter Betreuungsschlüssel beachtet werden. Erfahrungsgemäß profitieren geradediese Kinder enorm von einem Waldaufenthalt ineiner Kleingruppe. milosz g – stock.adobe.comWelche Qualifikationen sind aufseiten der Betreuungskräfte gefragt?Walderfahrung, Ortskenntnis und Spaß an der Natur sind wichtige Voraussetzungen. Fachkräftesollten außerdem Sicherheit ausstrahlen und keine Ängste haben. Hier kann eine Fortbildung hilfreich sein – auch um Gefahren erkennen zu können. Verschiedene Bildungseinrichtungen der Länder, Naturparks u. v. m. bieten Schulungen speziell für Kitas an.Tipp: Den Waldbesuch dokumentierenEs empfiehlt sich, stets eine Kamera, ein Tablet oder ein Smartphone dabeizuhaben, um den Standort und ggf. Veränderungen vor Ort dokumentieren zukönnen. So ist es auch möglich, Vorkommnisse wie einen Zeckenbiss festzuhalten. Eine positive Fehlerkultur kann andere schützen. Fachkräfte sollten sich nichtscheuen, offen zu zeigen, wenn etwas nicht gut verlaufen ist, und entsprechendeSituationen an die Kolleginnen und Kollegen weitergeben.Wie kann man einen geschulten Blick für Gefahren entwickeln?Pädagogische Fachkräfte müssen die folgenden No-Gos verinnerlichen und beachten: Ich lasse keine Kinder auf gestapelten Rundhölzern spielen, ich bin sicher im Umgang mit Giftpflanzen und esse mit Kindern keine Pflanzen, bei denen Verwechslungsgefahr besteht, Spielflächen dürfen sich nicht unter durch Trockenheit oder Windbruch geschädigten Bäumenbefinden.Immer vorteilhaft ist private Walderfahrung, Sicherheit kann man aber auch durch eine Waldpädagogikprüfung im Rahmen einer Schulung oder durch die Zusammenarbeit mit einem örtlichenFörster gewinnen.Was sollte man bei einem Waldspaziergang immer dabeihaben?Am besten zieht die Gruppe mit einem Bollerwagen los. Darin sollten sich befinden: Eine Erste-Hilfe-Ausrüstung, extra Wasser zum Trinken bei Dehydrierung, zum Händewaschen oder zum Reinigen vonWunden,Kreative Ideenbörse Kindergarten, Ausgabe 3, 8/202081

Bewegung & Gesundheit„Walderlebnisse sind Win-win-Situationen für Kinder und Fachkräfte!“ eine Ersatzmütze und ein Ersatzschal für Kinder, die nicht ausreichend warm angezogen sind, eine Decke.Außerdem sollte man immer einen Plan B im Kopf haben, um sofort reagieren zu können, wennman merkt, die Fläche ist doch ungeeignet oder das Wetter ändert sich.Einen Waldbesuch kann man nur bis zu einem gewissen Maß planen (typische Gefahren) – wovonkönnen Pädagog*innen überrascht werden (atypische Gefahren) und wie können sie schnell angemessen reagieren?Einen unerwarteten Wetterumschwung kann es immer geben, auch wenn eine App verwendetwird. Dann ist ein frühzeitiger Rückzug (beim ersten Donner) wichtig.Den Kindern kann zu heiß oder zu kalt sein. Kinder reagieren anders als Erwachsene auf die Kälteoder Hitzereize. Sie kühlen schneller aus, haben sie im Winter nur Gummistiefel an, da diese nichtisolieren. Dass solches Schuhwerk ungeeignet ist und für kalte Füße sorgt, müssen Fachkräfte unbedingt an die Eltern kommunizieren ebenso wie die Notwendigkeit von Sonnenschutz und ausreichend nicht gesüßten Getränken im Hochsommer.Tipp: Kleiderfundus einrichtenSozial schwachen Familien fehlt oftmals die Ausrüstung für einen Waldausflug –bieten Sie, wenn möglich, einen Fundus an Ersatzkleidung im Kindergarten an.Es besteht die Möglichkeit, dass bewährtes Gelände plötzlich aufgrund einer Bevölkerung durchEichenprozessionsspinner, Erdwespen o. Ä. ungeeignet ist.Es kann immer wieder vorkommen, dass der Kindergruppe Mountainbiker, Reiter, Spaziergänger,die ihre Hunde frei laufen lassen, oder zutrauliche Wildtiere begegnen – das sind überraschendeMomente, in denen Fachkräfte reagieren müssen.Wildschweingebiete gilt es generell zu vermeiden und bei Unsicherheit diesbezüglich mit dem Jäger bzw. Waldbesitzer Rücksprache zu halten.Tiere haben Vorfahrt im Wald – wir ziehen uns zurück!In welchen Fällen muss ein Waldbesuch abgebrochen werden bzw. sollten sich Ausflügler in einengeschützten Raum zurückziehen?Bei ungünstiger Wetterlage (Gewitter, Sturm, Hitze, Kälte) oder für den Fall, dass die Kinder einfachzu unruhig und unberechenbar sind, bei nicht angeleinten Hunden, die außer Kontrolle sind, undallen weiteren atypischen Gefahren dürfen Fachkräfte keine Risiken eingehen und müssen den Muthaben, den Ausflug jederzeit und sofort abzubrechen.Wenn die Gruppe in Not gerät, den Rückzug nicht mehr schafft und auch kein Unterstand in derNähe ist, sollte man nicht zögern, andere um Hilfe zu bitten, parallel umgehend den Kindergartenzu informieren und ggf. auch einen Notruf abzusetzen.Die Sicherheit der Kinder geht immer vor!Welche Besonderheiten gelten für die Aufsichtspflicht im Wald?Fachkräfte sind gefordert, alle Kinder, mit denen sie unterwegs sind, im Blick zu haben. Dementsprechend ist auch der Bereich abzugrenzen, in dem die Kinder aktiv sind. Aufsichtspflichtige Per82Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, 95326 Kulmbach

Bewegung & Gesundheit„Walderlebnisse sind Win-win-Situationen für Kinder und Fachkräfte!“sonen müssen präsent und zu jeder Zeit ansprechbar sein, wenn Kinder um Hilfe bitten. Gefahrenund Risiken zu erkennen und Kinder davor zuschützen, liegt ebenfalls in der Verantwortung derErzieher*innen – das gilt im Wald ebenso wie inden Kita-Räumlichkeiten. Es ist aber völlig normal,dass Kinder auch einmal hinfallen oder von einemInsekt gestochen werden, das kann niemand abwenden. Außerdem gilt, niemals mit einer Gruppealleine, sondern nur mit mindestens einer weiterenBegleitperson unterwegs zu sein. puhimec – stock.adobe.comWofür können Pädagog*innen haftbar gemacht werden? / Wann sind Erzieher*innen für Unfällehaftbar?Wenn die Fachkräfte die Kinder nicht im Blick haben oder gefährliche Situationen zulassen. Meiner Meinung nach ist die Grenze zwischen zumutbarer und nicht zumutbarer Verantwortung sehrdeutlich. Es ist zumutbar, dass Erzieher*innen dafür Sorge tragen, dass Kinder nicht auf Holzpolteroder zu hoch in Bäume klettern oder sich nach dem Kontakt mit giftigen Pflanzen die Hände waschen – ebenso wie, dass sie nicht unter brüchigen Bäumen spielen oder die Gruppe bei Gewitteroder Ozonwarnung loszieht.Kinder haben ein eingeschränktes Handlungsvermögen, damit darf nicht leichtsinnig umgegangenwerden und gewisse Risiken müssen von vorneherein ausgeschlossen werden. Auf der anderen Seite sollen sich Kinder frei bewegen und auch einmal gezielt hinfallen, denn sie verlernen zunehmendzu fallen, weil man ihnen alles aus dem Weg räumt. Gerade im Wald, wenn sie einmal stolpern unddann wieder aufstehen oder beim Fangen aneinander vorbeilaufen müssen, ist das die beste Schulung für die Bewegungsfähigkeit.Was ist zu tun, wenn doch einmal ein Unfall passiert?Entscheidend ist es hier, eine Struktur zu haben und souverän zu bleiben: Ich muss vorab prüfen, ob ich im Bereich der ausgewählten Fläche Mobilfunknetz habe, umeinen Notruf absetzen zu können. Beim Ausflug selbst muss ich dann natürlich ein Handy dabeihaben. Wenn ein Unfall passiert, bin ich immer noch in der Aufsichtspflicht für alle anderen Kinder undmuss entweder klären, wer sich kümmert, oder ich muss den Kindern eine Anweisung geben,sich während der Versorgung in unmittelbarer Nähe dazuzusetzen, und sie ggf. miteinbinden. Dann muss ich den Notruf absetzen, schildern, was passiert ist, und anschließend die sogenannte Rettungskette einleiten. In den meisten Wäldern gibt es Rettungstreffpunkte, die ich am Telefon durchgeben kann. Mir muss bewusst sein, dass es draußen länger dauert, bis ein Rettungswagen da ist und es bei mir liegt, entsprechende Maßnahmen zu treffen. Das verletzte Kindmuss umgehend vernünftig gelagert werden, damit es nicht auskühlt. Auch ein Rucksack kannunter die Beine gelegt werden. Außerdem muss ich beruhigend auf es einwirken.!Hinweis:Wenn Fachkräfte in Panik geraten, übertragen sie das auf die gesamte Gruppe.Das kann fatale Folgen haben, denn Kinder, die in Panik geraten, handeln nichtlogisch, sie können die Situation nicht verarbeiten und laufen eventuell davonoder fangen an zu weinen. Es ist wichtig, zwar zu sagen, was los ist, zugleichaber Sicherheit auszustrahlen.Kreative Ideenbörse Kindergarten, Ausgabe 3, 8/202083

Bewegung & Gesundheit„Walderlebnisse sind Win-win-Situationen für Kinder und Fachkräfte!“Im Notfall kann ich nichts falsch machen, nur durch Unterlassung kann ich dem Kind schaden.Ist die Unfallgefahr im Wald höher als in der „geschützten“ Einrichtung?In den Einrichtungen gibt es zahlreiche Gefahren und meiner Meinung nach sind sie dort sogar vielhöher. Die Kinder fühlen sich in den meist normierten Räumen sicher, zanken sich, sind unkonzentriert, stolpern, stürzen oder fallen mit dem Stuhl um. Im Wald ist das anders: Wenn Kinder gelernthaben, sich zu bewegen, sind sie sehr aufmerksam bei dem, was sie tun.Wie können pädagogische Fachkräfte Ängste bezüglich der Unfallgefahren abbauen?Wir machen uns selbst viel zu viele Ängste, ja sogar Panik z. B. in Bezug auf Zecken, Eichenprozessionsspinner etc. Die meisten Unfälle passieren jedoch im Haushalt. Je vertrauter Erzieher*innen mitdem Wald sind, umso mehr werden sie sehen, dass die Gefahren im Wald relativ gering sind – vorausgesetzt sie halten die No-Gos ein.Wie erleben Sie die Erwartungshaltung der Eltern bezüglich der Sicherheit bei Waldaufenthalten?Inwiefern sind auch die Eltern mit in der Pflicht, dass Walderlebnisse gelingen?Eltern, die keine Beziehung zum Wald haben, äußern oft zahlreiche Bedenken, was die Hygiene imWald und die von Insekten ausgehenden Gefahren betrifft. Hier kann die Kita mit einem Infoabendreagieren und die Eltern miteinbinden. In diesem Rahmen oder auch in Form eines Elternbriefeskönnen Fachkräfte erklären, was sie vorhaben und warum dies wichtig für die kindliche Entwicklung ist.Zu den Pflichten: Eltern müssen ihr Kind unbedingt richtig anziehen und keinesfalls Ängste bei ihmschüren, sondern es ermutigen und Vertrauen in seine Kompetenzen haben.Walderfahrung ist die beste Unfallprävention! Im Wald lernen die Kinder Geschicklichkeit.Fällt es Eltern schwer, den Pädagog*innen zu vertrauen? / Wie kann Vertrauen aufgebaut werden?Kinder müssen auch mit Gefahren umgehen können, es gibt allerdings Eltern, die mehr Wert darauf legen, dass ihr Kind nicht dreckig nach Hause kommt, auch wenn selbst die Gemeindeunfallversicherung bestätigt, dass Kinder draußen spielen und in unebenem Gelände laufen, fangen undspringen lernen müssen. Das muss man den Eltern unbedingt klarmachen, dass sich draußen zubewegen und mit allen Sinnen etwas wahrzunehmen die beste Unfallprävention ist.Bei einem Elternabend können Fachkräfte deutlich machen, dass sie erfahrene, kompetente, gutvorbereitete und geschulte Experten mit Ortskenntnis sind, die Wert auf Sicherheit legen, jedemWaldausflug eine Gefahrenrisikoanalyse vorausgeht und die Gruppe nur mit ausreichend Betreuernloszieht.Gibt es Gründe, die gegen einen Waldspaziergang sprechen? / Können alle Kinder der Einrichtungteilnehmen (U3 / Kinder mit Fluchterfahrungen / Inklusion)?Bei extrem ängstlichen Kindern muss gut überlegt werden, wie man ihnen Sicherheit geben kann.Kleinkinder, die noch alles in den Mund nehmen, können nur bei einem entsprechenden Betreuungsschlüssel mit in den Wald kommen.Körperliche oder geistige Behinderung ist i. d. R. überhaupt kein Ausschlusskriterium. Auch diesenKindern kann ich ein Walderlebnis ermöglichen, wenn ich die entsprechenden Voraussetzungenschaffe, offen bin und unterstützend noch die Betreuer der Kinder mit dabei sind und hier ebensowie mit den Eltern enge Absprachen erfolgen.84Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, 95326 Kulmbach

Bewegung & Gesundheit„Walderlebnisse sind Win-win-Situationen für Kinder und Fachkräfte!“ Jacob Lund – stock.adobe.comEs gibt Kinder, die noch nie die Möglichkeit hatten, ein Walderlebnis zu erfahren, weil beispielsweise die Eltern viel Angst haben. Häufig sind das Kinder mit Migrationshintergrund. Das kann z. B. ander Kultur der Eltern liegen. In der Türkei ist beispielsweise der Wald Privateigentum und eine Betretung nicht möglich. Man bevorzugt eher Parkanlagen, die auch über sanitäre Einrichtungen undFeuerstellen verfügen. In Deutschland darf jeder zum Zweck der Erholung den Wald betreten, daskennen diese Eltern aber nicht oder aber sie haben einfach keine Beziehung zum deutschen Wald,die mit unserer vergleichbar ist. Wir sind hier stark kulturell geprägt und es gibt viele Märchen, Lieder und Gedichte, die vom Wald erzählen. Gerade Kinder nichtdeutscher Herkunft sind dann ganzbegeistert, lernen durch die zahlreichen Sprechanlässe unheimlich viel und machen somit großeFortschritte in der Sprachentwicklung. Solche Erfolge motivieren. Bestenfalls animieren diese Kinder dann auch ihre Eltern, mit in den Wald zu gehen und diesen kennenzulernen.Wer nun Mut gefasst hat – was empfehlen Sie Pädagog*innen, die den Schritt in Richtung mehrWaldpädagogik wagen möchten?Selbst viel in den Wald zu gehen und die Natur auf sich wirken zu lassen. Es ist wichtig, an seineneigenen Gefühlen zu erfahren: Wald tut mir gut! Neben der persönlichen Einstellung kann auchdas Reinschnuppern in ein Waldpädagogikseminar oder das Hospitieren in einer Einrichtung mitviel Walderfahrung hilfreich sein. Dann steht dem Ausprobieren einer Waldbegegnung nichts mehrim Weg und Kinder und Erzieher*innen haben die Chance auf ein schönes gemeinschaftsförderndes Gruppenerlebnis.Wer es von vorneherein als Stress sieht, mit den Kindern unterwegs zu sein, wird auch im WaldStress haben. Wer aber mit Freude dabei ist, wird schnell merken, wie toll es ist, sich gemeinsammit den Kindern zu bewegen, wie rasch die Kinder Fortschritte machen, wie entspannend dieWalddüfte wirken und welche Hörwelten sich abseits des Alltagslärms erschließen.Tipp:Viele wertvolle Informationen zu Waldpädagogik in der Kita hält auch die Zeitschrift der Natur- und Umweltschutz-Akademie NRW „NUAncen“ bereit. Jetztkostenfrei entdecken unter www.nua.nrw.de/publikationen/nuancen/ .Kreative Ideenbörse Kindergarten, Ausgabe 3, 8/202085

Zeichnungen: Sarah NeubingMediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KGKreative Ideenbörse Kindergarten – Im Wald heißt es aufmerksam sein! – Ausgabe 3, 8/2020

Zeichung: Sarah NeubingPoster „Im Wald heißt es aufmerksam sein!“ – Kreative Ideenbörse Kindergarten, Ausgabe 3, 8/2020

Krie Kindergarten Kita und Hort . yAlle eitrge dieser Ausgabe finden Sie hier. Piktogramme In den eitrgen werden – e nach Fachbereich und hema – unterschiedliche Piktogramme verwendet yEine bersicht der verwendeten Piktogramme finden Sie hier. .