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L EBENSWEGEWernervon Siemens

Werner von Siemens wurde in Lenthebei Hannover geboren. Am . Dezember jährt sich sein Geburtstag zum . Mal.Aus diesem Anlass hat das Siemens HistoricalInstitute ein biografisches Porträt des Unternehmers und Erfinders veröffentlicht, der vomSohn eines Gutspächters zu einer der herausragenden Persönlichkeiten des . Jahrhundertsaufstieg.Die Broschüre ist der fünfte Band der Schriftenreihe LEBENSWEGE, in der Persönlichkeitenporträtiert werden, die die Geschichte undEntwicklung von Siemens auf unterschiedlicheWeise geprägt haben. Das Spektrum des Personenkreises reicht von den Unternehmern ander Spitze des Hauses über einzelne Vorstandsmitglieder, Techniker und Erfinder bis hin zuKreativen. Bewusst sollen das Leben und dieLeistungen auch von den Menschen vorgestelltwerden, die im Unternehmen nicht in vordersterReihe standen.

Werner von Siemens

Werner vonSiemensLEBENSWEGE . . – . . 2

EinleitungWerner von Siemens, um 1864Es gibt nur wenige Unternehmerpersönlichkeiten, die über dieZeitläufe hinweg so bekannt geblieben sind wie Werner vonSiemens, der »Vater der Elektrotechnik«. Doch in der Biografiedieses Mannes lässt sich sogar 200 Jahre nach seiner Geburt vielNeues entdecken. Mehr noch: Es ist geradezu erforderlich, ein zeitgemäßes Bild von Werner von Siemens zu zeichnen. Hierfür istdie im Siemens Historical Institute überlieferte, rund 6.500 Briefeumfassende Korrespondenz zwischen ihm und seinen Geschwistern eine schier unerschöpfliche Quelle.Werner von Siemens wurde 1816 auf einem Gut im heutigenNiedersachsen geboren und wuchs in eine Zeit hinein, in der sichdie Welt durch die beginnende Industrialisierung wie nie zuvorveränderte. Bereits in der Schulzeit entdeckte er sein Interesse fürMathematik und Technik. Da er sich kein Studium leisten konnte,diente er lange beim Militär, um hier eine technisch-naturwissenschaftliche Ausbildung zu erhalten. In der Anwendung der Elektrizität fand er dann seine Lebensaufgabe. Im Oktober 1847 gründete Werner von Siemens zusammen mit dem FeinmechanikerJohann Georg Halske und seinem Vetter Johann Georg Siemensein Telegrafenbauunternehmen, aus dem die heutige Siemens AGhervorging.Geschäft und Familie waren für Werner von Siemens untrennbar miteinander verbunden; gleich mehrere Geschwister arbeiteten in der Firma mit. Dank des Zusammenhalts der BrüderWerner, William und Carl, die in Berlin, London und St. Petersburgtätig waren, entstand ein multinationales Familienunternehmen,das die Chancen der damaligen ersten Globalisierungsphase zunutzen wusste. Durch die Erfindung der Dynamomaschine imJahr 1866 zählt Werner von Siemens auf dem Gebiet der Elektrotechnik zu den Pionieren eines neuen Zeitalters. Es war nun möglich, Elektrizität für die Erzeugung von Energie, die Beleuchtung5

von Straßen und Häusern oder den Antrieb von Maschinen undFahrzeugen zu nutzen.Im Gedächtnis der Nachwelt ist der Name »Werner vonSiemens« vor allem mit Erfindungen verbunden. Schon wenigeJahre nach seinem Tod wurde er zum Heroen deutscher Technikverklärt. Schulen und Straßen wurden nicht nach dem Unternehmer, sondern dem Erfinder benannt. In den vergangenen Jahrzehnten trat diese Sicht in den Hintergrund – und mit ihr dasBild von Werner von Siemens. Nennenswerte Biografien über ihnwurden in den vergangenen 70 Jahren nur noch von Leitern desSiemens-Archivs beziehungsweise des SiemensForums verfasst.1Dabei ist die Beschäftigung mit Werner von Siemens auchheute ausgesprochen lohnend, wenn man seine gesamte Persönlichkeit in den Blick nimmt und sich ihm ohne Verklärung nähert.Dann wird deutlich, welch unterschiedlicher Fähigkeiten es bedurfte, zugleich ein höchst erfolgreicher Unternehmer, begabter Techniker und Erfinder von Rang zu sein. Jenseits dessen tratWerner von Siemens auch als integrierendes Oberhaupt einer großen Familie hervor. Zusätzlich zeichnet ihn aus, dass er als einerder ersten Industriellen den Zusammenhang zwischen naturwissenschaftlicher Forschung und wirtschaftlicher Entwicklung erkannte. Das Besondere an Werner von Siemens war vor allem seineVielseitigkeit.In der vorliegenden Biografie begegnet uns ein Mann mit festenPrinzipien, der seine Ziele stets mit größter Hartnäckigkeit undAusdauer verfolgte und dabei sowohl Schicksalsschläge als auchDurststrecken überwand. Dies gelang ihm, weil er nicht kurzfristig dachte, sondern Bleibendes schaffen wollte. Die Währung, diefür ihn letztlich zählte, war die »Anerkennung für die Richtigkeitmeiner Handlungen und die Nützlichkeit meiner Arbeiten«.2Herkunft und AusbildungKindheit auf dem LandWerner von Siemens war es nicht in die Wiege gelegt, Unternehmer zu werden. Sein Vater bewirtschaftete als Pächter das Obergutin Lenthe, ein Dorf rund zehn Kilometer westlich von Hannover.Dort wurde Werner von Siemens am 13. Dezember 1816 als viertesKind seiner Eltern geboren. Sein Taufname lautete »Ernst WernerSiemens«, der Adelstitel wurde ihm erst in seinen letzten Lebensjahren verliehen. Die Eltern, Christian Ferdinand Siemens unddessen Frau Eleonore geb. Deichmann, waren nicht vermögend,aber recht gebildet. Sie erzogen ihre Kinder mit viel Liebe und vermittelten ihnen die bürgerlichen Werte jener Zeit. Beide stammtenaus Familien mit einer langen bürgerlichen Tradition.Dass er im Kreis vieler Geschwister aufwuchs, hat Werner vonSiemens zeitlebens geprägt. Zu den beiden älteren GeschwisternLudwig und Mathilde kamen in Lenthe drei Brüder hinzu: Hans,Ferdinand und Wilhelm (ab 1844 William), zwei Geschwister starben bereits im Säuglingsalter. Werner musste früh Verantwortungfür die jüngeren Geschwister übernehmen. Die Welt, in der dieSiemens-Kinder zunächst aufwuchsen, bestand aus den Mitgliedern ihrer Familie, dem Gut und dem Dorf. Die Familie hatte einegroße Verwandtschaft, mit der weitgehend per Brief kommuniziert wurde. Eisenbahnen gab es noch nicht, die von England ausgehende Industrialisierung hatte das Königreich Hannover nochnicht erreicht.2016 Das Geburtshaus Werner von Siemens’ in Lenthe steht noch heute.Aus Anlass seines . Geburtstags wird in dem denkmalgeschütztenGebäude eine Dauerausstellung zum Leben des Elektropioniers eröffnet.67

Für Gutspächter wie Christian Ferdinand Siemens waren esschlechte Zeiten, in ganz Europa litt die Landwirtschaft untereinem Preisverfall. Immer wieder geriet er mit den Pachtzahlungen in Rückstand. Als die Pacht für das Obergut 1823 auslief, botihm der Gutsbesitzer keinen Nachfolgevertrag an. Die achtköpfigeSiemens-Familie musste nach Menzendorf umziehen, ein Dorfetwa 25 Kilometer östlich von Lübeck. Dort konnte der Vater diePacht einer Domäne übernehmen. Auch in Menzendorf, das zumdamaligen Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz gehörte, führtedie Familie ein abgeschiedenes Dasein. Werner von Siemens wuchshier in einer idyllischen Landschaft auf. Doch sein Vater hatte auchmit der Bewirtschaftung dieses Staatsguts keinen Erfolg; wiederholt drohte ihm die Domänenverwaltung wegen der Pachtschulden mit Zwangsvollstreckung. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Kinder. Werner von Siemens bekam weitere vier Brüder: Friedrich,Carl, Franz und Walter. Die älteren Jungen wurden zunächst vonihrer Großmutter unterrichtet. Als Elfjähriger kam Werner vonSiemens in die Bürgerschule in Schönberg. Ein Jahr lang legte erden fast sechs Kilometer langen Schulweg zu Fuß oder auf einemPony zurück; dann entschloss sich sein Vater, mit dem Theologiestudenten Christoph Sponholz einen Hauslehrer einzustellen.Dieser beeindruckte Werner von Siemens tief, indem er seineSchüler zu mehr Ehrgeiz und Höchstleistungen anspornte undsie im Gegenzug mit spannenden Erzählungen belohnte.3Trotz der angespannten finanziellen Lage der Familie legtendie Eltern großen Wert auf eine gute Bildung ihrer Söhne. Wernervon Siemens kam daher im Alter von 15 Jahren gemeinsam mitseinem jüngeren Bruder Hans auf ein renommiertes humanistisches Gymnasium, das Katharineum in Lübeck. Dort zeigte sichbald, dass sein Interesse und seine Neigung der Mathematik galten.Für die alten Sprachen konnte er sich hingegen nicht begeistern.Karte von Norddeutschland, um 18508Ab 1819 In Europa kommt es bedingt durch die anhaltende Überproduktionlandwirtschaftlicher Erzeugnisse zu einer Agrarkrise, die von starken Preisstürzen gekennzeichnet ist.9

Im zweiten Jahr nahm er zusätzlich Privatunterricht in Mathematik und Zeichnen. Schon zu Ostern 1834 verließ er das Gymnasiumohne Abschluss.Ausbildung beim MilitärAm Ende seiner Schulzeit beabsichtigte Werner von Siemens, einStudium an der Berliner Bauakademie zu beginnen. Die Elternkonnten ihm diese teure Ausbildung jedoch nicht finanzieren.Wie sollte es weitergehen? Sein Lübecker Privatlehrer gab demjungen Mann den Rat, sich beim Ingenieurkorps der preußischenArmee als Offiziersanwärter zu bewerben. Diese Laufbahn warmit einem dreijährigen Besuch der Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin verbunden, bei der Werner von Siemens auf Staatskosten eine technisch-naturwissenschaftliche Ausbildung erhaltenwürde. Diesem Rat folgend bewarb sich der 17-Jährige bei der Artillerie, wo die Chancen besser standen als beim Ingenieurkorps;im Herbst 1834 wurde er als Offiziersanwärter aufgenommen. Zunächst musste er zwölf Monate in Magdeburg dienen. In dieserZeit freundete er sich mit dem fast gleichaltrigen Brigadekameraden William Meyer an. Im Herbst des Folgejahres konnten die beiden Freunde auf die Artillerie- und Ingenieurschule wechseln.Dort wurden die Offiziersanwärter von Naturwissenschaftlern derBerliner Universität und anderer Hochschulen in Physik, Chemieund Mathematik unterrichtet. Für Werner von Siemens erschlosssich eine neue Welt. Damals wurde in ihm die Begeisterung fürNaturwissenschaften geweckt, die sein weiteres Leben bestimmte.Den Unterricht in den artillerietechnischen Fächern absolvierteer als Pflichtübung.Im Sommer 1837 bestand Werner von Siemens die Prüfung zumSekondeleutnant, dem untersten Offiziersrang. Im Jahr daraufwar die Ausbildung in Berlin beendet. Er musste zu seiner Einheitnach Magdeburg zurückkehren und war fest entschlossen, die erworbenen naturwissenschaftlichen Kenntnisse anzuwenden. EineKarriere beim Militär strebte er nicht an. Im Gegenteil: Den Militärdienst betrachtete Werner von Siemens einzig als Möglichkeit,die gewünschte Ausbildung zu erhalten und seine Existenz abzusichern, bis er eine Tätigkeit finden würde, die seinen Neigungenentsprach.1799 Die Berliner Bauakademie wird gegründet. Hier erhaltenkünftige Baumeister und Feldmesser unter anderem eine fundiertenaturwissenschaftliche Ausbildung.1834–1849 Werner von Siemens gehört der . Artillerie-Brigade an.Erst anlässlich seines Ausscheidens aus dem Militär im Juni erhält erden nächsthöheren Rang eines Premierleutnants.10Werner von Siemens alsSekondeleutnant, um 1842/4311

Verantwortungsvoller BruderDie folgenden Jahre waren für den jungen Offizier von persönlichen Schicksalsschlägen überschattet. Von Gram und Krankheiten gezeichnet, starben beide Eltern innerhalb eines halben Jahres: die Mutter im Juli 1839 mit 47, der Vater im Januar 1840 mit 52Jahren. Christian Ferdinand und Eleonore Siemens hatten während Werners Ausbildung beim Militär zwei weitere Kinder bekommen, die Tochter Sophie und den Sohn Otto. Bei ihrem Todhinterließen sie zehn unmündige Waisenkinder, für die Vormünder eingesetzt wurden. Werner von Siemens fühlte sich für seinejüngeren Geschwister verantwortlich. Die Vormundschaft konnteer nicht beantragen; nach damaligem Recht galt er selbst noch alsminderjährig. Er übernahm jedoch die Rolle des Familienältesten,da der ältere Bruder Ludwig vom Vater verstoßen worden war. Seinen Bruder William hatte er bereits 1838 zu sich nach Magdeburggeholt. Für die anderen unmündigen Geschwister konnte er nichtstun. Fortan betrachtete er es jedoch als seine Aufgabe, sich fürden Zusammenhalt der Geschwister untereinander einzusetzen.1. Januar 1876 Im Deutschen Reich wird die Volljährigkeit mit Vollendungdes . Lebensjahres festgeschrieben. In vielen Gegenden galt man bis datoerst mit Jahren als volljährig.12Offizier und ErfinderAnders als die meisten seiner Magdeburger Kameraden verbrachte der Artillerieleutnant Werner von Siemens seine Freizeit wedermit Kartenspielen noch mit irgendwelchen Liebschaften. SeineLeidenschaft galt vielmehr chemischen und physikalischen Experimenten, die er in Ermangelung eines Labors in seiner Privatwohnung durchführte. 1840 wurde Werner von Siemens nach Wittenberg versetzt. Seine Versuche zielten nun darauf ab, ein galvanisches Vergoldungsverfahren zu entwickeln. Es gelang ihm, einenTeelöffel aus Neusilber zu vergolden, dann auch seine Taschenuhr. Schließlich war sein Verfahren so ausgereift, dass ihm am29. März 1842 hierauf sein erstes Patent erteilt wurde.4In seiner Freizeit beschäftigte sich Werner von Siemens jedochnicht nur mit naturwissenschaftlichen Experimenten. Schon aufder Artillerie- und Ingenieurschule hatte er sich häufig an Duellen beteiligt, die unter jungen Offizieren zur Standesehre gehörten. Duellanten und Sekundanten drohten hohe Strafen, wenn sieangezeigt wurden – was selten der Fall war. Kam es dennoch zueiner Anzeige, wurden die Offiziere in der Regel rasch begnadigt.Nach einem solchen Duell in Wittenberg, an dem Werner vonSiemens als Sekundant teilgenommen hatte, wurde er von einemverletzten Offizier angezeigt. Daraufhin verurteilte ihn ein Kriegsgericht zu fünf Jahren Festungshaft, die er im April 1842 im Offiziershaus der berüchtigten Magdeburger Zitadelle antrat; bereitsdrei Wochen später wurde er begnadigt. In seinen Lebenserinnerungen schmückt Werner von Siemens die Schilderung seiner1840er Jahre In Preußen werden alljährlich rund bis Patente erteilt,deren Laufzeit stets fünf Jahre beträgt.13

Haft aus, indem er schreibt, dass er sich in seiner »vergittertenaber geräumigen Zelle ein kleines Laboratorium« eingerichtethabe und »ganz zufrieden« mit seiner Lage sei. Im ersten Monatseiner Strafe habe er in der Zelle »Versuche« durchgeführt, beidenen ihm erstmals die Vergoldung eines Teelöffels geglückt sei.5Tatsächlich war ihm das Patent für sein Vergoldungsverfahren,wie oben ausgeführt, bereits vor der Haft erteilt worden. Die Darstellung in seiner Autobiografie ist also eine Legende. Sie enthältjedoch eine Botschaft an die Leser: Hatte sich Werner von Siemensein Ziel gesetzt, konnten ihn auch Festungsmauern von dessenRealisierung nicht abhalten.Zum 1. Oktober 1842 wurde der Sekondeleutnant Siemens zurArtilleriewerkstatt nach Berlin versetzt. Seine Vorgesetzten hatten erkannt, dass er der Armee dort nützlicher sein konnte alsbei der Festungsartillerie. Ihrer Einschätzung nach bewies er »beiseiner vorzugsweisen Neigung zu wissenschaftlichen Studien,wenig militärisches Geschick«.6 Die Position eines »Betriebsoffiziers« der Berliner Artilleriewerkstatt war für Werner von Siemensideal. Hier konnte er an weiteren Erfindungen arbeiten – zugleicherhielt er Anregungen und Impulse aus der naturwissenschaftlichen Community der Residenzstadt. Er gehörte der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin seit ihrer Gründung im Januar 1845an, hielt dort Vorträge und lernte bedeutende Naturwissenschaftler wie den Physiologen Emil du Bois-Reymond kennen.BrüderbandeSpätere Mitbegründer der PhysikalischenGesellschaft zu Berlin, in der Mitte sitzendEmil du Bois-Reymond, 1842Als Offizier tat sich Werner von Siemens schwer, sein erstes Patentzu vermarkten. Bei der Suche nach zahlungskräftigen Interessenten war er auf die Unterstützung seines knapp 20-jährigen Bruders William angewiesen, wodurch sich das enge Verhältnis derbeiden um eine geschäftliche Dimension erweiterte. William reisteAnfang 1843 nach England, wo es ihm nach zähen Verhandlungengelang, die Rechte an dem Vergoldungsverfahren für einen stattlichen Betrag an den Silberfabrikanten George Richards Elkington zu verkaufen. Nach diesem Erfolg beschäftigten sich Werner1845 Die Physikalische Gesellschaft zu Berlin wird gegründet.Unter dem Namen »Deutsche Physikalische Gesellschaft« ist sie mit mehr als . Mitgliedern heute die weltweit größte Fachgesellschaft ihrer Art.1843 Das Unternehmen Elkington, Mason & Co. in Birmingham ist weit überdie Grenzen Großbritanniens hinaus der führende Hersteller auf dem Gebietder Galvanotechnik und Vergoldung.1415

und William nun gemeinsam mit »Erfindungsspekulationen« unterschiedlichster Art. 1844 zog William dauerhaft nach Englandund ließ sich dort als Ingenieur nieder.In Berlin konnte Werner von Siemens nach und nach die jüngeren Brüder Carl, Friedrich und Walter bei sich aufnehmen. ImNovember 1845 wurde er bevollmächtigt, die Vormundschaft überdiese Geschwister auszuüben. Er nahm in Kauf, dass er sich infolgedessen fast ständig in Geldnot befand – sein bescheidenesGehalt als Sekondeleutnant reichte kaum aus, den Unterhalt zubestreiten. Vergeblich hoffte er auf Einnahmen aus neuen Erfindungen. Es entsprach seinem Naturell, sich hiervon nicht entmutigen zu lassen; fest glaubte er an eine bessere Zukunft. Späterschrieb er einmal:»Ich habe überhaupt stets in der Zukunft mehr wie in derGegenwart gelebt, wenn diese mir nur lächelt, so trage ichgerne die rauhen Seiten der selten ganz liebenswürdigenGegenwart!« 7»Eine feste Laufbahn durch die Telegraphie«8Auf Anregung eines Geschäftspartners beschäftigte sich Wernervon Siemens ab Juli 1846 mit der elektrischen Telegrafie. Dieseneue, in England entwickelte Technik sollte damals auch in Preußen eingeführt werden. Innerhalb weniger Wochen entwickelte erein neues Konstruktionsmodell für einen Zeigertelegrafen, dendie Briten Charles Wheatstone und William Fothergill Cooke neunJahre zuvor erfunden hatten. Indem Werner den Lauf zweiermiteinander korrespondierender Telegrafen elektrisch synchronisierte, arbeitete der Siemens-Zeigertelegraf zuverlässiger alsder Wheatstone-Telegraf. Drückte man beim sendenden Telegrafen eine Buchstabentaste, unterbrach dies den Stromfluss, und derZeiger des Empfangsgeräts stoppte auf dem gleichen Buchstaben.UnternehmensgründungUm seinen 30. Geburtstag erkannte Werner von Siemens, dassihn die Beschäftigung mit vielen unterschiedlichen Erfindungennicht weiterbrachte. Aus dieser Einsicht zog er mit bemerkenswerter Entschlossenheit die Konsequenz, einen Neuanfang zu wagen. Er setzte nun ganz und gar auf die »magnetische Telegraphie«. Mit dieser Strategie ging er ein erhebliches Risiko ein, danoch kein einziges Exemplar des von ihm verbesserten Zeigertelegrafen gebaut worden war. Was würde geschehen, wenn sichseine Konstruktion als fehlerhaft erwies? Werner von Siemenskonnte den Telegrafen nicht selbst bauen. Er musste einen fähi-Um 1850 befindet sich England, das Mutterland der Industrialisierung,auf dem Höhepunkt seiner wirtschaftlichen Dominanz. Zahlreiche Erfinderhoffen, hier ihr Glück zu machen.161830er Jahre In England entwickeln Charles Wheatstone und WilliamFothergill Cooke einen elektrischen Telegrafenapparat, in den USA stelltSamuel F. B. Morse den ersten elektrischen Schreibtelegrafen vor.17

gen Mechaniker finden, der hierzu in der Lage war. Emil du BoisReymond, den er aus der Physikalischen Gesellschaft kannte, vermittelte ihm an der Jahreswende 1846/47 den Kontakt zu dem Feinmechaniker Johann Georg Halske. Diese Verbindung sollte sichals großer Glücksfall erweisen.9Die Telegrafie war in Preußen damals ein Monopol des Militärs.Der Telegrafendirektor und die Telegrafenkommission unterstanden dem Generalstab. Nachdem Halske den ersten Siemens-Telegrafen gebaut hatte, konnte Werner von Siemens die Telegrafenkommission von den Vorzügen seiner Erfindung überzeugen. DerTelegrafendirektor veranlasste daraufhin, dass er zum Dienst beider Telegrafenkommission kommandiert wurde. Damit war Wernervon Siemens der Instanz zugeteilt, die über den Bau von Telegrafenlinien und die Vergabe der damit verbundenen Aufträge entschied.Unterdessen traf Werner von Siemens die nötigen Vorbereitungen, um gemeinsam mit Johann Georg Halske ein Unternehmenfür Telegrafenbau zu gründen. Da beiden das erforderliche Kapital fehlte, sprang der Justizrat Johann Georg Siemens, ein VetterWerners, als weiterer Gesellschafter mit einem größeren Darlehenein. Am 1. Oktober 1847 wurde das Unternehmen durch einen Gesellschaftsvertrag gegründet. Wenige Tage später erhielt Wernervon Siemens ein preußisches Patent auf den Zeigertelegrafen,nun konnte die Fertigung aufgenommen werden.10 Siemens undHalske hatten zu diesem Zweck ein Hinterhaus in der Schöneberger Straße 19, in unmittelbarer Nachbarschaft des Anhalter Bahnhofs, angemietet. Die beiden Firmengründer lebten fortan im selben Gebäude. Wegen Siemens’ Status als Offizier im Dienst derTelegrafenkommission trat das Unternehmen vorerst nur unterdem Namen Halskes auf, als »Werkstatt Halske«.Die Telegrafenkommission plante damals, in Preußen mehrereunterirdische Fernlinien bauen zu lassen. Für den 15. März 18481846 Als erste elektrische Telegrafenlinie Preußens wird eineVersuchsstrecke zwischen der Hauptstadt Berlin und Potsdam eröffnet.18Siemens-Zeigertelegraf (Nachbau), 1847hatte sie in Berlin einen Wettbewerb von Konstrukteuren aus demIn- und Ausland angesetzt, dessen Ergebnis über die Vergabeder Aufträge entscheiden sollte. Werner von Siemens rechnetemit einem sicheren Erfolg, doch der Wettbewerb musste vorzeitigabgebrochen werden, da es in Berlin, wie zuvor schon in andereneuropäischen Städten, just an diesen Tagen zu revolutionärenUnruhen kam. Werner von Siemens erlebte in der Nacht auf den19. März den Berliner »Barrikadenaufstand« aus nächster Nähemit. Er sympathisierte mit den Aufständischen, die bürgerlicheGrundrechte und einen deutschen Nationalstaat forderten.Voller nationaler Begeisterung zog er wenige Wochen späterals Freiwilliger in den deutsch-dänischen Krieg um den Status derHerzogtümer Schleswig und Holstein. Seine Schwester Mathildelebte inzwischen in Kiel, wohin ihr Mann, der Chemiker Carl Himly,auf eine Professur berufen worden war. Gemeinsam mit seinemAm 18. März 1848 versammeln sich Bürger Berlins auf dem Schlossplatz.Als Militär den Platz zu räumen beginnt, bricht Chaos aus, und es fallen zweiSchüsse. Infolgedessen kommt es zum »Barrikadenaufstand« mit mehrerenHundert Toten.19

Schwager sicherte Werner von Siemens den Kieler Hafen gegenAngriffe der dänischen Flotte. Beide bauten dort die erste Seeminensperre. Diese bestand aus Pulversäcken, die elektrisch gezündet werden konnten. Anschließend übernahm Werner dasKommando über die vor Kiel gelegene Festung Friedrichsort. Später wurde ihm die Verteidigung der Eckernförder Bucht übertragen. An Kampfhandlungen war er nicht beteiligt, dennoch blieber drei Monate in diesem Krieg, obwohl sich sein junges Unternehmen in einer entscheidenden Phase befand.Telegrafenbau für den preußischen StaatNach seiner Rückkehr wurde Werner von Siemens von der Telegrafenkommission beauftragt, zwischen Berlin und Frankfurt amMain, wo seit Mai 1848 die Deutsche Nationalversammlung tagte,eine Nachrichtenverbindung herzustellen. Eine zweite Linie sollte von Berlin nach Aachen gebaut werden. Bereits im Vorfeld hatte die Kommission entschieden, die Frankfurter Linie mit Zeigertelegrafen und Guttapercha-isolierten Kabeln nach einem vonSiemens entwickelten Verfahren auszustatten. Dank eines Hinweises seines in London lebenden Bruders William wusste Wernervon Siemens um die besonderen Eigenschaften der Guttapercha,eines gummiartigen Stoffes aus Südostasien. Durch deren Verwendung war es ihm gelungen, ein Verfahren zur nahtlosen Ummantelung kupferner Telegrafendrähte zu entwickeln. Für die Isolierung unterirdisch verlegter Nachrichtenkabel erwies sich seineMethode zu jener Zeit als die beste Technik. Damit hatte Siemenseinen technischen Vorsprung gegenüber den Wettbewerbern,schließlich sollten die beiden projektierten Linien weitgehendunter der Erde verlaufen. Am Bau der Fernlinien war Werner vonSiemens gleich dreifach beteiligt: als Offizier im Dienst der TeleDurchblick zur ersten Werkstatt in derSchöneberger Straße 19, undatiertMai 1848 – Mai 1849 In der Frankfurter Paulskirche tagt die DeutscheNationalversammlung. Die Mitglieder dieses ersten gesamtdeutschenParlaments verabschieden im März eine Reichsverfassung, die vonden größten deutschen Staaten nicht anerkannt wird.2021

grafenkommission übernahm er die Bauleitung, zugleich war erGesellschafter des Unternehmens, das die Telegrafenapparate herstellte, und Vertragspartner des Kabellieferanten.Im Februar 1849 ging die Linie nach Frankfurt am Main in Betrieb. Schon wenige Wochen später zeigte sich, warum sie vonherausragender politischer Bedeutung war. Die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche wählte am 28. März 1849 denpreußischen König Friedrich Wilhelm IV. zum Deutschen Kaiser.Dank der neuen Kommunikationstechnik wurde die Wahl – die derKönig nicht annahm – innerhalb einer Stunde in Berlin bekannt.Den Bau der Linie nach Aachen übertrug Werner von Siemens seinem Freund und Brigadekameraden William Meyer. Nach Fertigstellung dieser damals längsten Telegrafenlinie Europas schiendie Zukunft der Telegrafenwerkstatt in der Schöneberger Straßegesichert. Werner von Siemens reichte nun seinen Abschied beimMilitär ein mit dem Ziel, sich ganz dem Unternehmen zu widmen.Wie bei einem solchen Anlass üblich, erhielt er noch die Beförderung zum Premierleutnant. Nach über 14 Jahren bei der preußischen Artillerie war er ab dem 12. Juni 1849 wieder Zivilist.Inzwischen unterstand das preußische Telegrafenwesen nichtmehr dem Generalstab, sondern dem Handelsministerium. Depeschen konnten nun auch von Unternehmen, Nachrichtenagenturen und Privatpersonen übermittelt werden. Die Werkstatt vonSiemens und Halske erhielt weiterhin Großaufträge von der preußischen Staatstelegrafie, sie war deren Monopollieferant geworden. Ab dem Frühjahr 1851 häuften sich jedoch die Störungen aufden durchweg unterirdisch verlaufenden staatlichen Linien; dieGuttapercha-Isolierung der Kabel war in vielen Fällen beschädigt.Der technische Leiter der preußischen Telegrafenverwaltung,Friedrich Nottebohm, machte Werner von Siemens hierfür verantwortlich. Als dieser sich mit der Veröffentlichung einer Denkschriftgegen die Schuldzuweisungen verwahrte, entzog ihm Nottebohmsämtliche Staatsaufträge11 – und das junge Unternehmen gerietin eine erste Krise. Werner von Siemens sah sich gezwungen, verstärkt Aufträge aus dem Ausland zu akquirieren, was ihm bishernicht gelungen war. Mit Blick auf die angestrebte Expansion erwarb er ein Haus samt großem Areal in der Markgrafenstraße 94und legte Wert darauf, dass das Unternehmen nun als »Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske« firmierte.121849 Durch die elektrische Telegrafie entsteht in Berlin die erstedeutsche Nachrichtenagentur. Zwei Jahre später wird in London dieNachrichtenagentur Reuters gegründet.1852 Mit dem Umzug von der Schöneberger in die Markgrafenstraßeentwickelt sich die Werkstatt von Siemens & Halske zu einer Fabrik. BeideStandorte befinden sich im heutigen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.22Zeitgenössische Darstellung der beiden Gründer, 185523

Der Privatmann Werner von SiemensDadurch, dass Werner von Siemens ab 1843 nach und nach seineBrüder Carl, Friedrich und Walter bei sich aufgenommen hatte,war wenige Jahre nach dem Tod der Eltern wieder ein starkerZusammenhalt unter den Geschwistern entstanden. Als Familienältester stand Werner im Zentrum dieses Geschwisterkreises,der gleichzeitig den Mittelpunkt seines Privatlebens bildete. NachGründung der »Telegraphen-Bauanstalt« lag es nahe, dass der21-jährige Friedrich und der 18-jährige Carl in das Unternehmeneintraten. Friedrich wechselte bald nach London und versuchte gemeinsam mit seinem älteren Bruder William, vor Ort Aufträge fürSiemens-Zeigertelegrafen einzuwerben. 1850 übernahm Williamdie erste Auslandsvertretung von Siemens & Halske in der britischen Metropole. Im gleichen Jahr zog auch Carl nach London, umdas Elektrounternehmen auf der ersten Weltausstellung zu repräsentieren. Über diese ersten Expansionsschritte hinaus wurdedas Auslandsgeschäft von Siemens & Halske auch weiterhin voneinzelnen Siemens-Brüdern verantwortet. Die enge Verknüpfungvon Familie und Geschäft erwies sich für alle Beteiligten als vorteilhaft. Werner von Siemens konnte sich auf die Loyalität seinerBrüder verlassen. Dies galt in besonderer Weise für Carl, der imAuftrag von Siemens & Halske erst in Berlin, dann in London,Paris und St. Petersburg tätig war. Ein familienfremder Angestellter hätte diese Strapazen kaum auf sich genommen.13Auch mit 35 Jahren war Werner von Siemens’ Privatleben nochganz von der Gemeinschaft mit den jüngeren Brüdern geprägt.Diese waren wie er selbst allesamt unverheiratet. Der »eingewurzelte brüderliche Zimmerkommunismus«, wie Werner vonSiemens dieses Miteinander einmal nannte, gehörte zum Lebensstil des Firmengründers, der im Hinterhaus der SchönebergerStraße 19 unter der Werkstatt lebte.14 Abgesehen von den Geschwistern bestand sein engster Kreis in jener Zeit nur aus demlangjährigen Freund William Meyer, ab 1855 erster Bürochef vonSiemens & Halske, und Johann Georg Halske, der mit seiner Familie ebenfalls in der Schöneberger Straße 19 wohnte.Werner von Siemens war kein Asket, es ging bei ihm oft geselligzu. Er genoss es, gemeinsam mit anderen zu feiern, und rauchte1851 findet in London die erste Weltausstellung statt. Als eines derweltweit führenden Elektrounternehmen ist Siemens seitdem regelmäßigauf den großen technisch-industriellen Leistungsschauen präsent.1855 William Meyer nimmt seine Tätigkeit als Oberingenieur und Prokuristin der Berliner Zentrale von Siemens & Halske auf. Er etabliert erstmals einegewisse bürokratische Struktur im Unternehmen.24Werner von Siemens mit seinen jüngeren GeschwisternOtto, William, Friedrich, Hans, Sophie und Walter(von links), 185125

leidenschaftlich gern Zigarren. Seine ältere Schwester, die Professorengattin Mathilde Himly, ging so weit, das Heim ihres Brudersmit einem Wirtshaus zu vergleichen.15 Hobbys hatte Werner vonSiemens keine. Er interessierte sich weder für Musik,

2016 Das Geburtshaus Werner von Siemens' in Lenthe steht noch heute. Aus Anlass seines . Geburtstags wird in dem denkmalgeschützten Gebäude eine Dauerausstellung zum Leben des Elektropioniers eröffnet. Herkunft und Ausbildung Kindheit auf dem Land Werner von Siemens war es nicht in die Wiege gelegt, Unterneh-mer zu werden.