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Glossar Soziale Arbeit im öffentlichen RaumWien, Februar tenzzentrum für Soziale ArbeitGlossarSoziale Arbeit im öffentlichen RaumKurz- und LangfassungenStand: Februar 2011Projektleitung: Mag. Dr. Richard KrischDSA Christoph Stoik MAAutorInnen:Mag. Dr. Richard KrischDSA Christoph Stoik MADSAin Evelyn Benrazougui-Hofbauer MAMag. (Fh) Johannes Kellner-1-

Glossar Soziale Arbeit im öffentlichen RaumWien, Februar tenzzentrum für Soziale ArbeitInhaltsverzeichnis1. Zum vorliegenden Glossar.32. Professionelle Handlungskonzepte.72.1 Offene Kinder- und Jugendarbeit.72.2 Gemeinwesenarbeit.152.3 Aufsuchende Soziale Arbeit.213. Professionelle Handlungsebene.253.1 Zielgruppen – AdressatInnen – AkteurInnen .253.2 Parteilichkeit.273.3 Niederschwelligkeit.303.4 Ressourcenorientierung.313.5 Empowerment.333.6 Sozialraumanalyse.343.7 Soziale Netzwerkarbeit.373.8 Konfliktbearbeitung.393.9 Soziale Stadtentwicklung – Stadtteilmanagement.413.10 lokal, regional, Grätzel, Stadtteil .433.11 Regionalforen und Vernetzungsforen.453.12 Mehrfach- und Zwischennutzung.474. Sozialpädagogische/sozialarbeitstheoretische Einbettungen.504.1 Emanzipation.504.2 Lebensweltorientierung.524.3 Lebensbewältigung.534.4 Politische Bildung .554.5 Sozialraumorientierung.575. Sozial-/gesellschaftspolitische Zugänge.615.1 Öffentlicher Raum.615.2 Diversität.635.3 Gender.665.4 Integration/Ausschluss – Inklusion/Exklusion.685.5 Partizipation.705.6 Zivilgesellschaft.735.7 Governance.765.8 Nachhaltige Entwicklung.78-2-

Glossar Soziale Arbeit im öffentlichen RaumWien, Februar tenzzentrum für Soziale Arbeit1. Zum vorliegenden GlossarIm Rahmen des Forschungsprojekts „Erstellung eines Glossars Soziale Arbeit im öffentlichenRaum“ wird eine Begriffsbestimmung zur Sozialen Arbeit im öffentlichen Raumvorgenommen. Das Glossar bietet den AkteurInnen der Sozialen Arbeit im öffentlichen Raumfachliche und inhaltliche Orientierung. Angesprochen sind Handlungsfelder in fünfGeschäftsgruppen der Stadt Wien (GGr. Bildung, Jugend, Information und Sport; GGr.Gesundheit und Soziales; GGr. Integration, Frauenfragen, KonsumentInnenschutz undPersonal; GGr Stadtentwicklung und Verkehr; GGr. Wohnen, Wohnbau undStadterneuerung), die in der ressortübergreifenden Beratungsgruppe „Soziale Arbeit imöffentlichen Raum“ vernetzt sind. Die vorliegende Fassung wurde in dieser Form im Juli2010 fertiggestellt und im Februar 2011 von allen fünf zuständigen StadträtInnenangenommen und freigegeben.Durch das Glossar wird eine begriffliche Festlegung über die zentralen Bereiche derSozialen Arbeit im öffentlichen Raum ermöglicht und der spezifische Zugang und dieRolle der professionellen Sozialen Arbeit in Bezug auf die Gestaltung öffentlicher Räumethematisiert. Die Begriffe beziehen sich auf professionelles Handeln der Sozialen Arbeit imhalb-, teil- bzw. öffentlichen Raum.Aus der Sicht der Sozialen Arbeit ist der öffentliche Raum nicht nur über Besitzverhältnissebzw. Nutzungsrechte (teil-, halb- und öffentliche Räume) definiert, sondern auch als Ort deröffentlichen Aushandlung unterschiedlicher Interessen, Problemlagen und Bedürfnisse.Öffentliche Räume sind darüber definiert, dass unterschiedliche Interessen sichtbarwerden, mitunter konflikthaft zum Ausdruck kommen, schließlich aber öffentlich diskutiertund Interessensausgleiche verhandelt werden (demokratiepolitische Dimension).Aufgrund der demokratiepolitischen Bedeutung des öffentlichen Aushandelns undAusgleichs von Interessen, kommt dem öffentlichen Raum und dessen Zugänglichkeiteine besondere Bedeutung zu. Insbesondere für Menschen und Gruppen, die über wenigerMöglichkeiten verfügen, ihre Interessen öffentlich zu machen, ist die Zugänglichkeit zuderartigen Räume zu gewährleisten (vgl. dazu auch Wiener Leitbild für den öffentlichenRaum 2009).Soziale Arbeit ist definiert als professionelles Handeln - sowohl in einersozialpädagogischen als auch sozialarbeiterischen Tradition- in Form einer Bearbeitungsozialer Probleme, gesellschaftlicher Fragestellungen und Entwicklungstatsachen. Dabeigeht es um die Erweiterung individueller und kollektiver Handlungsfähigkeiten, derGewährung von Hilfen, wie auch um die Gestaltung von sozialem Wandel, derThematisierung von Ungleichheitsentwicklungen sowie der Umgang mit gesellschaftlicherHeterogenität. Soziale Arbeit wird hierbei von Grundsätzen wie den Menschenrechtenangeleitet.Aufgabe Sozialer Arbeit im öffentlichen Raum ist, die soziale Sicherheit von Menschen undGruppen anzusprechen und deren Marginalisierung und Verdrängung entgegenzuwirken.Eine sozialpolitische Dimension der Sozialen Arbeit besteht dabei darin, Interessensichtbar zu machen und demokratische Aushandlungsprozesse zu gestalten. Siewendet sich explizit gegen die Verdrängung von Interessenslagen aus der öffentlichenWahrnehmung. Andererseits hat die Soziale Arbeit auch die Aufgabe, Menschen undGruppen vor der Öffentlichkeit zu schützen, wenn diese Gefahr laufen, stigmatisiert zuwerden.-3-

Glossar Soziale Arbeit im öffentlichen RaumWien, Februar tenzzentrum für Soziale ArbeitSoziale Arbeit beschäftigt sich mit Bildungs-, Erziehungs- und Sorgeprozessen und istExpertin dafür, wie Menschen diese organisieren bzw. welche Ressourcen sie dafürbenötigen und mit welchen Problemen sie konfrontiert sind.Soziale Arbeit hat im Rahmen einer Sorgedimension die Aufgabe, Bedürfnisse, Interessenund Problemlagen rund um das Thema „Care“ (Kinderbetreuung, Betreuung kranker undälterer Menschen, etc.) sichtbar zu machen. Diese Sorgeprobleme können öffentlich sichtbarsein, oder müssen sichtbar gemacht werden, um über öffentliche bzw. private Verantwortungverhandeln zu können.Die Bildungsdimension der Sozialen Arbeit zielt auf die Erweiterung derHandlungskompetenzen von Menschen ab.Auf eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Regeln und Normen beziehtsich die Erziehungsdimension Sozialer Arbeit. In Bezug auf den öffentlichen Raum könnenRegeln und Normen gewährleisten, dass Menschen den öffentlichen Raum nutzen können,oder aber auch zu Verdrängungsdynamiken führen. Hier ist ein reflexive und kritischeAuseinandersetzung für die Soziale Arbeit im öffentlichen Raum besonders notwendig.Als empirische Grundlage für dieses Glossar wurden Einrichtungen erfasst, welche SozialeArbeit im öffentlichen Raum leisten. Es handelt sich um Organisationen, die im öffentlichenRaum mit Konflikten, sozialen Problemen bzw. Entwicklungstatsachen konfrontiert sind undderen Handeln sich auch auf den öffentlichen Raum beziehen:Offene Kinder- und Jugendarbeit (Einrichtungsbezogene und Herausreichende Kinder- undJugendarbeit, Mobile Jugendarbeit, Wiener Parkbetreuung), Drogenstreetwork, Help U,SAM, Wohnpartner, Gebietsbetreuungen für Stadterneuerung, Nachbarschafts- undStadtteilzentren, Projekte und Einrichtungen der MA 17, Angebote der Wohnungslosenarbeit,Arbeit mit SexarbeiterInnen, Lokale Agenda 21, Psychosozialer Dienst, sowieVernetzungsstrukturen (z.B. Regionalforen).Die Konzepte und Selbstdarstellungen dieser Einrichtungen stellten den Ausgangspunkt fürdie empirische Erarbeitung der begrifflichen Festlegungen dar. Es wurden relevante Begriffeerhoben und deren Verwendung in den unterschiedlichen Einrichtungen bzw. Bereicheneinander gegenübergestellt.In einem zweiten Schritt wurde der aktuelle fachlich-theoretische Diskurs zusammengefasstund mit den zuvor erhobenen Begrifflichkeiten in Bezug gesetzt.Darüber hinaus wurden zentrale theoretische Termini, welche sich für den Diskurs derSozialen Arbeit im öffentlichen Raum als relevant herausgestellt haben, auf vier Ebenen,welche sich teilweise überschneiden, gegenübergestellt (professionelle Handlungskonzepte,professionelle Handlungsebenen, ttungen, sozial-/gesellschaftspolitische Zugänge).Die professionellen Handlungskonzepte stellen Grundkonzepte für die Soziale Arbeit imöffentlichen Raum dar, die je nach Aufgabenstellung zur Anwendung kommen bzw. auch alsMischformen auftreten können. So orientieren sich beispielsweise die Einrichtungen der„Offenen Kinder- und Jugendarbeit“ auch an der „Gemeinwesenarbeit“, bzw. fließen Aspekteder „Aufsuchenden Sozialen Arbeit“ in ihre Konzepte ein.Unter dem Überbegriff „professionelle Handlungsebenen“ finden sich Definitionen, dieErweiterungen und Spezifizierungen der Handlungskonzepte darstellen (u.a. auchprofessionelle Haltungen und Methoden), aber auch Begriffe, die in der Praxis zurAnwendung kommen und für die Soziale Arbeit im öffentlichen Raum Bedeutung haben (z.B.„Mehrfach- und Zwischennutzung“).-4-

Glossar Soziale Arbeit im öffentlichen RaumWien, Februar tenzzentrum für Soziale ArbeitUnter „sozialpädagogische/sozialarbeits-theoretische Einbettung“ werden Ansätzedefiniert, welche in der aktuellen Fachdiskussion die theoretische Grundlage derprofessionellen Handlungskonzepte aus der Perspektive der Sozialen Arbeit darstellen.Unter „sozial- und gesellschaftspolitischen Zugängen“ werden Grundgedankenaufgenommen, die eine Bedeutung in Bezug auf die Soziale Arbeit im öffentlichen Raumhaben und deren gesellschaftliche Rahmung bilden.Die Begriffe in diesem Glossar beschreiben die Soziale Arbeit im öffentlichen Raum in Wienin ihren fachlich – theoretischen Ausdifferenzierungen. Diese ausgewähltenBegrifflichkeiten und Definitionen ermöglichen eine Reflexion der verschiedenen Ansätze,aber auch deren Positionierungen, bezogen auf im Glossar formulierte Zugänge, Haltungenund Perspektiven.Hier finden sich nun die Kurzfassungen mit den jeweilig zugehörigen Langfassung mitkonkreterem Wiener Praxisbezug. Die Langfassungen stellen jeweils vertiefendeErweiterungen der Kurzfassungen dar und enthalten Literaturverweise.Die wissenschaftlich-fachliche Beratung für die Erstellung des Glossars erfolgte durch:Prof. Dr. Wolfgang Schröer (Universität Hildesheim), Prof. Dr. Fabian Kessl (UniversitätDuisburg/Essen), Prof. Dr. Ulrich Deinet (Fachhochschule Düsseldorf), Dr.in SabineStövesand (Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg), Dipl. Soz. Wiss. MarcDiebäcker (FH Campus Wien), Mag.a Dr.in Elisabeth Raab-Steiner (FH Campus Wien), Mag.(FH) DSA Josef Schörghofer (FH Campus Wien).LiteraturChassé, Karl August/von Wensiersky, Hans Jürgen (Hg.) (2004): Praxisfelder der SozialenArbeit. 3. Auflage. Weinheim und München: Juventa.Becker, Gerd/Simon, Titus (Hg.) (1995): Handbuch Aufsuchende Jugend- und Sozialarbeit.Theoretische Grundlagen, Arbeitsfelder, Praxishilfen. Weinheim und München: Juventa.Böhnisch, Lothar (2005): Lebensbewältigung. Ein sozialpolitsch inspiriertes Paradigma fürdie Soziale Arbeit. In: Thole, Werner (Hg.): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendesHandbuch. 2. Auflage. Wiesbaden: VS-Verlag, 199-213.Böhnisch, Lothar (2008): Sozialpädagogik der Lebensalter. Eine Einführung. 5. überarbeiteteund erweiterte Auflage. Weinheim und München: Juventa.Böhnisch, Lothar/Schröer, Wolfgang/Thiersch, Hans: Sozialpädagogisches Denken. Wegezu einer Neubestimmung. Weinheim und München: Juventa.Böhnisch, Lothar/Lenz, Karl/Schröer, Wolfgang (2009): Sozialisation und Bewältigung.Einführung in die Sozialisationstheorie der zweiten Moderne. Weinheim und München:Juventa.Deinet, Ulrich/ Sturzenecker, Benedikt (Hg.) (2005): Handbuch offene Jugendarbeit. 3.Auflage. Wiesbaden: VS-Verlag.Dewe, Bernd/Otto, Hans-Uwe: Reflexive Soziale Arbeit. In: Thole, Werner (Hg.): GrundrissSoziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. 2. Auflage. Wiesbaden: VS-Verlag, 179-198.-5-

Glossar Soziale Arbeit im öffentlichen RaumWien, Februar tenzzentrum für Soziale ArbeitGaluske, Michael (2007): Methoden der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. 7. Auflage.Weinheim und München: Juventa.Geißler, Karlheinz A./Hege, Marianne (2006): Konzepte sozialpädagogischen Handelns. 11.Auflage. Weinheim und München: Juventa.IFSW – International Federation of Social Work (2005): Definition von Sozialarbeit. Online imInternet: http://www.ifsw.org/en/p38000409.html [17.03.2010]Kessl, Fabian/Reutlinger, Christian (2007): Sozialraum. Eine Einführung. Wiesbaden: VSVerlag.Krisch, Richard (2009): Sozialräumliche Methodik der Jugendarbeit. Aktivierende Zugängeund praxisleitende Verfahren. Weinheim und München: Juventa.Müller, Carl Wolfgang (2001): Helfen und Erziehen. Weinheim: Beltz.Oelschlägel, Dieter (2005): Gemeinwesenarbeit. In: Otto, Hans-Uwe/Thiersch, Hans (Hg.):Handbuch der Sozialarbeit/Sozialpädagogik. 3. Auflage. Neuwied/Kriftel: Luchterhand. S.653 – 659.Otto, Hans-Uwe/Thiersch, Hans (Hg.) (2005): Handbuch der Sozialarbeit/Sozialpädagogik. 3.Auflage. Neuwied/Kriftel: Luchterhand.Silbereisen, Rainer K./Zinnecker, Jürgen (1999): Entwicklung im sozialen Wandel.Weinheim: Psychologie Verlags Union.Spiegel, Hiltrud von (2004): Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit. Weinheim/Basel:Beltz.Schröer, Wolfgang/Struck, Norbert/Wolf, Mechthild (Hg.) (2002): Handbuch Kinder- undJugendhilfe. Weinheim: Juventa.Stadtentwicklung Wien, MA 19 (2009): Freiraum-Stadtraum-Wien. Vorsorge, Gestaltung,Management. Das Wiener Leitbild für den öffentlichen Raum. Stadt Wien. Wien.Stoik, Christoph (2009): Wiener Gemeinwesenarbeit am Scheideweg. Wiener Ausprägungenzwischen Emanzipation und lokaler Steuerung. In: Sing, Eva/Heimgartner, Arno (Hg.):Gemeinwesenarbeit in Österreich. Graz. Grazer Universitätsverlag, S. 33-54.Thole, Werner (Hg.) (2005): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. 2.Auflage. Wiesbaden: VS-Verlag.-6-

Glossar Soziale Arbeit im öffentlichen RaumWien, Februar tenzzentrum für Soziale Arbeit2. Professionelle HandlungskonzepteDie professionellen Handlungskonzepte stellen Grundkonzepte für die Soziale Arbeit imöffentlichen Raum dar, die je nach Aufgabenstellung zur Anwendung kommen.Einrichtungskonzepte richten sich etwa an der Konzeption der „Offenen Kinder- undJugendarbeit“, an der „Gemeinwesenarbeit“, oder an der „Aufsuchenden Sozialen Arbeit“aus.Ziel der „Offenen Kinder- und Jugendarbeit“ bzw. der „Gemeinwesenarbeit“ ist es, Menschendabei zu unterstützen, sich Kompetenzen anzueignen, Handlungsoptionen zu erweitern, ihreInteressen zu formulieren und sich an öffentlichen Aushandlungsprozessen zu beteiligen.„Aufsuchende Soziale Arbeit“, aber auch „Gemeinwesenarbeit“ kommen vor allem dann zurAnwendung, wenn Menschen, die von gesellschaftlicher Marginalisierung betroffen sind,unterstützt werden sollen. Auch hier geht es um die Erweiterung der Handlungsoptionen,aber auch besonders um die Versorgung und Integration/Inklusion benachteiligterMenschen.Diese professionellen Handlungskonzepte können in Einrichtungen auch als Mischformenauftreten. So orientieren sich beispielsweise die Einrichtungen der „Offenen Kinder- undJugendarbeit“ auch an der „Gemeinwesenarbeit“, bzw. fließen Aspekte der „AufsuchendenSozialen Arbeit“ in ihre Konzepte ein.Die „professionellen Handlungskonzepte“ orientieren sich dabei zum einen an der„Methodenlehre der Sozialen Arbeit“ (vgl. u.a. Galuske 2007; Geißler/Hege 2006; Hiltrud vonSpiegel 2004) zum anderen an den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit (vgl. u.a.Chassé/Wensierski 2004; Thole 2005).2.1 Offene Kinder- und Jugendarbeit2.1.1 KurzfassungOffene Kinder- und Jugendarbeit ist ein sozialpädagogisches Arbeitsfeld bzw. sozialräumlichorientiertes Angebot, welches das Ziel hat, Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung,ihrer Identitätsfindung und in ihrer gesellschaftlichen Teilhabe zu unterstützen und dabeiverschiedene Lern–, Bildungs- und Sozialisationsprozesse zu ermöglichen bzw. zu fördern.Sie basiert auf dem Prinzip der Offenheit, der Freiwilligkeit, der Bedürfnisorientierung, derFlexibilität; sie versteht sich in ihrem Zugang zu Jugendlichen als sozialräumlich- undlebensweltorientiert, orientiert sich maßgeblich an der Diversity- und Genderperspektive undstellt die aktive Partizipation Heranwachsender und deren Selbstbestimmung in denVordergrund. Sie betreibt Lobbying für Jugendliche und nimmt damit ein jugendpolitischesMandat wahr. Die Methoden der Kinder- und Jugendarbeit stammen aus dem Bereich derSozialpädagogik/Sozialarbeit und decken beispielsweise von der Gruppen-, Projektarbeitund Konfliktmoderation allgemeine sozialpädagogische Methoden genauso ab, wie mitStreetwork, Jugendkulturarbeit, soziokultureller Animation, Medienpädagogik,Öffentlichkeitsarbeit oder der Sozialraumanalyse ganz spezifische Formen der Methodikeiner offenen Jugendarbeit.Offene Kinder- und Jugendarbeit wirkt im öffentlichen Raum und unterscheidet sich in ihrenAngebotsformen in Wien zwischen der Arbeit in Jugendzentren und Jugendtreffs mitHerausreichender Arbeit, der Mobilen Jugendarbeit und dem weiten Feld der Parkbetreuung.-7-

Glossar Soziale Arbeit im öffentlichen RaumWien, Februar tenzzentrum für Soziale ArbeitOffene Kinder- und Jugendarbeit versteht sich als Teil der Bildungslandschaften, die sich alsRessource der Lebensbewältigung neben der Schule an den lebens- und alltagsweltlichenThemen und Interessen der Jugendlichen orientiert. Daher ist die Kinder- und Jugendarbeitdarin gefordert, ihre Angebote, auch in territorialer Hinsicht (herausreichend – mobil) immerwieder an den vielfältigen und unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen derJugendlichen anzupassen, wobei hier Jugendliche nicht als homogene Gruppe verstandenwerden.Einrichtungsbezogene und herausreichende Kinder- und Jugendarbeit gehtvon Standorten der Jugendarbeit, wie Jugendzentren oder Jugendtreffs aus, indenen sie frei zugängliche Gesellungs-, Erlebnis- und Erfahrungsräume mitsozialpädagogischer Ausrichtung anbietet. Dem sozialräumlichen Ansatz folgendentwickeln sie auch eine regelmäßige Präsenz in ihrem Sozialraum/Grätzel/Stadtteilund führt freizeitorientierte Angebote etwa in Parks, Wohnhausanlagen oder ananderen öffentlichen Orten durch, um Jugendliche auch außerhalb ihrerEinrichtungen zu erreichen und deren Aneignungsmöglichkeiten zu erweitern.Mobile Jugendarbeit sucht Jugendliche an ihren (wechselnden) Aufenthaltsortenmittels Streetwork auf und ist ein lebensweltorientiertes Unterstützungs-, Beratungsund gegebenfalls Hilfeangebot an Jugendliche. Die AneignungsprozesseJugendlicher im öffentlichen Raum werden auch durch Lobbyarbeit undBeteiligungsprojekte gefördert. Mobile Jugendarbeit verfügt über Anlaufstellen,allenfalls einzelne Räume, und ist an den jugendkulturellen und szeneorientiertenAusdrucksformen orientiert.Parkbetreuung bezieht sich primär auf die als Parks definierten Bereiche desöffentlichen Raums und bietet dort – mitunter saisonal anwesend – Kindern, aberauch Jugendlichen durch soziokulturelle Animation, Spiel- und Freizeitangebotenon-formale und informelle Bildungsmöglichkeiten. Damit leistet die Parkbetreuungeinen wesentlichen Beitrag zum Erhalt und der Entwicklung des öffentlichenRaums als Aneignungs- und Bildungsraum für Kinder und Jugendliche.2.1.2 LangfassungOffene Kinder- und Jugendarbeit ist ein sozialpädagogisches Arbeitsfeld bzw. sozialräumlichorientiertes Angebot, welches das Ziel hat, Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung,ihrer Identitätsfindung und in ihrer gesellschaftlichen Teilhabe zu unterstützen und dabeiverschiedene Lern–, Bildungs- und Sozialisationsprozesse zu ermöglichen bzw. zu fördern.Dies bedingt sie auch bei der Erweiterung ihrer Handlungs(spiel)räume in öffentlichenRäumen zu unterstützen und sie damit auch an der Gestaltung ihrer Lebensumwelt zubeteiligen.Eine Kernaufgabe der Kinder- und Jugendarbeit ist die Unterstützung der Zielgruppen in dersozialräumlichen Aneignung der Umwelt. Aneignungsprozesse im sozialräumlichen Kontextbedeuten, dass sich Kinder und Jugendliche öffentliche Räume z.T. unabhängig funktionalerZuschreibungen erschließen, indem sie sich eigentätig und selbstbestimmt mit diesen – inInteraktionen mit Gleich- und Verschiedenaltrigen – auseinandersetzen, ihre differenziertenKinder- und Jugendkulturen entfalten, ihre Handlungskompetenzen erweitern und prägendeErfahrungen gesellschaftlicher Teilhabe machen. Die Bedeutung nichtkommerziellerFreiräume für diese Aneignungsprozesse und den damit verbundenen Bildungschancen (alsErlebnis- und Erfahrungsräume) ist hier besonders zu unterstreichen.-8-

Glossar Soziale Arbeit im öffentlichen RaumWien, Februar tenzzentrum für Soziale ArbeitOffene Kinder- und Jugendarbeit findet in Wien in spezifischen Formen statt, wobeiJugendzentren/Jugendtreffs mit einrichtungsbezogenen und herausreichendenArbeitsformen und die Mobile Jugendarbeit klassische Formensozialpädagogisch/sozialarbeiterischer Arbeit darstellen, während die Wiener Parkbetreuunginsbesondere im Freizeitbereich spielpädagogische Angebote macht.Alle drei Arbeitsformen bilden sich im öffentlichen Raum ab, wobei auch Jugendzentren undJugendtreffs selbst durch ihre Offenheit und Zugänglichkeit als öffentliche Räume für Kinderund Jugendliche verstanden werden können. Obwohl sich die Arbeitsansätze im öffentlichenRaum ähneln, differenzieren sich bestimmte Schwerpunktsetzungen aus, was sich auch ausden verschiedenen historischen Zugängen begründet:Die Arbeit in Jugendzentren und Jugendtreffs entstammt der Idee der „Offenen Türen“, alsoräumlich vermittelt, niedrigschwellige Bildungs- und Lernangebote zu machen und politischeBildungsprozesse zu fördern. Es ist ein einrichtungsbezogenes Konzept, welches von einemOrt ausgeht, der durch bestimmte pädagogische Arrangements Erfahrungs- undErlebnisräume eröffnen soll.Die Mobile Jugendarbeit entwickelte sich aus der Straßensozialarbeit, die auf der Ideebasiert, über Streetwork gefährdete Jugend(sub)kulturen an ihren Gesellungsortenaufzusuchen und – ausgehend von deren Lebenswelten – gegebenenfalls Unterstützunganzubieten.Die Parkbetreuung wiederum entstammt der Tradition der soziokulturellen Animation und derSpielpädagogik mit der Zielsetzung einer kontinuierlichen Betreuung zur Verbesserung dessozialen Klimas im Park.Selbstverständnis der Offenen Kinder- und Jugendarbeit:Zielsetzung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ist die Förderung von Persönlichkeits- undIdentitätsentwicklung, damit verbunden die Erweiterung von Handlungskompetenzen, dieFörderung politischer Partizipation und öffentlicher Einflussnahme und damit einhergehendergesellschaftlicher Teilhabe von Kindern und Jugendlichen. Bezeichnend für dieaußerschulische Pädagogik ist das Prinzip der Offenheit, das auf die prinzipielleZugänglichkeit für alle Zielgruppen genauso hinweist wie auf die Offenheit bezogen auf dieInteressen, Bedürfnisse und Probleme der Zielgruppen, aber auch auf die Wahrnehmungihrer Stärken und Potenziale. Das Prinzip der Freiwilligkeit beschreibt den freiwilligenCharakter des Besuchs, aber auch die fehlende Verpflichtung an den Angeboten der Kinderund Jugendarbeit teil zu nehmen. Die Bedürfnisorientierung meint, auf die Bedürfnisse,Wünsche und Problemstellungen der Kindern und Jugendlichen mit adäquaten offenenAngeboten zu reagieren. Die Flexibilität weist auf die andauernde Anpassung derAngebotsformen an die gegenwartsorientierten und jugendkulturell überformten Bedürfnisseund Interessen der Zielgruppen hin.Methoden der Kinder- und Jugendarbeit sind u.a.:Beratung, Einzelfallarbeit, Erlebnispädagogik bzw. City Bound Ansätze, Gruppenarbeit,Konfliktmoderation, Lobbying, Medienpädagogik, Öffentlichkeitsarbeit, Projektarbeit,Sozialraumanalyse, Soziokulturelle Animation, Streetwork, Vernetzung, Workshops.-9-

Glossar Soziale Arbeit im öffentlichen RaumWien, Februar tenzzentrum für Soziale ArbeitZentrale Arbeitsansätze:Offene Kinder- und Jugendarbeit versteht sich mit ihrem Anspruch an Bedürfnisorientierunggegenüber den Zielgruppen als sozialräumlich- und lebensweltorientierte Jugendarbeit. Dielebens- und alltagsweltlichen Themen, Interessen und Problemstellungen der Zielgruppensind Ausgangspunkt der Angebote der Kinder- und Jugendarbeit. Ein ganzheitlichesVerständnis für die Lebenswelten Heranwachsender zu entwickeln heißt auch, einen engenBezug zur ihren sozialräumlichen Zusammenhängen, also ihren Lebenslagen, ihrenkonkreten Bedingungen im Stadtteil, ihren Treffpunkten, den Cliquen, Institutionen undRessourcen herzustellen, die ihre Aneignungsmöglichkeiten bestimmen.Es geht darum die alters-, geschlechts- und lebenslagenspezifischen, sozialräumlichenAneignungsformen der Zielgruppen sowohl in den Angeboten wahrzunehmen, als auch inder regionalen Öffentlichkeit zu thematisieren. Die vielschichtige Partizipation von Kindernund Jugendlichen an Gestaltungsprozessen – auch im öffentlichen Raum – die Förderungihrer Selbstorganisationsfähigkeiten und die Unterstützung der selbstbestimmten Artikulationihrer Interessen (auch in politischen Zusammenhängen) stellt eine weitere bedeutendeZielsetzung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit dar.Die Perspektive Diversity meint, von der ‚Wiener Jugend’ in ihrer Vielfältigkeit auszugehen,die Unterschiedlichkeit und Differenz ihrer Lebenslagen und Lebensführung wahrzunehmenund als Potential anzuerkennen. In diesem Zusammenhang weist die Genderperspektive aufdie unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen von Mädchen und Burschen hin,thematisiert geschlechtsbezogene, strukturelle Benachteiligungen und zielt aufGeschlechtergerechtigkeit ab.Einrichtungsbezogene und Herausreichende ArbeitEinrichtungsbezogene und herausreichende Kinder- und Jugendarbeit geht von Standortender Jugendarbeit, wie Jugendzentren und Jugendtreffs aus, in denen sie frei zugänglicheGesellungs-, Erlebnis- und Erfahrungsräume anbietet. Dem sozialräumlichen Ansatz folgendentwickelt sie eine regelmäßige Präsenz in ihrem Sozialraum/Grätzel/ Stadtteil/Gebiet undführt Angebote etwa in Parks oder an anderen öffentlichen Orten durch, um Jugendlicheauch außerhalb ihrer Einrichtungen zu erreichen und deren Aneignungsmöglichkeiten zuerweitern.Jugendzentren als öffentliche RäumeDie Jugendzentren und Jugendtreffs als außerschulischer Erlebnis- und Erfahrungsraumbieten Kindern und Jugendlichen einen Gleichaltrigentreffpunkt an, wobei die Offenheit derEinrichtungen nicht nur auf die Freiwilligkeit des Besuches, sondern auch auf diePartizipation der Jugendlichen hinweist. Die Jugendzentren/treffs sind Kinder- undJugendräume, in denen Anregung und Unterstützung zu gemeinsamer Freizeitgestaltung,Kinder- und Jugendkulturveranstaltungen, sowie Projekte und themenzentrierte Aktionenzu bestimmten Themenfeldern initiiert und unterstützt werden.Gleichzeitig sind die sozialpädagogisch/sozialarbeiterisch geschulten hauptamtlichenBetreuerInnen AnsprechpartnerInnen für Fragen und Probleme kindlicher und jugendlicherAlltags- und Lebensbewältigung. Kontakte zu Schulen und anderen Institutionen im Bezirkversuchen umfassende Unterstützungs- und Beratungszusammenhänge als Ressourceder Lebensbewältigung für Kinder und Jugendliche in der Stadt zu schaffen.Die offenen Bereiche von Jugendeinrichtungen (Eingangsbereich, Bar,Veranstaltungsräume, offene Räume etc.) sind durch ihre freie Zugänglichkeit und ihreunterschiedlichen Raumqualitäten auch Bestandteile des öffentlichen Raums (vgl. diePrinzipien der Offenen Jugend

Soziale Arbeit beschäftigt sich mit Bildungs-, Erziehungs- und Sorgeprozessen und ist Expertin dafür, wie Menschen diese organisieren bzw. welche Ressourcen sie dafür benötigen und mit welchen Problemen sie konfrontiert sind. Soziale Arbeit hat im Rahmen